Top-Thema Security Was ist Sicherheit wert?

Joachim Kroll, Stv. Chefredakteur Elektronik
Joachim Kroll, Stv. Chefredakteur Elektronik

Warum gehen Menschen so sorglos mit ihrer Privatsphäre um? Und warum wird es richtig teuer, wenn Firmen sich genauso verhalten?

Für ihre Zuverlässigkeit und Sicherheit in funktionaler Hinsicht sind deutsche Produkte schon lange weltweit bekannt und begehrt. Die IT-Sicherheit alias Security ist hingegen eine Form der Sicherheit, bei der sich in den letzten vier Jahren ein radikaler Bewusstseinswandel vollzogen hat – oder etwa nicht?

Es kommt wohl darauf an, aus welcher Perspektive man das Thema betrachtet. In schöner Regelmäßigkeit laufen Meldungen zu Sicherheitslücken über die Newsticker, empören sich Publikumsmedien über die Datensammelwut von Google, Facebook & Co. Aber offenbar kann keine Nachricht schlimm genug sein, um zu verhindern, dass Menschen ihre Mitteilungen unsicheren Messengern wie WhatsApp anvertrauen, mehr oder weniger Prominente ihre intimsten Bilder in der Cloud speichern oder Angestellte dienstliche Dokumente bei Dropbox hochladen. Ein amerikanisches Sprichwort sagt dazu: „Wenn du nichts für die Ware bezahlst, dann bist du die Ware“.

Woran liegt es, dass die Menschen offenbar so ignorant mit ihrer Privatsphäre umgehen? Denn es sind durchaus brisante Daten, die sich durch die Zusammenführung unterschiedlicher Datenquellen, durch Analyse und Profilbildung gewinnen lassen: Einkommensverhältnisse, sexuelle Orientierung, Religionszugehörigkeit, persönliche Interessen – bis hin zu politischen Überzeugungen.

Meine Theorie dazu lautet: Es hat bei uns keine ernsthaften Konsequenzen, wenn diese Daten weiterverarbeitet werden. NSA-Skandal? – Was soll’s, solange ich noch unbehelligt in die USA fliegen kann… Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass man ein wenig unerwünschte Werbung bekommt. Ansonsten ist der Zugriff staatlicher Behörden auf Daten strikt reglementiert und die privaten Unternehmen können sich grobe Verstöße gegen den Datenschutz ebenfalls nicht leisten, weil der Imageschaden viel zu groß wäre, wenn ein Mißbrauch von Kundendaten aufgedeckt wird. Die Gesetze hierzulande garantieren Meinungs- und Religionsfreiheit und schützen vor Diskriminierung und die Gerichte sorgen dafür, dass wir diese Rechte auch wahrnehmen können.

In der Industrie sieht es anders aus. Im internationalen Kräftespiel des Handels zählen weder Umweltbewusstsein noch soziale Verantwortung, sondern Monopole und Oligopole, Know-how-Vorsprung und Marktmacht. Wer sich Daten beschafft und Informationen gewinnt – auf welchem Weg auch immer – gilt als naiv, wenn er diese nicht auch nutzt.

Laut VDMA sind 71 Prozent seiner Mitgliedsunternehmen von Produkt- und Markenpiraterie betroffen. Den für den Maschinen- und Anlagenbau entstandenen Schaden schätzt der Verband auf 7,9 Milliarden Euro jährlich. Mag sein, dass diese Zahl aus Gründen des Lobbyismus etwas hoch gegriffen ist – fest steht aber: So ignorant wie ein Privatnutzer kann kein Industrieunternehmen mit seinen Daten umgehen. Und Gegenmaßnahmen gegen den Datenklau zu treffen ist die einzige Währung, die im internationalen Kontext etwas wert ist. Deshalb ist und bleibt es wichtig, Sicherheits-Know-how aufzubauen und sich ständig zu informieren – näheres in unserem Sonderheft Elektronik industrial.