Orientierung im Nebel Kampf der Smart-Home-Integrationsplattformen

Dr. Kotschi, Kotschi Consulting: »Es mag jetzt etwas paradox klingen, aber es gibt nicht nur die Bereitschaft zu Investitionen aufgrund des Wettbewerbsdrucks, es gibt auch aufgrund der hohen Komplexität eine gewisse Lähmung.«
Dr. Bernd Kotschi, Kotschi Consulting: »Reine B2C Smart Home Plattformen werden zu Auslaufmodellen im Smart Home.«

Im Smart-Home-Umfeld tobt der Kampf der Plattformen. »Jetzt sind echte Interoperabilitäts-Strategen gefragt, sie müssen vorausdenken wie beim Schachspiel«, sagt Dr. Bernd Kotschi von Kotschi Consulting über die verschiedenen Ansätze und ihre Erfolgsaussichten.

Energie & Technik: Erleben wir jetzt den Kampf der Plattformen um das Smart Home?

Dr. Bernd Kotschi: Zunächst lässt sich festhalten, dass die globalen Internet-Giganten wie Alphabet/Google, Amazon, Apple, Samsung und Co. erst damit begonnen haben, sich im Smart Home Markt zu positionieren und dies auch auf der Basis ganz unterschiedlicher Plattformmodelle. Dem gegenüber stehen die eher national ausgerichteten Aktivitäten wie etwa Qivicon, RWE, eQ-3, Somfy, Diehl, Rademacher etc., die bereits seit einigen Jahren im Markt aktiv sind. Will man nun die Smart Home Aktivitäten der sog. Plattformanbieter direkt vergleichen, vergleicht man tatsächlich erst einmal Äpfel mit Birnen.

Zum Verständnis ist eine Differenzierung notwendig. Es gibt zunächst die reinen B2C-Unternehmensplattformen wie Gigaset, eQ-3 Homematic, SMA, devolo und Rademacher. Die nächste Gruppe umfasst die B2C-Integrationsplattformen: Nest, Samsung SmartThings und RWE. Zu den B2B-Platform-Providern zählen Qivicon, iControls, HomeKit. Schließlich gibt es die Technologieallianzen wie Thread und AllSeen.

Was wir aktuell sehen ist dann eher ein Wettlauf um die besten Interoperabilitätskonzepte zur Gewinnung von Plattformpartnern. Dies letztendlich mit dem Ziel, dem Endkunden das intelligente Zusammenspiel einer Vielzahl von Endgeräten, Aktoren und Sensoren unterschiedlichster Hersteller im Smart Home zu ermöglichen. Was deutlich wird: Reine B2C Smart Home Plattformen werden zu Auslaufmodellen im Smart Home.

Welchem der Anbieter trauen Sie dabei zu, demnächst massenmarkttauglich zu werden?

Das Vertrauen in die Problemlösungskompetenz von Apple und Co. ist zunächst groß, doch mit Hinblick auf deren aktuelle »Interoperabilitätskonzepte« muss das stark relativiert werden. Wir sehen hier Smart Home vielmehr in der Gadget-Ecke positioniert.

So stellt HomeKit eine Middleware-Plattform zur Verfügung, an die Smart Home Hersteller ihre Produkte direkt auf Basis eines HomeKit-Chips oder indirekt über eine »HomeKit-Intermediär-Plattform« andocken – mit oder ohne eigener Control/Service-App – und Software Developer übergreifende Apps zur Smart Home Steuerung anbieten können. Wesentliche Kritik: die Middleware-Plattform spezifiziert nur bestimmte, zumeist sehr rudimentäre Funktionen. Die spezifischen Anforderungen der Smart Home Domain-Player – etablierte vertikale Sparten-Marken – an Integrationsplattformen werden dabei nicht bedient. Ein wesentlicher Grund, weshalb sich auf Apple HomeKit vorerst mehrheitlich nur Gadget-Anbieter wie Belkin, Elgato, Philips Hue, sowie Startups und weniger die Domain-Player einfinden werden. Weiterhin löst HomeKit die für den Endkunden unangenehme Problematik der Smart Home Gateways der HomeKit Partner nicht auf, wenn diese nicht auf WLAN und BTLE setzen, wie etwa Philips.

Im Fall von Nest oder Amazon Echo sehen wir hingegen das Entstehen Produkt-zentrischer Interoperabilitätsansätze, quasi Ecosysteme, die direkt an das Nest- bzw. Echo-Produkt geknüpft sind. Das Zusammenspiel der Endgeräte verschiedener Hersteller erfolgt vorerst ausschließlich über Cloud-Anbindung, was die zu realisierenden Use cases im Smart Home wiederum limitiert.

Also ein ganz anderer Ansatz als Samsung oder Qivicon ihn verfolgen?

Ja, dem gegenüber stehen  Integrationsplattformen wie Samsung (B2C) oder Qivicon (B2B). Sie gehen zwar auf unterschiedliche Interoperabilitätskonzepte zurück, lassen sich aber schon eher miteinander vergleichen. Bei Beiden steht ein zentraler Gateway-Ansatz im Vordergrund, wobei eine Integration sowohl auf lokaler als auch auf Cloud-Ebene erfolgen kann. In Bezug auf die Geschäftsmodelloptionen wird dann aber der Unterschied deutlich. Im Fall von SmartThings beherrscht Samsung das User Interface, also die Control/Service-App für den Endkunden. Im Fall von Qivicon machen sich die Unternehmen zum einen kompatibel zum Qivicon-Ecosystem, also können Lösungsanbieter die Produkte einbinden, ähnlich wie bei HomeKit. Zum anderen können die Unternehmen selbst auch die entscheidende Control/Service-App für ihre Kunden entwickeln und dabei ebenso den Zugriff auf alle anderen Devices des Ecosystems in der eigenen App abbilden. Vorteil bei Samsung und Qivicon: Ein zentrales Gateway. Nachteil: Nur teilweise Adressierung der Anforderungen in den jeweiligen Smart Home Domains wie Home Security, Home Energy Management, Home Care etc..

Vergleicht man also die marktbedeutenden Smart Home Plattformen, muss man aus B2B-Sicht durchaus eine differenzierte Betrachtung nach Art der Interoperabilität, Use case Unterstützung, Geschäftsmodelloptionen, aber auch Kundensegmentadressierung vornehmen.

Dann gibt es ja noch die Standardisierungsbemühungen der Allianzen wie die AllSeen Alliance?

Neben AllSeen lassen sich hier das Open Interconnect Consortium (OIC), die Thread Allianz und der EEBus zu den marktbedeutenden Initiativen zählen, wobei die Erstgenannten in Bezug auf ihre Mitglieder große Überschneidungen aufweisen.

Während die konkurrierenden AllSeen und OIC Standardisierungsallianzen auf Internet of Things und Smart Home im Allgemeinen ausgerichtet sind, handelt es sich bei dem EEBus um eine Domain-spezifische Initiative mit klarem Fokus auf das Home Energy Management. Dabei steht das Zusammenspiel derjenigen Smart Home Anwendungsszenarien im Vordergrund, die für ein auf Effizienz und Komfort ausgerichtetes Energiemanagement im Smart Home des Endkunden erforderlich sind.