Deutscher Startup-Erfolg Erste passive Gestensteuerung »Myestro« startet durch

Das Ulmer Startup Myestro bietet mit seiner Technik die erste Gestensteuerung, die ohne Infrarot auskommt und damit auch im Freien einsetzbar ist. So wird die Hand zur Maus und Anwendungen lassen sich berührungslos steuern. Gedacht ist das System beispielsweise für Bildschirme im öffentlichen Raum. Doch das ist längst nicht alles.

Acht Mitarbeiter haben in einem kleinen Büro in Ulm ein Gerät entwickelt, das bisher einzigartig ist. Die Myestro-Gestensteuerung ist eine kleine Box, die auf einen Bildschirm montiert werden kann und anschließend dessen Bedienung übernimmt. Über zwei gewöhnliche CMOS-Bildsensoren erfasst sie die Bewegungen des Benutzers, der vor dem Display steht, und wandelt diese in Mausgesten um. Damit lassen sich dann alle Anwendungen berührungslos steuern – von Computerprogrammen wie PowerPoint bis hin zu öffentlichen Anzeige- und Werbetafeln. Auf letzteren liegt das Hauptaugenmerk der Entwickler: »Mit diesen Bildschirmen kann man im Prinzip nichts machen, außer draufschauen. Werbeanalysen zeigen aber, dass Menschen sich deutlich besser an etwas erinnern können, wenn sie aktiv mit dem Medium interagiert haben. Unsere Idee ist nun, die vielen tausend Bildschirme in S-Bahn-Stationen oder Kaufhäusern interaktiv nutzbar zu machen. Und das ohne umständliche Anmeldung oder Zusatzgerät«, erklärt Dr. David Wenger, Geschäftsführer von Myestro Interactive.

Die digitale Beschilderung (Digital Signage), der man beispielsweise an Flughäfen oder auf öffentlichen Plätzen begegnet, könnte also bald mehr sein als animierte Plakate. Doch wie wird das eigentlich technisch realisiert?

Dank Rubber Stereo Technologie für draußen geeignet

Bekannte Gestensteuerungs-Systeme wie Microsoft Kinect oder Leap Motion nutzen einen Infrarotsensor, um Eingabebewegungen abzugreifen. Dieser sendet infrarotes Licht aus und misst entweder die reflektierte Strahlung (Structured Light) oder die Dauer der Reflexion (Time of Flight), um den Ort eines bestimmten Merkmals ausfindig zu machen. Aus diesen Daten lassen sich dann die Bewegungsrichtung und die Geschwindigkeit ableiten. Dieses Verfahren ist sehr aufwändig und funktioniert nur in recht dunklen Räumen zuverlässig. Denn bei zu viel Sonneneinstrahlung würde das ausgesendete infrarote Licht untergehen.

An dieser Stelle unterscheidet sich Myestro grundlegend von der Konkurrenz. Hier sind zwei CMOS-Bildsensoren verbaut, welche die Merkmale des erfassten Gebiets direkt im Bild verfolgen und deren Geschwindigkeit messen. Die Software errechnet aus den Daten zusammenhängende Merkmalsschwärme, die dann bei entsprechenden Gesten die programmierten Interaktionen auslösen. Dahinter steckt statistische Bildverarbeitung. Im Code ist also nicht – wie sonst üblich – das Modell eines Menschen hinterlegt, sondern die Anwendung reagiert auf Bewegungen kartoffelgroßer Merkmalsschwärme. Das hat den Vorteil, dass Myestro auch dann funktioniert, wenn keine idealtypische Körperform vorliegt. Das ist nützlich, da man das Gerät auch mit einem Gegenstand in der Hand bedienen kann. Behinderte Menschen, die beispielsweise einen amputierten Arm haben, erkennt das System ebenfalls problemlos.

Myestro erhebt die nötigen Daten innerhalb eines frei konfigurierbaren, dreidimensionalen Aktionsraums. Diese virtuelle Box kann sich in bis zu 15 Metern Entfernung befinden und wird von den Entwicklern als »SpacePad« bezeichnet. »Bei einem normalen Schaufenster mit einem 50-Zoll-Display wäre das ein Gebiet von etwa 60x80cm in einem bis drei Metern Abstand«, so Wenger. Derzeit würden nur zwei »Hände« zugelassen, allerdings sind den Anwendern bei der Entwicklung von entsprechenden Benutzer-Schnittstellen keine Grenzen gesetzt. Theoretisch wären bis zu fünf parallele Anwender gleichzeitig realisierbar, wenngleich das in der Praxis kaum von Nutzen sein dürfte.