Kein Bedarf an »Ingenieuren zweiter Klasse«

Was einem weggenommen werden soll, das schätzt man ganz besonders. Dass der Master-Ingenieur ein vollwertiger Ersatz für den klassischen Diplom-Ingenieur sein wird, steht für die Elektronikwirtschaft außer Zweifel. Aber wozu der Bachelor-Ingenieur taugen soll, haben viele noch nicht ganz heraus. Und stellen deshalb lieber gleich Hans statt Hänschen ein.

Sind die Bachelors Ingenieure zweiter Klasse? Peinlicher könnte die Frage an den Personalchef gar nicht lauten. Deshalb holt er erst mal tief Luft und geht auf Nummer sicher: »Wollen Sie eine ehrliche Antwort? Oder wollen Sie das drucken?«

Was als kleine, harmlose Telefonumfrage gedacht war, entpuppt sich als Stich ins Wespennest. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit vergessen Rekruiter und HR-Manager die offiziellen Sprachregelungen ihrer Unternehmen und reden Tacheles. Die meistgehörte Antwort lautet: »Um ehrlich zu sein: Wir wissen noch gar nicht, was wir mit denen anfangen sollen.« Daneben offenbaren sich Wissenslücken (»Bachelors? Die haben nur ein Vordiplom«), Traditionsbewusstsein (»Wir sind doch nur deshalb Exportweltmeister, weil wir unsere Diplom-Ingenieure haben«), Vorurteile (»Schmalspurtechniker brauchen wir nicht«), Sorge vor Mehrbelastung (»Ich muss mir jetzt wohl die einzelnen Studieninhalte gründlich ansehen«) und, bei Mehrfachnennungen fast immer dabei, die von unbestimmter Bange geprägte Abwehr des Neuen: »Damit sind wir noch nicht vertraut. Das lassen wir erst mal auf uns zukommen.«

Eines steht fest: Für die Industrie ist der Bologna-Prozess, auf den sich Ende der 90er Jahre immerhin 45 europäische Staaten geeinigt haben, kein großer Wurf. Ziel war »die Schaffung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse« an Universitäten und Fachhochschulen. Das Ergebnis, Stand heute, reicht von mittlerer Verwirrung bis zur totalen Verweigerung. Manche Firmen wollen ihren Ingenieurs-Nachwuchs künftig nur noch aus den wenigen noch verbliebenen Diplom-Studiengängen rekrutieren. Begründung: Da weiß man, was man bekommt.

Vorausschauend auf die neuen Studienabschlüsse eingestellt hat sich Nicole Julien, Leiterin des Personalmarketing bei Rohde & Schwarz. »Wir werden uns auf Master-Absolventen konzentrieren«, beschreibt sie die Linie des Unternehmens, »was nicht heißt, dass wir für praxisorientierte Arbeiten in der Entwicklung nicht auch hin und wieder einen Bachelor brauchen könnten.« Doch der Theorieanteil in der ersten Studienstufe sei einfach zu gering, als dass man die Bachelors gleich Diplom-Ingenieuren einsetzen könne. Kollegen aus anderen Firmen würden es genauso sehen: »Das wird sehr kritisch beurteilt.«

Dass die Hightech-Industrie über die ex cathedra-Entscheidung aus Europa murrt, wundert nicht. Bis 2010, wenn sämtliche Hochschulen ihre Studiengänge umgestellt haben sollen, bleibt es unübersichtlich. Zum Wintersemester 2005/2006 machten die neuen Studiengänge erst 34 Prozent des Studienangebotes an deutschen Hochschulen aus. In Berlin, Brandenburg und Niedersachsen sind bereits weit mehr als 60 Prozent aller Wissenschaftsbetriebe bolognisiert, in Bayern und im Saarland weniger als 30 Prozent, viele wollen, haben aber kein Geld dafür, manche Hochschulen in Sachsen dürfen umstellen, müssen aber nicht, und überhaupt gibt es für die ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen eine Ausnahmeregelung: Sie können, wenn sie wollen, ihre zum Diplom führenden Studiengänge beibehalten.

Dafür haben vor allem neun Technische Universitäten gesorgt, die sich zur TU9 German Institutes of Technology e.V. zusammengeschlossen haben. Für sie ist der Uni-Bachelor »employable but not professional«, kaum mehr als eine »Mobilitätsschnittstelle«. Dr. Horst Hippler, Rektor der Universität Karlsruhe und Präsident der TU9, meint, dass die universitäre Ingenieurausbildung der Bachelor noch keine Ingenieure hervorbringe: »Sechs oder auch sieben Semester reichen zur Bewältigung des Stoffes und zum Aufbau von Forschungskompetenz einfach nicht aus. Deshalb ist der Ingenieurabschluss der Universitäten der Master.« Sein Wort hat Gewicht, denn an den in der TU9 zusammengeschlossenen neun Hochschulen haben 2005 knapp die Hälfte aller Elektrotechniker und fast 30 Prozent der Informatiker ihr Examen abgelegt. Der Rest war an einer der 72 anderen deutschen Universitäten eingeschrieben.

Viele Fragen zu den Bachelor- und Master-Abschlüssen sind noch unbeantwortet oder werden heute, fast zehn Jahre nach dem Bologna-Beschluss, erneut offen diskutiert. Ganz aktuell denken die Wissenschaftsminister darüber nach, das sechssemestrige Bachelorstudium auf acht Semester zu erweitern. Damit könnte man gleich mehrere Probleme mit einem Schlag lösen: Auslandsaufenthalte und Praxissemester ließen sich in das Studium einbauen, und es bliebe mehr Zeit für die von Bologna geforderte intensivere Vermittlung von Soft Skills wie interkulturelles Wissen, Kommunikations-, Konflikt- und Teamfähigkeit. Das sollen die künftigen Ingenieure nämlich auch noch lernen, mindestens in zehn Prozent ihrer gesamten Studienzeit.

Mit dieser Herausforderung wissen weder Universitäten noch Fachhochschulen etwas anzufangen. Wenn diese Inhalte auch noch ins gegenwärtige Bachelorstudium einfließen sollen, drohen die Hochschulen mit erheblichen Kürzungen in den Grundlagenfächern. Und dann, so fürchten die Minister, würde die Wirtschaft erst recht Zeter und Mordio schreien. Nur: Mit acht Semestern bis zum Bachelor plus weiteren vieren bis zum Master ist ein Student fast schneller Facharzt als Ingenieur. Also besser sieben Semester für den Bachelor und drei für den Master? Wie wäre es mit der radikalen Lösung des bayerischen Wissenschaftsministers Thomas Goppel: acht plus zwei? Oder doch lieber fünf plus fünf, wie es den Hochschulrektoren eigentlich am liebsten wäre, weil sie ihren Studierenden mehr Zeit für die höhere Forschungsausbildung spendieren möchten? Hier ist noch viel Bewegung drin.

Wenn sich die Industrie allerdings weiter nach vorne bewegen soll, muss sie ihren Ingenieursbedarf decken können - egal, auf welches Zahlenverhältnis sich Politiker und Hochschulrektoren eines Tages spitzfindig verständigen werden. Gesucht werden vor allem Ingenieure, die über fundiertes Spezialwissen und Schlüsselqualifikationen wie betriebwirtschaftliches Denken, analytische Fähigkeiten, Führungsstärke und Internationalität verfügen. Bringen das die Bachelors mit? Nein, sagt Professor Dr. Heinz Goldbecker, Prorektor Ingenieurwesen an der Rheinischen Fachhochschule Köln (RFH): »Bewerber mit Master-Titel haben die besseren Karten.« Die Arbeitgeber sehen das genau so, wenngleich sie es nicht so deutlich sagen. »Ich würde den Master gleichsetzen mit dem Abschluss als Diplomingenieur«, zieht sich Susanne Jessacher, Director Human Resources bei Texas Instruments, elegant aus der Affäre, »beides sind die bevorzugten Grundlagen für einen Einstieg als Elektroingenieur bei TI, da sie die notwendige fachliche Tiefe vermitteln.« Heißt im Umkehrschluss: Der Bachelor tut das nicht.

Immer mehr Ingenieure mit Diplom und erst recht mit Bachelor entscheiden sich deshalb, noch ein Master-Studium anzuhängen. Laut Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System (HIS) setzen bis zu 80 Prozent der Bachelor-Absolventen ihr Studium fort. Der Grund: Bisher führe der Abschluss eher selten zu einem direkten Berufseinstieg. Schon jetzt zeigt die Statistik der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), dass in den umgestellten Studiengängen weitaus mehr Studierende das Ziel »Master« verfolgen als ursprünglich erwartet. Bei den Absolventen der Ingenieurwissenschaften lagen im Wintersemester 2005/2006 die Bachelors mit den Master zahlenmäßig fast gleichauf - ursprünglich gerechnet hatte man mit einer Verteilung ein Viertel Master, drei Viertel Bachelor. Für den Aufstieg ins Masterstudium nötig ist ein Bachelor-Examen mit der Mindestnote 2,5. Der Nachwuchs scheint ziemlich schlau zu sein. (dc)