Wieviel Jobs gefährdet sind Weltwirtschaftsgipfel in Davos thematisiert die Digitalisierung

»Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen«: Wird die Digitalisierung Jobs in Summe vernichten, aufbauen oder umwälzen? Heute beginnt der Weltwirtschaftsgipfel im schweizerischen Davos. Das zentrale Thema auf der Agenda ist die »Vierte industrielle Revolution«.

Fiktionen rund um die Digitalisierung gibt es viele, zum Beispiel das »Ende der Massenproduktion«: Schon in zehn Jahren könnten Autos aus dem 3D-Drucker kommen, individualisiert bis ins Detail. 75 Prozent der Wirtschaftsführer, die das Weltwirtschaftsforum im Rahmen einer aktuellen Studie zur »vierten industriellen Revolution« befragt hat, halten das für ein mögliches  Szenario. Ob dieses dann nicht nur machbar, sondern auch wirtschaftlich ist, steht auf einem anderen Blatt.  

Laut einer neuen Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) wird die Digitalisierung nur sehr wenige Berufe verschwinden lassen. Denn kaum ein Beruf sei derzeit vollständig durch Computer ersetzbar, teilt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) anlässlich der Veröffentlichung einer neuen Studie mit.

Das Wort »derzeit« beschreibt ganz gut, dass die Vorhersage schwierig ist. Wer will zum heutigen Tag seriös beantworten, wie weit die Fortschritte u.a. in der Automatisierung, im 3-D-Druck, in Sensorik, IoT  - bis zu 200 Mrd. Geräte, lauten Schätzungen,  könnten in Zukunft miteinander vernetzt sein - und  künstlicher Intelligenz tatsächlich gehen werden. »Disruptiv« ist nicht umsonst eines der meist gebrauchten Worte im Zusammenhang mit der Digitalisierung.  »Die Gleichzeitigkeit dieser Entwicklungen« erlaube künftig Innovationen, die viele heute noch für Science Fiction halten, sagt der Wirtschaftsprofessor Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums, heute in der Süddeutschen Zeitung. Schwab selbst setzt in der SZ noch einen drauf:  Für ihn ist das, was gerade in Gang ist, ein »Umbruch, schneller, mächtiger, gewaltiger als alles, was die Menschheit seit Erfindung der Dampfmaschine erlebt« habe.  Diese vierte industrielle Revolution werde alles verändern:  unser Leben, unser Denken, die Arbeit, unsere Art zu produzieren.  

»Die Zukunft der Jobs«

Die Studie des Weltwirtschaftsforums trägt den Titel »Die Zukunft der Jobs« und basiert auf den Aussagen der Personalchefs von fast 400 großen Unternehmen weltweit. Ihnen zufolge sollen 7,1 Millionen Jobs verschwinden, weil es die dazugehörigen Unternehmen bzw. deren Geschäftsmodelle nicht mehr geben wird. In der Mehrzahl soll es sich dabei um klassische Bürojobs handeln. 2,1 Mio. neue Jobs sollen dafür entstehen, für Menschen mit Kenntnissen aus dem Bereich der Computerwissenschaft, Mathematik und Informatik.  In Deutschland sollen vor allem Menschen im klassischen Autobau ihre Arbeit verlieren, aufgebaut würde hingegen Beschäftigung im Bereich IT und mobile Anwendungen.    

Wird Deutschland mit seiner starken Industrielandschaft eher zu den Gewinnern oder zu den Verlierern dieser Revolution gehören?  Bislang sehen Experten übereinstimmend in »Industrie 4.0« eine Chance.  Auch die IAB-Wissenschaftler bleiben in ihrer Studie zum jetzigen Zeitpunkt gelassen: Nur 0,4 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten in Berufen, die durch Computertechnologie und Automatisierung komplett verschwinden könnten, so die Aussage, dazu gehören vor allem Berufe im Bereich der Industrieproduktion. Bei sozialen und kulturellen Dienstleistungen hingeben sei die Wahrscheinlichkeit dagegen »vergleichsweise gering«, dass die beruflichen Tätigkeiten demnächst von Computern erledigt werden. Insgesamt seien »15 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland dem Risiko ausgesetzt, dass innerhalb ihres Berufs mehr als 70 Prozent der Tätigkeiten durch Computer oder computergesteuerte Maschinen übernommen werden könnten«, so die IAB-Forscher.
Der größte Teil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, etwa 45 Prozent, arbeitet in Berufen mit einer »mittleren Substituierbarkeit«. Das heißt, dass zwischen 30 und 70 Prozent der Tätigkeiten eines Berufs »potenziell« durch Computer erledigt werden können.

Bei 40 Prozent der Berufe können der IAB-Studie zufolge weniger als 30 Prozent der Tätigkeiten innerhalb des jeweiligen Berufs automatisiert werden. Darunter fallen mit einem Anteil von acht Prozent auch die Beschäftigten in Berufen, die keine Tätigkeiten aufweisen, die durch Computer ersetzbar sind.

Welche Daten hat das IAB für seine Studie herangezogen? Die Anteile der Tätigkeiten, die innerhalb eines Berufs bereits heute potenziell durch den Einsatz von Computern oder computergestützten Maschinen ersetzt werden könnten, basieren auf den Tätigkeitsbeschreibungen in der Datenbank »Berufenet« der Bundesagentur für Arbeit. Es sei aber nicht anzunehmen, dass dies in vollem Umfang geschehen werde, betonen die IAB-Forscherinnen Katharina Dengler und Britta Matthes. So können beispielsweise Kostengründe oder rechtliche Hürden dazu führen, dass nur ein Teil des technisch möglichen Automatisierungspotenzials ausgeschöpft wird.

Die Studie zeigt auch, dass Bildung und Qualifikation erst ab einem bestimmten Punkt dem Risiko entgegenwirken, dass berufliche Tätigkeiten von Computern übernommen werden könnten. So weisen Helferberufe, für die typischerweise keine berufliche Ausbildung erforderlich ist, mit 45 Prozent ein etwa gleich hohes Substituierbarkeitspotenzial auf wie Fachkraftberufe, für die eine mindestens zweijährige Ausbildung absolviert werden muss. Dagegen ist bei Berufen, für die man eine Meister- oder Technikerqualifikation braucht, das Substituierbarkeitspotenzial mit rund 30 Prozent deutlich geringer. Bei Berufen, für die mindestens ein vierjähriges Hochschulstudium erforderlich ist, liegt das Substituierbarkeitspotenzial bei weniger als 20 Prozent.
Einen »massiven Beschäftigungsabbau im Zuge der Digitalisierung« befürchten die IAB-Forscher nicht. Insgesamt sprächen die Ergebnisse dafür, dass solche Befürchtungen »derzeit« unbegründet seien. Das ist es wieder, die Hintertür. Nichtsdestotrotz zeigen sich die Forscher optimistisch:  Es würden keineswegs nur Tätigkeiten wegfallen, sondern auch neue entstehen. In der Gesamtbilanz könnte es daher sogar einen positiven Beschäftigungseffekt geben.

Wahrscheinlich aber seien »große Umbrüche« innerhalb der Berufe, schreibt das IAB. Entscheidend sei daher, Ausbildungen so zu gestalten, dass alle Auszubildenden mit den neuesten technologischen Innovationen in ihrem Beruf vertraut gemacht werden. »Um das Wissen und Können auf dem neuesten technologischen Stand zu halten, wird (Weiter-)Bildung immer wichtiger – nicht nur für Geringqualifizierte, sondern auch für Fachkräfte«.

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