Rittal-Pilotprojekt gibt Bildungschancen Vom Flüchtling zum Fachmann

In der Rittal Ausbildungswerkstatt in Eschenburg-Wissenbach erlernen die Flüchtlinge im Vorbereitungspraktikum Grundfertigkeiten der Metall- und Elektrotechnik.
In der Rittal Ausbildungswerkstatt in Eschenburg-Wissenbach erlernen die Flüchtlinge im Vorbereitungspraktikum Grundfertigkeiten der Metall- und Elektrotechnik.

Mit einem Pilotprojekt hatte die Friedhelm Loh Group in Kooperation mit dem Lahn-Dill-Kreis das Thema Qualifizierung von Flüchtlingen angestoßen. Ziel: Potenziale nutzen, Perspektiven eröffnen und aus Flüchtlingen gute Fachkräfte machen. Aus dem Pilotprojekt wurde inzwischen ein tragfähiges Konzept, das Nachahmer sucht.

"Am meisten gefällt mir, dass man hier in Ruhe lernen und leben kann", sagt Khaibar Fatehzada auf die Frage, was Deutschland für ihn bedeute. Der 26-Jährige aus Afghanistan lebt in einer Flüchtlingsunterkunft in Dillenburg und wusste bis vor kurzem nicht, wie es weitergeht.

In seiner Heimat hat er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann abgeschlossen. Sein Deutsch ist gut, er kann lesen, schreiben und verstehen. Doch es ärgert ihn, dass ihm die Aussprache noch schwer fällt. Es beunruhigt ihn, dass er nicht schneller vorwärts kommt.

Menschen wie Khaibar Fatehzada gibt es viele, die in den Zeltlagern und Flüchtlingsunterkünften auf die Nachricht warten, dass es für sie weitergeht, dass sie bleiben, arbeiten und sich ein neues Leben aufbauen können. Ohne eine Ausbildung oder einen Arbeitsvertrag ist das schwierig.

Die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, ist so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die Bedingungen sind alles andere als einfach. Sprachkenntnisse fehlen, Zeugnisse werden nicht anerkannt und die Orientierung im bürokratischen System ist mühsam.

Die mittelhessische Friedhelm Loh Group hat sich Umdenken auf die Fahnen geschrieben und ein Kooperationsprojekt mit dem Lahn-Dill-Kreis ins Leben gerufen. Die Pilotphase wurde nun erfolgreich abgeschlossen.

Acht hochmotivierte junge Menschen haben im Juli ihr dreimonatiges Vorbereitungspraktikum bei Rittal, der größten Tochtergesellschaft des Familienunternehmens, erfolgreich beendet. Unterstützt von engagierten Ausbildern und ihren Azubi-Paten sind sie jetzt in der Lage, in eine Ausbildung zu starten.

Eine Chance für beide Seiten: Rittal will zwei der Flüchtlinge in ein Ausbildungsverhältnis übernehmen. Sie starten im September in ihre Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer bei Rittal. Alle anderen haben mit ihrem Zertifikat eine, so Rittal, 'starke Empfehlung' in der Hand, wenn sie sich bei anderen Ausbildungsbetrieben bewerben.

»Als größter Arbeitgeber der Region haben wir eine Verantwortung für unser Umfeld, in dem derzeit viele Menschen eine neue, friedliche Heimat suchen«, so Friedhelm Loh, Inhaber und Vorstandsvorsitzender des Familienunternehmens über das Projekt: »Wir sind froh und dankbar, dass wir ein gutes Leben in einem Land ohne Krieg und Hunger haben. Das möchten wir auch den Flüchtlingen ermöglichen. Die beste Möglichkeit dafür ist, ihnen eine berufliche Perspektive zu geben.«

Als dritter im Bunde soll die Region profitieren: Dem Lahn-Dill-Kreis werden nach Angaben des SPD-Landrats Wolfgang Schuster im Jahr 2030 fast 30.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter fehlen. »Wir haben im Kreis derzeit fast 90.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Wir brauchen gesteuerte Zuwanderung, sonst ist der Wohlstand gefährdet.«

Über drei Monate hinweg haben die Flüchtlinge in der Rittal Ausbildungswerkstatt in Eschenburg-Wissenbach alles gelernt, was sie für eine Ausbildung brauchen – die Grundlagen der Metallbearbeitung und Elektrotechnik direkt an den Maschinen sowie die berufsbezogenen Sprachkenntnisse am Whiteboard im Unterrichtsraum.