Selbst Exoten haben Aussichten

Wenn Spezialisten rar sind, haben auch Quereinsteiger gute Karten in der Elektronikbranche. Aber so spannend Philosophie und Germanistik auch im Vorstellungsgespräch dargestellt werden mögen - echte Aufstiegschancen haben nur diejenigen, die sich schnell und mit voller Kraft ins Thema einarbeiten.

Ob bei Diehl, Festo, Astom, Elmos Semiconductor oder auch bei Sick in Waldkirch: Die annoncierten Jobs richten sich immer wieder an die Absolventen derselben Studienrichtungen. Hauptsächlich gesucht werden Elektro- und Wirtschaftsingenieure, Maschinenbauer, Physiker, zuweilen Mathematiker. In keiner einzigen Jobbörse liest man ein Angebot aus der Elektro- und Elektronikwirtschaft, das sich ausdrücklich an Quereinsteiger wendet. Selbst der augenblickliche Personalengpass macht das in einer Stellenanzeige zu einer Lachnummer: »Auch Politologen sind uns herzlich willkommen!«

Sie werden zwar nicht gerufen, aber sie sind trotzdem da. Überall, selbst dort, wo sich die betriebliche Welt ums Steuern und Regeln, Taktfrequenzen oder ASICs dreht. Wie Maria Herrmann zum Beispiel bei Rohde & Schwarz, eine studierte Germanistin mit den Nebenfächern Amerikanistik und Ethnologie und der atemberaubenden Abschlussnote 1,0. Trotzdem sah es mit Arbeitsstellen im eigenen Fachgebiet für sie eher düster aus. Jammern nützt aber nichts. »Deshalb habe ich nach meinem Magisterexamen bei einer Zeitarbeitsfirma begonnen und kam darüber zu Rohde&Schwarz«, sagt die heute 43-Jährige. Das erwies sich als.Glücksgriff - für beide Seiten. »Anfangs  hatte ich ja überhaupt keine Ahnung von dem, was die tun«, sagt Maria Herrmann. »Aber das musste ich in meiner Funktion als Vertriebsassistentin auch noch nicht im Detail.«

Lernen on the Job
Eingestellt wurde die Oberpfälzerin vor rund 14 Jahren, um Flüge zu buchen, Protokolle zu führen, Abrechnungen zu machen und um Kaffee zu kochen. Das fand sie nicht schlecht, aber Herrmann wollte mehr. Also sperrte sie Ohren und Augen auf, um on the Job zu lernen, was in der Münchner Zentrale inhaltlich vor sich ging. »Ich habe mein Aufgabengebiet permanent erweitert«, sagt sie. Und wie? »Die fachlichen Themen habe ich mir mit der Zeit angeeignet, denn ich bin ziemlich zäh und wollte verstehen, worum es geht. Und dann habe ich mich immer wieder zur Mitarbeit auch bei schwierigen Projekten gemeldet, bei solchen Sachen, die niemand anderer machen wollte.«

Das fiel irgendwann auf, und Maria Herrmann bekam Jahr um Jahr anspruchsvollere Aufgaben. Heute arbeitet sie als Produktmanagerin bei Rohde & Schwarz und weiß, dass sie für sich die richtige Entscheidung getroffen hat. »Wenn ich Studienkollegen von früher treffe, dann sind da immer noch viele, die in irgendeinem Praktikum stecken. Ich finde«, resümiert Herrmann selbstbewusst, »dass ich als Quereinsteigerin einiges erreicht habe«.

Personalchefs mit Menschenkenntnis kennen das Außenseiter-Phänomen sehr gut: Oft beißen sich gerade die Mitarbeiter, von denen man bei der Einstellung nicht so viel erwartet wie von den fachlich versierten Cracks, durch die extradicken Bretter. Denn sie kennen ihren fachlichen Nachholbedarf meist sehr genau und wissen, an welcher Stelle sie gefordert sind. Aus Spaß am neuen Thema, aus persönlichem Ehrgeiz, vielleicht auch ein bisschen aus Sorge, anderswo nur schwer unterkommen zu können, krempeln sie ihre Ärmel auf und legen oft unglaubliches Engagement an den Tag. Sie fragen energisch nach fachlicher Weiterbildung, zeigen damit ihre Aufholbereitschaft und fallen allein schon deswegen stärker auf als die im Fachgebiet groß gewordenen und sich deshalb mitunter als qualifizierungsresistent erweisenden Spezialisten.

Quereinsteiger werden »angelernte« Ingenieure
Am häufigsten trifft man die Außenseiter in den übergeordneten administrativen Funktionen, in der Öffentlichkeitsarbeit, im Personalwesen, im Vertrieb. Nicht selten entwickeln sich Quereinsteiger aber auch zu »angelernten« Ingenieuren, die in fachlicher Hinsicht ihren Kollegen in kaum etwas nachstehen. Nur in ganz wenigen Bereichen haben Quereinsteiger so gut wie keine Chancen. »In der Entwicklung sind sie eher selten anzutreffen«, räumt Nicole Julien, Leiterin Personalmarketing bei Rohde & Schwarz ein. »Dafür ist das erforderliche technische Know-how zu diffizil. Aber in anderen Abteilungen findet man öfter Mitarbeiter, deren Studienabschluss nicht zwangsläufig zu einem bestimmten Beruf führen. Im Personalwesen oder der Unternehmenskommunikation arbeiten bei uns auch Psychologen, Germanisten oder Sozialpädagogen.«

Den Wert von Quereinsteigern entdeckt ein Unternehmen häufig erst dann, wenn es sich vom Markt mit völlig neuen Herausforderungen konfrontiert sieht. Dann sind gerade diejenigen Mitarbeiter ein Gewinn, die eine andere Perspektive mitbringen und deshalb leichter über den Tellerrand des »das machen wir immer so« blicken können. Auch in der Projektarbeit können die Fachfremden ein belebendes Element sein, das wie ein Hefepilz das gebündelte Fachwissen eines Teams von Ingenieuren zu einer wahren Explosion von Ideen bringt. Nicht zuletzt deshalb machen sich Unternehmensberatungen, auch solche mit technischer Zielrichtung, gerne für Nachwuchsmitarbeiter aus fachfernen Disziplinen stark. Booz Allen Hamilton zum Beispiel wirbt ausdrücklich mit der professionellen Vielfalt seiner Mitarbeiter. »Nur etwa 45 Prozent unserer Berater sind Wirtschaftswissenschaftler, zählt man noch die gut 27 Prozent Ingenieure und Informatiker mit zumeist wirtschaftswissenschaftlicher Zusatzqualifikationen hinzu, so macht der Anteil unserer Kollegen ohne klassischen betriebswirtschaftlich geprägten Werdegang inzwischen immerhin 28 Prozent aus«, stellt man selbstbewusst heraus. »Bei uns arbeiten neben Naturwissenschaftlern auch Mediziner, Juristen, Literaturwissenschaftler, Theologen, Historiker und Politologen. « Lesehilfe: Egal, was jemand in seinem Kopf hat - Hauptsache, er betrachtet ihn als Arbeitsmittel. Christine Demmer