Klassische Industrieunternehmen im digitalen Wandel »Man muss aufpassen, sich nicht selbst zu überholen«

"Die klassischen Berufsbilder verändern sich, brechen auf, die Grenzen verschwimmen. Die Anforderungen an die Jobs werden sehr viel höher, verlangen etwa übergreifendes Prozess-Know-How. Dadurch werden sie aber auch interessanter, mit variableren, weniger starren Lebensläufen". Michael Cigelski, Harting.
"Die klassischen Berufsbilder verändern sich, brechen auf, die Grenzen verschwimmen. Die Anforderungen an die Jobs werden sehr viel höher, verlangen etwa übergreifendes Prozess-Know-How. Dadurch werden sie aber auch interessanter, mit variableren, weniger starren Lebensläufen". Michael Cigelski, Harting.

Wie organisiert man den digitalen Wandel in einem klassischen Industrieunternehmen, gekennzeichnet durch Massenproduktion auf der einen und digitale Geschäftsfeldern auf der anderen Seite? Ein Gespräch über heterogene Arbeitswelten mit Michael Cigelski, Vorstandsreferent bei Harting.

Herr Cigelski, wo liegt die Bedeutung von Industrie 4.0 bei Harting auf einer Skala von 1 bis 10?

Michael Cigelski: Aus rein technischer und Produkt-Sicht würde ich die Bedeutung von Industrie 4.0 für Harting mit einer 8 bewerten. Was die Arbeitsprozesse oder Kultur und Denken betrifft, liegt die Ist-Einschätzung etwas niedriger. Wobei das auch schwieriger zu beurteilen ist. Das liegt daran, dass es sich bei Industrie 4.0 um ein heterogenes Thema handelt.

Was wir merken: Die klassischen Berufsbilder verändern sich, brechen auf, die Grenzen verschwimmen. Die Anforderungen an die Jobs werden sehr viel höher, verlangen etwa übergreifendes Prozess-Know-How. Dadurch werden sie aber auch interessanter, mit variableren, weniger starren Lebensläufen.

Das stellt erhöhte Anforderungen an Weiterbildung und Personalentwicklung. Die Herausforderung besteht für uns darin, individuell und flexibel auf die einzelnen Mitarbeiter einzugehen – und das bei 4300 Mitarbeitern! Eine Schulung per Gießkanne kann man da nicht mehr anwenden.

Arbeitet ein Industrieunternehmen anders als ein IT-Unternehmen? Mit was für Bedürfnissen kämpfen denn Ihre Ingenieure?

Wir haben IT-Geschäftsfelder, in denen die Mitarbeiter mit diesen ganzen modernen Themen mitgewachsen sind. Die die gewünschte hohe Flexibilisierung auch bekommen.

Gleichzeitig haben wir seit 1945 auch ganz klassische Massenproduktion. Zwei Welten in einem Unternehmen und beide müssen zusammenarbeiten. Dabei muss man aufpassen, sich nicht selber zu überholen.

Wie meinen Sie das?

Es gibt heute modernste Tools, aber eben auch Mitarbeiter, die noch nicht mit einer Maus umgehen können. Sie bedienen Maschinen mit der Hand, haben Angst, irgendwas mit dem PC machen zu müssen. Das heißt, man muss sie erst mal langsam heranführen, denn sie sind mit solchen Diskussionen, die wir gerade führen, überfordert. Eine Musterlösung gibt es da sicherlich nicht, man muss behutsam Schritt für Schritt gehen. Letztlich muss man sich jeden einzelnen Mitarbeiter und seine Bedürfnisse anschauen.

Welche Rolle spielt das Team?

Auch die Bedürfnisse im Team sind unterschiedlich: Der eine will auch mal am Wochenende eine E-Mail schreiben, der andere will mit Apps arbeiten, der nächste am liebsten nur von neun bis fünf. Sie alle müssen irgendwie zusammenkommen. Interessanterweise klappt das auch trotzdem, obwohl es »Knirschpotenzial« gibt angesichts der Anforderungen und Erwartungen.

Was machen Sie, wenn es knirscht?

Das ist ein Führungsthema. Die Führungskräfte sind die Koordinatoren, die ihren Mitarbeitern die Freiheiten auch mal wieder nahebringen müssen. An Freiheiten mangelt es nicht in unserem Unternehmen.

Das heißt sie reagieren z.B. mit Führungskräfteevaluation bzw. -Trainings? Beispiele?

Wir bieten Entwicklungsmaßnahmen verschiedenster Art an: Stärken-Schwächen-Analysen, Aufzeigen von Entwicklungsfeldern und Coachings für Führungskräfte. Zum Beispiel um die klassischen Hierarchiestufen Meister-Vorarbeiter-Mitarbeiter aufzubrechen. So können auch Vorarbeiter klassische Führungsaufgaben übernehmen.

Seit wann ist das ein Thema? Nicht erst seit Industrie 4.0?

Im Moment kommen verschiedene Strömungen zusammen, wie Flexibilisierung der Arbeit und Industrie 4.0. Auch gesellschaftliche Veränderungen durch die Digitalisierung greifen gerade ganz stark ein. In 50, 60 Jahren werden wir wissen, ob Digitalisierung ähnlich revolutionär war wie etwa der Buchdruck. Wir wissen nicht, wo wir enden, wie die Arbeitswelt in 20 Jahren aussieht. Wir stecken mitten drin.

Die Fragen stellte Corinne Schindlbeck

(Mehr dazu, wie Elektronikunternehmen sich auf die Digitalisierung und "Arbeit 4.0" vorbereiten, lesen Sie im Markt&Technik Trendguide "Die besten Arbeitgeber 2016", Erscheinungstermin 17.2.2016).