Arbeitsmarkt Junge Physiker sind lange auf Jobsuche

In den letzten Jahren ist der Anteil der gemeldeten stellensuchenden jungen Physiker im Alter zwischen 25 und 34 Jahren kontinuierlich auf über 50 Prozent gestiegen.
In den letzten Jahren ist der Anteil der gemeldeten stellensuchenden jungen Physiker im Alter zwischen 25 und 34 Jahren kontinuierlich auf über 50 Prozent gestiegen.

Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Physiker am Arbeitsmarkt im Jahr 2013 um gut zwei Prozent. Bei den offenen Stellen ist das Bild jedoch uneinheitlich: Zwar sucht die Industrie vermehrt Physiker für den Bereich Forschung und Entwicklung. Gleichzeitig sind immer mehr Absolventen zeitweise arbeitslos.

Generell findet man Physiker häufig in der Industrie, weil sie durch ihr Grundlagenwissen in Forschung und Entwicklung universell einsetzbar sind. Wie passt das dann zusammen, dass die Zahl der offenen Stellen für Physiker trotz steigender Beschäftigtenzahlen insgesamt rückläufig ist, wie ein Arbeitsmarktbarometer der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der Bundesagentur für Arbeit zeigt?

Zum Ende des Jahres 2013 waren rund 15 000 Menschen als Physikerin respektive als Physiker in Deutschland angestellt, rund ein Sechstel davon Frauen. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet das einen Zuwachs von gut zwei Prozent. Der Anteil der Frauen stieg sogar überproportional um gut fünf Prozent, wie das aktuelle Arbeitsmarktbarometer der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG), das jährlich mit Unterstützung der Bundesagentur für Arbeit erstellt wird, zeigt.

Trotz des steigenden Anteils von Physikern am Arbeitsmarkt sorgen sich die Autoren, Michael Kaschke, Vorsitzender des Konzernvorstands der Carl Zeiss AG und Vorstandsmitglied Industrie, Wirtschaft und Berufsfragen der DPG, sowie Anja Metzelthin von der Geschäftsstelle der DPG in Bad Honnef um die künftigen Absolventen.

Die aktuellen Zahlen deuten nämlich darauf hin, dass junge Absolventinnen oder Absolventen derzeit offenbar zurückhaltender eingestellt werden, und das trotz MINT-Lücke und Fachkräftemangel. Denn im Berichtszeitraum von September 2013 bis September 2014 ist die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent gestiegen und liegt aktuell wieder ungefähr auf dem Niveau des Jahres 2006.

»In den vergangenen Jahren wurden Rufe nach mehr MINT-Absolventen laut«, sagt Kaschke. »Wünschenswert wäre, diese dann auch zügig in den Arbeitsmarkt zu integrieren«. Das sei umso wichtiger, da dank steigender Studienanfängerzahlen in der Physik die Absolventenzahlen in den nächsten drei Jahren voraussichtlich auf bis zu 4000 pro Jahr steigen werden.

Wie passt das zusammen?

Eine absolute Arbeitslosenquote für den Bereich Physik lässt sich laut DPG »wegen unterschiedlicher Datenbasen bei den Erhebungen« nicht errechnen. (Das soll laut DGP in künftigen Untersuchungen korrigiert werden). Für die Fächerkombination Physik, Mathematik, Astronomie und Statistik liegt die Quote mit 2,2 Prozent jedoch noch immer auf "einem sehr niedrigen Niveau", so die DPG.

Ist der Einstieg ins Arbeitsleben erst einmal geschafft, scheint der Arbeitsplatz relativ sicher. Zumindest steigt der Anteil älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter den Arbeitslosen nicht an.

Die von der DPG erhobenen Daten stimmen gut mit Studien der Bundesagentur für Arbeit überein. Dass im Vergleich zum Vorjahr mehr Akademikerinnen und Akademiker beschäftigt sind und die Beschäftigung von Frauen zugenommen hat, ist im kompletten MINT-Sektor zu beobachten. Zugleich steigen aber auch dort die Arbeitslosenzahlen.

Zudem befinden sich die meisten arbeitslosen Akademikerinnen und Akademiker offensichtlich in einer Art »Sucharbeitslosigkeit« zwischen zwei Stellen. Die Wartezeit beträgt meist weniger als ein halbes Jahr. Langzeitarbeitslosigkeit von über einem Jahr ist dagegen selten.

Man kann spekulieren, warum Physiker (und auch MINT-Absolventen) derzeit so zurückhaltend eingestellt werden. Untersuchungen fehlen noch.

Eine mögliche Erklärung könnte jedoch sein, dass trotz allseits beklagtem Fachkräftemangel die Unternehmen sehr konkrete Spezialkenntnisse wünschen und längere Einarbeitungszeiten nicht wollen. Das ist zumindest in der Elektroindustrie ein Trend, der schon seit Jahren am Arbeitsmarkt zu beobachten ist. Somit haben die Unternehmen zwar Physiker auf der Liste, warten aber lieber ab, ob sich nicht doch noch ein passender Elektroingenieur findet.

Die Theorie deckt sich mit den aktuellen DGP-Zahlen. Denn es sind vor allem Absolventen der Physik, die länger nach einem Einstiegsjob suchen müssen. Sind sie erst mal in Lohn und Brot und praxiserfahren, verliert sich der Nachteil.

Die auf den ersten Blick verhältnismäßig geringe Zahl an Physikerinnen und Physikern in Deutschland erklärt sich dadurch, dass die Bundesagentur für Arbeit ausschließlich diejenigen Personen erfasst, die in klassische Physikberufe vermittelt werden möchten.

Doch arbeitet von den 93 000 Physikerinnen und Physiker in Deutschland (davon etwa 70 000 im Angestelltenverhältnis) nur etwa ein Viertel tatsächlich als solche. Die anderen werden von der Statistik nicht erfasst, weil sie beispielsweise in der IT oder der Finanzbranche beschäftigt sind oder als Lehrerinnen oder Manager arbeiten.