Gehaltsreport: Der Markt hat sich gedreht

Spezialisten sind begehrt wie lange nicht mehr: Elektroingenieure halten momentan einen veritablen Royal Flush auf der Hand. Unser Gehaltsreport zeigt, was Ingenieure derzeit verdienen. Und wie sie ihre Trümpfe ziehen sollten, um das zu bekommen, was sie verdienen.

Es ist simple Arithmetik. Rund 9600 frisch diplomierte Elektroingenieure werden in diesem Jahr die Hochschulen verlassen, aber mehr als 10.000 werden nach Angaben des VDE jährlich gebraucht. Das macht ein Minus von 4000 und bedeutet ein Plus für die meisten Fachkräfte der Branche.

Denn der Preis - hier: die Gehälter der Elektroingenieure - bemisst sich nun mal an Angebot und Nachfrage. Das Angebot an freien Stellen ist 2007 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 20 Prozent gestiegen. Derzeit stehen Elektroingenieuren allein online rund 7000 Stellenangebote zur Verfügung, heißt es im Job-Barometer des VDE. Rund 25 Prozent aller 30.000 Stellenangebote auf den Homepages von 1000 untersuchten Technologie-Unternehmen richten sich an Ingenieure der Elektro- und Informationstechnik. Und die meisten Unternehmen suchen laut VDE »mit hohem Nachdruck«. Jedes zweite Unternehmen befürchtet leer stehende Labore, Engpässe in der Fertigungssteuerung und einen personell schwachbrüstigen Kundendienst. Und das, obwohl die deutschen Arbeitgeber im internationalen Vergleich attraktive Konditionen bieten. 80 Prozent der VDE-Mitgliedsunternehmen halten die beruflichen Perspektiven von Elektroingenieuren für besser als die von BWL- und Jura-Absolventen. Drei Viertel der Young Professionals im VDE hätten nach weniger als zehn Bewerbungen einen Arbeitsvertrag in der Tasche, bei den meisten sei sogar schon nach einem oder zwei Vorstellungsgesprächen die Sache klar gewesen. Der Handschlag kostete die Firmen im Durchschnitt 41.000 Euro pro Jahr - weit mehr, als viele Juristen und BWLer nach zwei, drei Jahren Berufspraxis erwarten können.

Dafür verlangen die Unternehmen allerdings auch einiges. »Das Anforderungsprofil an Elektroingenieure ist so hoch, dass der Blick über den technischen Tellerrand kaum noch genügt. Sie müssen darüber hinaus schauen und sich weiteren Aufgaben stellen«, mahnt VDE-Präsident Professor Josef Nossek. Weil Ingenieure der Elektro- und Informationstechnik zunehmend Projekte von der Planung bis zur erfolgreichen Realisation betreuen, werden sie ungefähr die Hälfte der Zeit, die ein Ingenieur später im Beruf arbeitet, mit der Präsentation eigener Projekte, mit Projektmanagement und Aufgabenverteilung in Teams beschäftigt sein. Nossek: »Um das während des Studiums zu lernen, sind Praktika und Engagement jenseits des Fachgebietes unverzichtbar für die spätere Karriere.« Rhetorik, Zeit- und Selbstmanagement lerne man nicht im Hörsaal.


Branche Elektronik

Geschäftsführung mit PV

Q3*

Median*

Q1*

klein < 101 MA

132.700 €

101.250 €

81.425 €

mittel 101-1000 MA

165.025 €

142.500 €

126.000 €

groß > 1001 MA

270.000 €

199.250 €

147.400 €

Vertriebsleitung mit PV
klein < 101 MA

107.250 €

88.600 €

73.902 €

mittel 101-1000 MA

122.929 €

105.690 €

88.400 €

groß > 1001 MA

128.230 €

105.100 €

89.455 €

Kaufmännische Leitung mit PV
klein < 101 MA

104.310 €

72.000 €

62.600 €

mittel 101-1000 MA

129.561 €

110.260 €

78.889 €

groß > 1001 MA

151.200 €

121.630 €

102.355 €

Produktmanagement
klein < 101 MA

61.900 €

57.850 €

52.438 €

mittel 101-1000 MA

68.500 €

55.160 €

45.322 €

groß > 1001 MA

76.600 €

65.000 €

58.401 €

Techn. Forschung & Entwicklung
klein < 101 MA

53.200 €

43.200 €

37.700 €

mittel 101-1000 MA

62.200 €

50.526 €

43.885 €

groß > 1001 MA

72.682 €

61.997 €

52.089 €

E-Technik Ingenieure
klein < 101 MA

52.300 €

44.230 €

38.516 €

mittel 101-1000 MA

59.600 €

51.960 €

41.980 €

groß > 1001 MA

73.150 €

57.897 €

48.670 €

Ingenieure in der Konstruktion
klein < 101 MA

49.680 €

41.473 €

36.649 €

mittel 101-1000 MA

62.300 €

50.220 €

40.300 €

groß > 1001 MA

66.887 €

57.612 €

47.580 €

Ing. in der Projektabwicklung
klein < 101 MA

53.921 €

46.200 €

41.025 €

mittel 101-1000 MA

64.200 €

55.020 €

48.100 €

groß > 1001 MA

75.764 €

65.200 €

56.913 €

Produktionsplanung
klein < 101 MA

41.226 €

36.000 €

29.600 €

mittel 101-1000 MA

55.565 €

45.230 €

37.100 €

groß > 1001 MA

62.600 €

52.560 €

46.305 €

Monteur
klein < 101 MA

33.210 €

26.860 €

23.200 €

mittel 101-1000 MA

41.890 €

33.200 €

29.952 €

groß > 1001 MA

46.620 €

39.600 €

31.960 €

Anzahl der ausgewerteten Datensätze: 5236
Q3: 25 Prozent der von PersonalMarkt ausgewerteten Gehälter liegen über diesem Wert
Median: Medianwert (50 Prozent der von PersonalMarkt ausgewerteten Gehälter liegen unterhalb dieses Wertes, 50 Prozent der Gehälter darüber)
Q1: 25 Prozent der von PersonalMarkt ausgewerteten Gehälter liegen unter diesem Wert
PV: Personalverantwortung
MA: Mitarbeiter

Quelle: www.personalmarkt.de


Die beste Verhandlungsposition sichert freilich nicht die geniale Einzelleistung eines Daniel Düsentriebs, sondern die Fähigkeit, gemeinsam mit anderen im Team zu arbeiten. Schon bei einfachen Alltagsgegenständen wie der Entwicklung eines Handys arbeiten unterschiedlichste Technikbereiche Hand in Hand: Energietechnik für die Stromversorgung, Mechanik für die beweglichen Teile, Kommunikationstechnik zur Funkübertragung, Elektrotechnik für hochintegrierte Schaltungen. Nicht unbedingt verhandlungssicheres, aber fließendes Englisch, Erfahrung aus Praktika und, Trendthema Nummer 1, der Arbeit im Ausland.

Anne Rouette, Senior Consultant Search & Selection bei der Rekruitingberatung Access in Köln, fasst die geldwerten Aktiva der Berufseinsteiger so zusammen: »Eine Mischung aus Noten - zwischen 1 Komma und 2 Komma -, Auslandsaufenthalten und persönlichen Skills. Deutliche Pluspunkte haben die Absolventen aus den renommierten Universitäten, denn die Arbeitgeber unterscheiden noch immer zwischen Uni- und FH-Absolventen. Auch zwischen Master und Bachelor: Viele müssen sich erst noch finden, was sie mit dem Bachelor machen.«

Was Unternehmen wollen
Deshalb müssen Fachhochschulabsolventen aber noch längst keine kleine Brötchen backen. Die Unternehmen wollen jemanden, der weiß, wo er hin will und wie er dahin kommt. Hinzu kommen natürlich noch spezielle branchen- und funktionsbezogene Anforderungen, also zum Beispiel bestimmte Erfahrungen aus Praktika. Rouette: »Auslandsaufenthalte sind ebenso wichtig. Dazu müssen junge Ingenieure aber nicht gleich nach Asien oder Lateinamerika, Hauptsache, sie gehen in ein anderes Land mit einer anderen Sprache und Kultur.«

Wer das alles aufbieten kann, darf jetzt beherzt Forderungen stellen. »Der Markt für Hochschulabsolventen der ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge hat sich seit etwa zwei Jahren um 180 Grad gedreht«, bestätigt Rouette. »Die Einstiegschancen haben sich um ein Vielfaches verbessert, für wirklich gute Absolventen durch die Bank, also für alle Bereiche. Entsprechend ziehen seit Ende letzten Jahres auch die Einstiegsgehälter an.«

Dafür wird es auch Zeit. Bis zum Examensjahrgang 2001 hatten sich Einstiegsgehälter für Hochschulabsolventen insgesamt positiv entwickelt, danach gingen sie steil zurück. Auch die Saläre des zuletzt untersuchten Examensjahrgangs 2005 fielen laut den Angaben der Hochschul-Informations-Systems GmbH (HIS) gegenüber den Abgängern von 2001 noch einmal von 39.350 Euro auf 36.100 Euro. Jetzt treibt der Nachwuchsmangel die Einstiegsgehälter erneut nach oben - nicht selten über das Niveau von 2001 hinaus.

Aber Vorsicht: Selbst gute Blätter sollte man nicht überreizen. »Es gibt Kandidaten mit hervorragenden Noten und Praktika, die in den Vorstellungsgesprächen sehr fordernd auftreten«, hört Anne Rouette von Access aus der Branche. »Im Moment verzeihen das die Firmen und lassen sich darauf ein, eben weil sie solche Nachwuchskräfte dringend brauchen. Ich würde trotzdem eher zu Zurückhaltung raten. Die Wahl zwischen mehreren Angeboten zu haben und das ein Stück weit auszunutzen, ist ein gangbarer Weg und ich würde jedem dazu raten. Man sollte es aber nicht überziehen.«

Profis nach vorn: Erfahrung rechnet sich
Weil die Elektrobranche bis 2008 mehr Neueinstellungen als in den Vorjahren plant, dürfen auch erfahrene Ingenieure getrost einen Einkommenszuwachs in ihre Planungen einkalkulieren. »Die aktuellen Daten bestätigen das derzeit positive Geschäftsklima«, so Gotthard Graß, Hauptgeschäftsführer des ZVEI. »Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Elektroindustrie im Jahr 2008 erneut um 5 Prozent wachsen und erstmals mehr als 200 Milliarden Euro fakturieren.« Die Schlussfolgerung liegt für Anne Rouette auf der Hand. »Bei den erfahrenen Ingenieuren entwickeln sich die Gehälter vergleichbar denen der Einsteiger: Sie ziehen sicherlich an.«

Nur um wie viel genau, kann niemand sagen, schon gar nicht pauschal für die gesamte Berufsgruppe. Mit Sicherheit dürfte sich die Schere zwischen besonders nachgefragten Spezialisten und Leistungsträgern auf der einen Seite sowie qualifizierungsresistenten Mitarbeitern und Low Performern auf der anderen Seite erheblich weiter spreizen. Die Rekruiting-Fachfrau: »Die Unternehmen legen im Zuge der üblichen Gehaltssteigerungen zu. Natürlich gibt es immer noch Marktsegmente, die schlechter laufen als andere. Aber grundsätzlich gesehen können Arbeitgeber heute wohl kaum mit dem Verweis auf die schlechte Marktlage Gehaltserhöhungen ablehnen. Damit kann man nicht mehr argumentieren.«

Wenig Lichtblicke für ältere Ingenieure
Allerdings jubeln die deutschen Betriebe nicht durchgängig von Nord nach Süd. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit werden Elektroingenieure vor allem in Bremen, Hamburg, Baden-Württemberg und Bayern nachgefragt. Dort liegen die Einkommen tendenziell höher als anderswo. Einerseits. Andererseits: Die aktuelle Knappheit am Arbeitsmarkt hat viele Arbeitgeber an die Zeitarbeit herangeführt. Das wiederum drückt auf die Einkommen, und es ist kaum damit zu rechnen, dass die Betriebe künftig dieses Instrument wieder aus der Hand geben werden. Insbesondere ältere Ingenieure profitieren aber davon. Über Projekt- und Zeitarbeitsverträge gelangen sie zurück in den Arbeitsmarkt, können ihre Erfahrungen auffrischen und sich so die Chance auf eine neue Festanstellung offen halten. »Bei den älteren Ingenieuren kommt es ganz stark darauf an, ob ein Unternehmen bewusst deren Erfahrungsschatz nutzen will«, sagt Anne Rouette vorsichtig. »Im Moment erlebe ich das noch sehr wenig, aber es gibt positive Tendenzen. Die Unternehmen fangen an, sich mit dem demografischen Wandel auseinanderzusetzen.« Das ist die halbwegs gute Nachricht. Die schlechte: Die Branche steckt bereits mitten drin.


Interview: Pokerspiel Gehalt
In goldenen Zeiten für Ingenieure neigt man schnell dazu, sich seine Unterschrift unter den neuen Arbeitsvertrag vergolden zu lassen. Heide H. Huck, Geschäftführerin der SCS Personalberatung in Frankfurt, rät trotzdem zur Balance zwischen Selbstbewusstsein und Maßhalten.

Können wechselwillige Ingenieure beim augenblicklichen Fachkräftemangel einen ordentlichen Schluck aus der Pulle verlangen?
Huck: Im Prinzip ja - selbstbewusst, aber maßvoll. Übertreibungen und utopische Vorstellungen erhöhen weder ihre Glaubwürdigkeit noch ihre Professionalität als Kandidat. Aber Steigerungsraten, die sich zwischen fünf und zehn Prozent des aktuellen Jahresgehaltes bewegen, sind absolut normal. Sie sollten auch nicht zu bescheiden sein, sonst zweifelt man eventuell an ihrem »Wert«.

Nicht jedes Unternehmen ist schon in der Gewinnzone angekommen. Wie soll ich mit diesem Argument umgehen? Gehen, grinsen oder glauben?
Das hängt davon ab, wie stark der Bewerber an dem Unternehmen und an der Aufgabe interessiert ist. Selbstverständlich kann man sich im Vorfeld über die Firma und deren wirtschaftliche Lage informieren. Publizitätspflichtige Unternehmen müssen ihre Ergebnisse schließlich veröffentlichen. Diese Art Recherche wird von den Arbeitgebern im Übrigen durchaus erwartet.

Wie erkennt man aus dem Bewerbungsgespräch heraus Anhaltspunkte für weitere finanzielle Spielräume?
Über das Einkommen wird ja in den seltensten Fällen als Block gesprochen. Man spricht heute meist über die Zusammensetzung der verschiedenen Gehaltsbestandteile, als da zum Beispiel wären: Fixum und variable Bestandteile, Abhängigkeit dieser variablen Bestandteile, Pkw, Altersversorgung und ähnliches. Aber Vorsicht! Bewerber sollten nicht sofort auf das Gehalt und eventuelle Nebenleistungen zu sprechen kommen, frühestens zum Ende des ersten Gesprächs oder, idealerweise, erst im zweiten Gespräch.

In welchen Fällen kann es vernünftig sein, bis zum Äußersten zu pokern, und wann sollte man innerlich zum Rückzug blasen?
Eine gute Hilfe ist, sich vorher zu überlegen, was man gehaltlich von der Veränderung erwartet. Definieren Sie für sich eine Untergrenze und bleiben Sie dabei. Es sei denn, es bieten sich andere exorbitante Möglichkeiten in diesem Unternehmen, zum Beispiel ein schneller Aufstieg oder eine Verbreiterung des Wissens.

Ein Bewerber ist vor allem anderen an einem hohen Gehalt interessiert. Die Firma will aber stattdessen lieber einen Dienstwagen spendieren oder winkt mit einer Altersversorgung. Kann ich »Nein, danke« sagen oder wirke ich dann gierig?
Das hängt von der persönlichen Situation des Bewerbers ab. Ein Firmenwagen kann für manche Kandidaten interessant sein, für andere eben nicht. Man sollte dies ganz sachlich unter steuerlichen Gesichtspunkten betrachten, unter Wohlfühlgesichtspunkten, vielleicht auch unter Prestigeaspekten, wenn jemand eben unbedingt ein besonderes Auto fahren will und der Arbeitgeber das finanziert. Aber selbstverständlich kann man dazu auch »Nein danke!« sagen, wenn man diese Aussage mit sachlichen Argumenten unterfüttert. Zur Übernahme eines Firmenwagens kann kein Unternehmen zwingen.

Das Interview führte Christine Demmer