Finanzkrise = keine Finanzierungskrise

Die Notenbanken haben aus der Weltwirtschaftskrise im letzten Jahrhundert gelernt und werfen billiges Geld unters Volk. Das Problem ist nur: Das brauchen die Banken momentan für sich selbst. Für Neugründungen und Geschäftserweiterungen stehen die Ampeln auf gelb. Wer viel PS unter der Haube hat, darf fahren. Doch wessen Firmenmotor ohnehin stottert, der wird abrupt ausgebremst.

Stehen zwei Banker nebeneinander. Fragt der eine: »Leihst Du mir zehn Euro?«. Antwortet der andere: »Von wem?« Anders als Kapital, kursieren Witze solch bitterer Art dieser Tage in Finanzkreisen en masse. Denn das Hauptproblem der Krise können die Notenbanken nicht lösen: Keiner traut keinem, die Finanzinstitute leihen sich gegenseitig kein Geld mehr. So versiegt ein Fluss, der für das Tagesgeschäft der Geldinstitute überlebensnotwendig ist. »Es ist kein Vertrauen mehr da, in niemanden «, zitierte das »Handelsblatt« einen Banker in Frankfurt, »wenn wir so weitermachen, dann schießen wir uns alle gegenseitig über den Haufen.«

Lebensgefährlich für die Wirtschaft wird es freilich erst dann, wenn Unternehmen außerhalb des Finanzsektors keine Kredite mehr bekommen. In den USA und in England ist es schon so weit, in Italien und Spanien mehren sich die Anzeichen. Auch hierzulande werden von langer Hand geplante Börsengänge wie der von Schott Solar auf Eis gelegt, Expansionspläne in die unterste Schublade geschoben und, sicher ist sicher, rigorose Sparmaßnahmen erwogen. Denn nach Ansicht mancher Fachleute steht Deutschland am Rande einer Kreditklemme. Und hat – schlimmer noch, denn darin sind sich alle einig – im kommenden Jahr eine Rezession zu fürchten.

Droht jetzt im Mittelstand eine Kreditverknappung? Trocknet die Krise insbesondere bei jungen Firmen das zarte Pflänzchen Liquidität aus? Sollte man vorerst tunlichst jeden Gedanken an eine Gründung oder an einen Buyout begraben und sich den Traum vom Unternehmersein für bessere Tage aufheben?

Weit reichende Folgen für den Hightech-Sektor

Im Silicon Valley haben Start-ups schon seit Monaten ganz schlechte Karten. Die Pleite von Lehman Brothers, der Verkauf von Meryll Lynch, die de-facto- Verstaatlichung des weltgrößten Industrieversicherers AIG ließen das Fass überlaufen und haben weit reichende Folgen für den Hightech-Sektor. Amerikanische Banken geizen mit Fremdkapital wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Und diese Zurückhaltung könnte, das ist die Kehrseite der Globalisierung, auch nach Deutschland herüberschwappen.

»Mit großer Sorge verfolgen wir die Entwicklung der Finanzkrise in Deutschland«, melden sich gleich 20 Wirtschaftsprofessoren der Universität Hohenheim zu Wort. »Eine für uns alle dramatische Wirtschaftskrise entsteht erst dann, wenn Banken, Unternehmen, Politik, Medien und Bürger daran glauben oder sogar bewusst oder unbewusst dazu beitragen, eine Wirtschaftskrise herbeizureden.«

Recht hätten Sie, die Damen und Herren Wissenschaftler, meinen die Verwalter der privaten Kapitalsammeltöpfe, die das darin befindliche Geld für den guten Zweck künftiger Gewinne nach wie vor in junge Hightech- Unternehmen investieren wollen. Nicht nur Hubertus Leonhardt, Geschäftsführer der Venture Capital-Gesellschaft SHS in Tübingen, ist sich absolut sicher: »Für Unternehmen mit guten Zukunftsaussichten wird weiterhin genügend Eigen- und auch Fremdkapital zur Verfügung stehen. «Allerdings sei damit zu rechnen, dass die Banken in den kommenden Monaten höhere Anforderungen an Kreditsuchende stellen werden. »Das hat aber weniger mit den Firmen zu tun als mit der erhöhten Unsicherheit auf Seiten der Banken«, begründet Leonhardt. Als gesundes Unternehmen könne man mittelfristig getrost davon ausgehen, dass man nach wie vor Fremdkapital bekommen würde.