Ausbildung im Zuge der Digitalisierung »Entrümpeln und streichen, aber keinen neuen Studiengang«

Prof. Dr. Gunther Olesch, Geschäftsführer bei Phoenix Contact.
Prof. Dr. Gunther Olesch, Geschäftsführer bei Phoenix Contact.

Brauchen wir im Rahmen der Digitalisierung neue Studiengänge? Ist die Aufteilung in Informatik und Elektronik- und Informationstechnik noch zeitgemäß? Ein Gespräch mit Prof. Gunther Olesch, Geschäftsführer bei Phoenix Contact.

Herr Prof. Olesch, brauchen wir im Zuge der Digitalisierung neue Studiengänge wie den »Informatik-Ingenieur«, analog dem Wirtschaftsingenieur, wie sie zuletzt August-Wilhelm Scheer auf der Productronica forderte?

Ich bin nicht der Meinung von Herrn Scheer. Wir bekommen mit dem Studiengang Elektronik- und Informationstechnik alles was wir brauchen. Übrigens, BDA und BDI - Ich bin auch Mitglied des Berufsbildungsausschusses von BDA und BDI - sind hier mit der Bundesregierung einer Meinung. Wir sind uns einig, dass wir keine neue Ausbildungsrichtung brauchen, weder bei Facharbeitern noch bei Ingenieuren. Es gibt Informatik, es gibt Ingenieurwissenschaften - hier kann es eine Verknüpfung geben. Aber kein neues Studienfach.

Auch keine neuen Ausbildungsgänge?

Das wäre kontraproduktiv! In der beruflichen Bildung, bei Mechatronikern und Systeminformatikern, ist es genauso. Auch hier müssen wir das Rad nicht neu erfinden, nur mixen.

Eine weitere Aufsplittung wäre sogar fatal mit Blick auf die Demographie: Wir haben vor 15 Jahren bereits die Berufsausbildung so unterteilt, das wir nur unter Mühen Berufsschulklassen zusammen bekommen. Und jetzt noch teilen, vor dem Hintergrund der Demographie?

Stattdessen müssen wir das Know-how bündeln: Der Produktionsingenieur oder der Produktionsfacharbeiter muss Know-how von der Informatik vermittelt bekommen. Und der Informatiker Know-how von den Anlagen erhalten. Wirtschaft, Hochschulen und IHKs müssen sich dazu synchronisieren. Diesen Austausch sehen wir auch. Im Januar veranstaltet Phoenix Contact dazu einen Bildungsgipfel, um alle Beteiligten konzertiert zusammen zu holen. Unsere Region OWL sehe ich dabei durchaus als Vorreiter.

Ist das duale Studium vor dem Hintergrund der Diskussion ein Königsweg?

Absolut! Wir bilden unsere eigenen Ingenieure aus. Von unseren 380 Auszubildenden absolvieren 180 ein Duales Studium.

Wie stehen Sie denn zu einem Pflichtfachinformatik an Schulen?

Finde ich sehr gut. Zwei Fächer halte ich für die schulische Bildung für unerlässlich: Informatik und Wirtschaft. Bei uns fangen Abiturienten an, die kennen noch nicht mal den Unterschied zwischen Umsatz und Ertrag geschweige denn, was Investitionen sind oder wie ein Unternehmen funktioniert. Das Argument von schulischer Seite, dafür fehlten die Lehrer, zählt nicht. Dann muss man eben entrümpeln und streichen, was nicht mehr gefragt ist. Natürlich kann man nicht ständig nur oben draufpacken, man muss auch mal etwas wegnehmen, was in Zukunft nicht mehr so gebraucht wird. Latein wäre da so ein Beispiel.

Dutzende Humanisten werden jetzt aufschreien…

Chinesisch bringt uns weiter. Anders als Latein wird es von 1,3 Milliarden Menschen gesprochen. Schauen Sie, wir als Unternehmen müssen doch unser Angebot auch ständig nach A, B oder C-Produkten analysieren, um zukunftsfähig zu bleiben und um unsere Mitarbeiter zukunftsfähig zu beschäftigen. Deswegen: Lehrprogramme in Richtung Zukunft ausrichten! Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Brunhild Kurth, ist da übrigens auf unserer Seite, etwa was das Entrümpeln des Lehrplans und die Lehre von Informatik und Wirtschaft angeht.

(Das ganze Interview lesen Sie im Markt&Technik-Trendguide »Die besten Arbeitgeber 2016«)

Das Gespräch führte Corinne Schindlbeck.