Einmal Ausland - und zurück?

Die Globalisierung treibt immer mehr deutsche Ingenieure und Techniker ins Ausland. Für die Firma ein paar Jahre ins Ausland zu gehen, kann die Karriere beschleunigen - wenn man es richtig anstellt. Viele Heimkehrer rechnen danach mit einem Chefposten – aber den haben sich inzwischen die daheim gebliebenen Kollegen geangelt. Wie baut man vor?

Was der deutsche Ingenieur während seiner zwölf Monate in Thailand tun sollte, hatte ihm seine Firma genauestens eingeschärft: Den Markt studieren, den Kontakt zum Hauptzulieferer festigen, nach weiteren Quellen schürfen, die Nachbarregionen erkunden. »Okay«, hatte er genickt, »und wie geht’s mit mir weiter, wenn ich zurück bin?« Zur Antwort bekam er: »Das sehen wir dann. Machen Sie erst einmal einen guten Job. Das zahlt sich immer aus.«

Pustekuchen. Nach seiner Rückkehr machte der Ingenieur genau da weiter, wo er vor seinem Auslandsaufenthalt aufgehört hatte: Er arbeitete dem Technischen Leiter zu. Nur war das mittlerweile ein neuer, genauer: sein früherer Kollege. Der hatte die Gunst der Stunde genutzt, um sich in Position zu bringen. Jetzt war der Kamin erst mal verstopft und der erhoffte Aufstieg in weite Ferne gerückt. Keinen einzigen Karriereschritt war der Ingenieur vorangekommen. Dabei hatte er sogar noch Glück gehabt, meint die Nürnberger Asien-Expertin Dr. Hannelore Seelmann-Holzmann: »Bestimmt 80 Prozent der Expats landen bei ihrer Rückkehr in der Besenkammer.«

Aus den Augen, aus dem Sinn?
Angesichts der in jüngster Zeit lauter gewordenen Appelle an den technischen Nachwuchs, zum Studium oder zum Arbeiten ins Ausland zu gehen, mag das wie Hohn klingen. Doch es liegt nicht immer an der mangelhaften Personalplanung in den Unternehmen, wenn die heimgekehrten »Expatriates« jäh ihre Aufstiegshoffnungen platzen sehen. Ebenso wenig versteckt sich die größte Gefahr hinter dem Sprichwort »Aus den Augen, aus dem Sinn.« Obwohl auch daran ein Fünkchen Wahres ist, wie Dieter Hierner, Chef des China Desk Deutschland der Deutschen Bank in München weiß. »Aufgrund von Restrukturierungen im Unternehmen verändern sich oftmals die bestehenden Kontakte«, sagt er, »wenn jemand längere Zeit im Ausland ist, droht sein Netzwerk schwächer zu werden. Man verliert oft die Kontakte aus dem Blick, und die Vorgesetzten, die einst entsendet haben, sind auf einmal weg. Naja«, setzt er mit Bedacht hinzu, »und neue Verantwortliche haben nun mal andere Sichtweisen«.

Deshalb muss die Absicherung der Rückkehr(er) von beiden Seiten erfolgen, nicht nur von der Zentrale, sondern auch vom Mitarbeiter auf Achse. Seelmann-Holzmann listet die Hausaufgaben auf: »Vor Ort sollte ich mir systematisch so viele Kontakte wie möglich schaffen, möglichst breit, möglichst tief, nicht nur in der Branche, sondern auch zu anderen Expats. Ich sollte die fremde Sprache lernen. Ich sollte ständig die Kommunikation mit der Zentrale aufrecht halten, mein Gesicht zeigen. Ich sollte meine Eigeninitiative trainieren, mein Stärkenprofil entwickeln, Ideen sammeln, denn ich darf mich nicht darauf verlassen, dass mir die Firma etwas Adäquates anbietet - weil sie unter Umständen ja gar nicht weiß, was für mich ’adäquat’ bedeutet.«

Mehr Zeit fürs professionelle Networking
Expats und solche, die es werden wollen, müssen das als deutlichen Fingerzeig betrachten, auf ihrer Auslandsstation mindestens so viel Zeit fürs professionelle Networking aufzuwenden wie zuvor im Inland. Besser: noch mehr. Allenfalls am Anfang sind Techniker und Ingenieure überrascht, wenn sie vom China-Repräsentanten ihrer Firma die Einladung zum Five o’clock Tea bekommen. Nach einiger Zeit ist das für den Expat ebenso normal wie die Einladung zur Betriebsversammlung zu Hause. Staunende, mitunter fast verehrende Blicke der Landeskinder beim Gang durch die Produktion und die fremdländischen Quartiere lassen das Ego wachsen. Zumal der Entsandte insgeheim ja ordentlich stolz ist auf seinen Mut, die gewohnte Umgebung hinter sich gelassen zu haben, ins fremde Wasser gesprungen zu sein und dort eine Menge Neues lernen zu können. Darüber will er berichten, dafür erwartet er Anerkennung. Und was hört er auf dem Flur, wenn er für ein paar Tage auf Besuch in der Zentrale weilt und den Kollegen den Rücken zuwendet? »Was der sich einbildet!« Oder: »Keine Ahnung, was hier abgeht, aber große Töne spucken.« Ebenso beliebt: »Der ist ja verbuscht.«

Hannelore Seelmann-Holzmann weiß sehr gut, was im Inneren der Grenzgänger vor sich geht, wenn sie sich nach ihrer Heimreise in der Zentrale zurückmelden. »Sie kommen aus dem Ausland zurück, und die Vorgesetzten in der Heimat verstehen gar nicht, was die geleistet haben, welche Kompetenzen sie sich angeeignet haben. Nicht nur Kulturkompetenz, sondern auch, das eine bestimmte Zeit ausgehalten zu haben. Damit geht oft eine Persönlichkeitsentwicklung einher. Und die wird nicht gesehen.«

Klar machen, was man im Ausland gelernt hat
Die Folge: Die Entscheider in der Zentrale wissen oft nicht so recht, was sie mit den Heimkehrern anstellen sollen. Den Personalern fehlt vielfach die Fantasie, wofür man diesen Mann, diese Frau mit allem dazu erworbenen Wissen einsetzen könnte. Die Beraterin: »Meist bieten sie ihnen genau den Job an, den diese Leute vorher hatten, und damit ist die Sache natürlich gelaufen: Sie werden anfällig für Wechselangebote von anderen Firmen und gehen entweder wieder zurück ins Ausland oder suchen sich in Deutschland eine passende Stelle.« Expats sollten daher sich selbst und ihrem Unternehmen über die gesamte Dauer der Abwesenheit hinweg klar machen, was sie im Ausland gelernt haben, was sie können und was sie jetzt und zukünftig wollen. Darauf zu warten, dass der Vorgesetzte oder die Personalentwicklung von sich aus die dazu gewonnenen Stärken erkennt und sie in ein attraktives Aufstiegsangebot ummünzt, zeugt von Blauäugigkeit. »Die Mitarbeiter im Ausland müssen sich selbst fragen, wie sie ihrer Firma nützlich sein können«, rät Seelmann-Holzmann. »Wird dieses Angebot nicht angenommen, dann haben sie hoffentlich genügend Kontakte gesammelt, um anderswo zu arbeiten.«

Für Headhunter sind kürzlich zurückgekehrte Expats eine wahre Fundgrube an Kandidaten. Wer sein Engagement nicht sofort mit einer Beförderung oder wenigstens der Aussicht darauf belohnt sieht, fühlt sich oft »unter Wert« eingesetzt und frustriert. Lockrufe von anderen Unternehmen fallen da gern auf fruchtbaren Boden. Das Nachsehen hat die Firma. Sie verliert einen Mitarbeiter mit Auslandskompetenzen, die sie sich mit der Entsendung des nächsten erst wieder aufbauen muss. Oder die Firma engagiert jemanden, der just von dorther nach Deutschland zurückgekommen ist und sein Engagement vom bisherigen Arbeitgeber nicht gewürdigt sieht. Christine Demmer



Interview: ... und immer an die Rückkehr denken
Dieter Hierner, Leiter des China Desk Deutschland der Deutschen Bank in München, war 10 1/2 Jahre lang »draußen«: in Nigeria, in Südafrika und zuletzt in China. Er kennt die Stolpersteine, an denen mancher Expat nach der Rückkehr in die Heimat scheitert.

Hinter dem Rücken von Menschen, die für ihre Firma ins Ausland entsandt werden, hämen die Kollegen manchmal: »They’ll never come back.« Was ist da dran?
Ich glaube, dahinter stecken stereotype Vorstellungen über die Tätigkeit und die Lebensumstände dieser Expats. Man denkt an luxuriöses Wohnen, Bedienstete, hohes Einkommen, weiße Strände, blauen Himmel und kann sich kaum vorstellen, dass jemand das aufgeben könnte. Viele Expats sind ja auch tatsächlich nicht mehr zurückgekehrt, weil sie vielleicht ihre große Liebe gefunden haben oder die dortigen Lebensumstände sehr schätzen. Oder weil sie nach einem Zwischenstopp in der Heimat den Weg zurück in die große weite Welt gefunden haben.

Was kann man als Mitarbeiter von der Außenposition aus tun, um seine Karriere nach der Rückkehr abzusichern?
In unserer schnelllebigen Zeit ist es grundsätzlich schwer, heute schon die Karriere nach dem Auslandseinsatz zu planen. Expats haben oft exponiertere und verantwortungsvollere Aufgaben als ihre daheim gebliebenen Kollegen. Also wird der Expat sowohl im Innen- als auch im Außenverhältnis mit anderen Beziehungen konfrontiert. Er wächst mit der Aufgabe. Sowohl die Beziehungen zum Mutterhaus als auch die Ansprechpartner verändern sich. Es ist daher unverzichtbar, über die bestehenden Verbindungen hinaus Kontakte im Unternehmen auf- und auszubauen. Gleichzeitig muss der Expat seine während der Auslandstätigkeit neu erworbenen Fähigkeiten erkennen und kommunizieren.

Wie pflegt man sein Netzwerk in der Heimat, wenn man vielleicht nur ein oder zwei Mal im Jahr in die Zentrale kommt?
Nun, das ist dank der modernen Kommunikationsmöglichkeiten eigentlich viel leichter geworden. Es ist wie in der Werbung: Man muss, wie auch immer und natürlich positiv besetzt, im Gespräch bleiben. Dazu sind regelmäßige Telefonate, E-Mails, auch Reisen und indirekte Kontakte erforderlich.

Was meinen Sie mit »indirekten« Kontakten?
Zum Beispiel das Abendessen mit dem Assistenten der Geschäftsleitung, der anlässlich eines Chinaurlaubs mal vorbeischaut. Oder die Pflege gemeinsamer Bekannte, privat wie geschäftlich.

Draußen in der Diaspora gilt man als »Star«, drinnen im Headquarter ist man ein Mitarbeiter unter vielen. Wie kommt man nach der Rückkehr damit klar?
Der Schock trifft nur diejenigen, die sich zu sehr an die vergleichsweise luxuriösen und elitären Umstände im Ausland gewöhnt haben. Sie haben vergessen, dass sie sich nach der Rückkehr wieder in die bekannten Strukturen eingliedern müssen, bei denen sie häufig eine weniger exponierte Rolle spielen. Nach meiner Beobachtung tun sich viele Ehemalige recht schwer damit. Daher steigt die Zahl der so genannten local expats im Ausland. Das sind eben genau diese Menschen, die den Weg in die Heimat nicht mehr vollziehen können oder wollen.

Was empfehlen Sie also den Kollegen draußen in der Welt?
Sie sollten sich, erstens, sehr gründlich auf die kulturellen Eigenheiten der Menschen ihres Ziellandes vorbereiten, dennoch unvoreingenommen und mit großer Neugier in das Land gehen. Sie sollten zweitens die Vorgesetzen vor Ort und im Mutterhaus frühzeitig und möglichst kontinuierlich in ihre Strategie und in deren Umsetzung einbinden. Nur wer Motive und Pläne nachvollziehen kann, wird diese unterstützen. Drittens sollten sie flexibel bleiben, auch wenn es in manchen Situationen schwer fällt. Und viertens dürfen sie nie vergessen, dass dieser Job zeitlich befristet ist.

Das Interview führte Christine Demmer