Kommentar Demographischer Wandel, war da was?

Corinne Schindlbeck, Redakteurin Markt&Technik
Corinne Schindlbeck, Redakteurin Markt&Technik und Rubrikenleiterin karriere.elektroniknet.de.

Headhunter haben gerade wieder volle Auftragsbücher. Der Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit BA-X, ein Indikator für die Nachfrage nach neuen Mitarbeitern, ist mit 195 Punkten so hoch wie noch nie. Aber Konzerne leisten sich Jugendwahn. Verstehen Sie das?

Kürzlich erschien in meiner Twitter-Timeline ein Ratgeber-Artikel der von mir gerne gelesenen Karriereberaterin Svenja Hofert (@SvenjaHofert), publiziert auf SPON.

Hier fragt eine 48-jährige Teamleiterin in einer Kommunikationsagentur nach ihren Chancen am Arbeitsmarkt ("Bin ich zu alt für den Job?"), ob es ggf. ratsam sei, in einen Konzern zu wechseln.

Das sei nicht so einfach, antwortet Hofert. Weil es, unter anderem, "chronisch jugendliche Bereiche" gebe, etwa das Marketing. "Die Marketingverantwortung wird (...) weit lieber einem jungen Spund zugesprochen als einem alten Hasen", schreibt Hofert. Denn Marketing sei "per Definition ideengetrieben und immer vorn dabei. Diesen Drive traut man gerade in Internetzeiten eher den jüngeren Kandidaten zu", den "Digital Natives".

Interesse, auch an Weiterbildung? Spricht man den "Älteren" offenbar ab.

Jetzt ist das schon starker Tobak und eigentlich ein Fall für das AGG, aber es kommt noch schlimmer: Konzerne, das sei ihre Erfahrung, "laden Über-50-Jährige so gut wie gar nicht mehr ein". Ausnahmen gebe es nur bei Spezialkenntnissen, wie etwa Programmiersprachen.

Wenn das stimmt, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz  - AGG, seit 2006 in Kraft - jetzt mal außen vorgelassen (ein älterer Bewerber erfährt deshalb sowieso nie den wahren Grund für eine Absage): Da bleiben aber künftig rund 20 Jahre zu füllen bis zur Rente, wie soll das gehen? Und gibt es für Unternehmen nicht den Megatrend "Demographischer Wandel", auf den die Unternehmen sich kulturell tunlichst einstellen sollten, um ihren Fachkräftenachwuchs zu sichern?

Das Beispiel zeigt, dass, sollte Hofert Recht haben, Unternehmen mit "Jugendwahn" entweder äußerst kurzsichtig denken, und/oder der Fachkräftemangel nur partiell vorhanden ist. Denn Jugendwahn muss man sich leisten können.

Einer Entspannung am Arbeitsmarkt widersprechen die offiziellen Zahlen: Der gesamte Arbeitsmarkt trotzt seit Jahren allen Krisen. Um jetzt mal nicht das Institut der Deutschen Wirtschaft heranzuziehen: Im September lag der Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit BA-X, ein Indikator für die Nachfrage nach neuen Mitarbeitern, mit 195 Punkten so hoch wie noch nie.

Und offenbar leidet besonders die mittelständische Elektronikindustrie, das sagen zumindest Personalberater aus der Branche. So wie Udo Wirth: »Im Mittelstand kaum Bewerberresonanz«, egal auf welchen Wegen man suche. Wirth ist seit vielen Jahren auf die mittelständische Elektronikindustrie spezialisiert.

Und auch direkt angesprochene Kandidaten reagierten aktuell kaum, so der Münchner Headhunter. Welche Gründe führt Wirth dafür an? Das Angebot an Fachkräften sei einfach zu gering, und dann passe auch noch häufig die Qualifikation nicht.

Der attraktive (=junge) Nachwuchs von der Uni werde von den Konzernen mit üppigen Personalmarketing-Budgets »abgesaugt«.

Und die Älteren? Gab es noch vor einigen Jahren ein Polster an arbeitslosen, älteren Elektroingenieuren, so ist dieses inzwischen auf ein Minimum zusammengeschmolzen, so dass der VDE von "Vollbeschäftigung" spricht.

Was also tun gegen Bewerbermangel? Udo Wirth rät, intern darauf Einfluss zu nehmen: Profile zu überarbeiten, Aufgabenstrukturen anzupassen, intern weiterzubilden und zu entwickeln. Und »einfach immer wieder« seine Vorzüge als Arbeitgeber in den Vordergrund zu stellen. "Jugendwahn" ist dabei sicherlich kein Asset.

Welche Erfahrungen machen Sie am Arbeitsmarkt? Schreiben Sie mir, gerne auch auf Twitter @corischindlbeck.