Vereinbarkeit Als Physiker in Teilzeit

Justin Bierner ist Diplom-Physiker und im Qualitätsmanagement von Infineon Technologies. Seit der Geburt seiner Tochter vor 6 Jahren arbeitet der 47-Jährige 27,5 Wochenstunden in Teilzeit.
Justin Bierner ist Diplom-Physiker und in der Qualitätssicherung als Six Sigma Black Belt und Lead Auditor bei Infineon beschäftigt.

Justin Bierner ist Diplom-Physiker und im Qualitätsmanagement von Infineon Technologies. Seit der Geburt seiner Tochter vor 6 Jahren arbeitet der 47-Jährige 27,5 Wochenstunden in Teilzeit. Wie klappt das?

Herr Bierner, Sie gehören als Teilzeit-Papa immer noch zu den Ausnahmen. Wie kamen Sie zur Teilzeit-Stelle?

Mit der Geburt unserer Tochter war klar, dass wir mehr Zeit für die Familie wollen. Meine Frau ist leitende Angestellte, für sie wäre Teilzeit nicht so ohne weiteres möglich gewesen. Da Infineon unter anderem  flexible Arbeitszeiten ermöglicht, haben wir uns gemeinsam dafür entschieden, dass ich auf 70 Prozent gehe und jeden Tag nur 5,5 Stunden arbeite.

Das geht in Ihrem Job? Was machen Sie?

Ich arbeite in der Qualitätssicherung als Six Sigma Black Belt und Lead Auditor. Zuvor war ich in der Fertigung als Prozessingenieur beschäftigt und habe mich zwischenzeitlich auch mit verschiedenen Geschäftsprozessen und Supply Chain-Strategie-Themen befasst.

Was die Teilzeit betrifft, habe ich zuerst mit meinem  Vorgesetzten gesprochen, der dem  Thema gegenüber sehr offen war. Es ist essenziell, dass der eigene Chef mitspielt und keine Blockadehaltung einnimmt.

Immerhin fehlen Ihrem Chef jetzt Mitarbeiter-Ressourcen.

Entscheidend ist, dass man sich eine für beide Seiten passende, individuelle Lösung überlegt. Sowohl das Unternehmen als auch der Mitarbeiter müssen flexibel sein, um die jeweiligen Interessen zusammenzubringen. Eine Patentlösung gibt es da nicht. Freilich muss im Unternehmen auch die kulturelle Basis dem Thema gegenüber  stimmen. Hier ist  bei Infineon schon eine ganze Menge passiert.

Wurden Ihre Aufgaben denn neu verteilt?

In Summe wurde nur die Arbeit, die ich auf Grund der geringeren Stundenzahl nicht mehr übernehmen konnte, umverteilt. Bildlich gesprochen kann ich statt fünf Projekten jetzt eben nur noch drei gleichzeitig machen.

Und wie funktioniert Ihr Bereich mit 27,5 Stunden?

Größtenteils sehr gut. Ich denke, es ist ganz wesentlich, dass man das Aufgabengebiet realistisch zuschneidet. Sonst arbeitet man de facto 40 Stunden, bekommt aber weniger Geld, oder man ist unterfordert, weil man unter Umständen nur noch administrativ tätig ist.

Beides kann sehr  frustrierend sein. Für mich ist die Teilzeitlösung eine Bereicherung, denn ich arbeite gerne und habe dennoch genug Zeit für meine Familie.

Haben Sie auch schon überlegt, wann Sie wieder aufstocken?

Für meine Frau und mich ist klar, dass ich mittelfristig wieder auf Vollzeit gehe. Doch nun steht nächstes Jahr erst mal der Schuleintritt meiner Tochter an – mal sehen wie sich die Situation dann verändert.

Sind Sie in Ihrem Bekanntenkreis die Ausnahme?

Im Bekanntenkreis ja, hier in der Firma hingegen nicht. Meine Tochter ist in der Kindertagesstätte von Infineon,  da treffe ich beim Bringen und Holen schon Kollegen in ähnlichen Situationen.

Tauschen Sie sich dann auch mal aus?

Für ausführliche Gespräche reicht mir die Zeit in der Regel nicht, weil der nächste Termin schon wartet.

Zwei Zeit-Journalisten haben zum Thema Vereinbarkeit gerade ein Buch mit dem Titel »Geht alles gar nicht!« veröffentlicht. Wie würden Sie Ihre Erfahrung mit Teilzeit bewerten?

Ich persönlich habe sehr positive Erfahrungen gemacht. Aber wie schon erwähnt: Entscheidend ist die Erarbeitung einer individuellen Lösung. Hierfür müssen Arbeitgeber und Mitarbeiter offen und ehrlich miteinander umgehen.

Der Vorgesetzte sollte nicht 100 Prozent verlangen, wenn dem Mitarbeiter nur 70 Prozent der Zeit zur Verfügung stehen. Und umgekehrt, auch wenn man seinen Beruf liebt und an bestimmten Projekten hängt muss der Mitarbeiter Abstriche in Kauf nehmen. Alles geht eben nicht.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Kollegen?

Das ist eigentlich gar nicht so kompliziert. Ich gehe zwar um 15 Uhr, nehme bei Bedarf jedoch auch an internationalen Conference Calls teil, die außerhalb meiner vereinbarten Arbeitszeit stattfinden. Typischerweise telefoniere ich morgens mit den Kollegen in Singapur oder Malacca und abends evtl. noch mal mit Kollegen aus den USA. Letzten Endes arbeiten wir hier vor allem ergebnisorientiert.

Das heißt, Sie haben auch zuhause einen Rechner stehen?

Ja. Zum Beispiel für Telefonkonferenzen mit USA und Asien gleichzeitig, die wegen der unterschiedlichen Zeitzonen schon mal um 6 Uhr morgens sein können. Danach fahren wir in die Kita.

Und Ihre Tochter?

Die schläft so früh in der Regel noch.

Und wenn die Konferenz abends ist?

Naja, meine Frau ist ja auch noch da, ich muss mich also nicht zu 100 Prozent alleine meiner Tochter widmen. Wir unterstützen uns natürlich gegenseitig und sprechen uns ab. Es funktioniert immer irgendwie.

Außerdem kann ich mir meine Zeit einigermaßen flexibel einteilen. Es gibt eine vereinbarte Arbeitszeit auf Vertrauensbasis, keine Stempelkarte. Eine Ausflugsbegleitung beim Wandertag oder andere Familien-Termine sind durch die flexiblen Arbeitszeiten oder über einen unkomplizierten Abbau von Überstunden auch möglich.

Gibt es Probleme mit Vollzeit-Kollegen, die den Fokus stärker auf den Beruf legen?

Nein, in meinem Fall eigentlich nicht. Die Flexibilität ist ein echter Vorteil, auch wenn Beruf und Privates dadurch stärker zusammenwachsen.
Natürlich hätten meine Frau und ich auch beide Vollzeit weiter arbeiten können, da die Infineon-Kita eine Betreuung bis 18 Uhr anbietet. Doch dann sieht man sein Kind ja kaum noch: Abendessen, ins Bett, am Morgen wieder raus – das hätten wir für uns  nicht gewollt.

Glauben Sie, dass Sie weiterhin alle potenziellen Aufstiegsmöglichkeiten haben?

Ja, das glaube ich schon. Ich habe im Gespräch mit meinem Chef nicht den Eindruck bekommen, dass ich wegen der Teilzeit benachteiligt würde.

Das Gespräch führte Corinne Schindlbeck