Ingenieure können nicht klagen

Ausgebeutet würden sie, als kostenlose Know-how-Träger missbraucht, schon in jungen Jahren ins Prekariat geschickt: Dicke Krokodilstränen weinten Politiker und Gewerkschafter angesichts des wachsenden Heers von Praktikanten in den Betrieben. Ingenieurstudenten verstehen das Gejammer nicht. Wo, bitte, ist das Problem?

Ausgebeutet würden sie, als kostenlose Know-how-Träger missbraucht, schon in jungen Jahren ins Prekariat geschickt: Dicke Krokodilstränen weinten Politiker und Gewerkschafter angesichts des wachsenden Heers von Praktikanten in den Betrieben. Ingenieurstudenten verstehen das Gejammer nicht. Wo, bitte, ist das Problem?

Anna Schwab studiert Produktionstechnik an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Zwei Fachpraktika schreibt die Studienordnung vor, beide hat die 21-Jährige bei Weidmüller im nahe gelegenen Detmold absolviert.

Wie war’s denn so – Kaffee kochen, Handlangerdienste tun, schwer schuften für ein Leichtmatrosengehalt? Nichts da: »Während ich bei meinem Grundpraktikum zu Beginn meines Studiums noch wenig selber machen konnte und erst mal die grundlegenden Dinge lernen musste, konnte ich im zweiten Praktikum richtig aktiv werden«, sagt sie fröhlich, »da habe ich gemerkt, wie man mich aufgrund meines in der Uni und im Grundpraktikum erworbenen Wissens aktiv einsetzen kann. Ich habe sogar die Verantwortung für kleine Teilprojekte bekommen.«

Und ein Praktikantengehalt gab’s obendrein. Wie für alle 68 Praktikanten, die 2007 zeitweise bei Weidmüller im Einsatz waren. Bis zu 550 Euro im Monat sind drin für »zu 90 Prozent Studierende oder Absolventen, die sich orientieren wollen«, sagt Melanie Kamphaus vom Hochschulmarketing. Für das Entgelt wird Aktivität erwartet. Kamphaus: »In den technischen Richtungen haben wir steigenden Bedarf, aber Zuschauerpraktika gibt es nicht«.

Eine freizeitorientierte Schonhaltung an den Tag zu legen, wäre auch kontraproduktiv. »Je mehr sich die Praktikanten engagieren, desto eher erinnert man sich später an sie, wenn es um eine Stellenausschreibung geht.«

Dass Studierende an Fachhochschulen mindestens ein Fachpraktikum nachweisen müssen, solche an Universitäten dieses tunlich sollten, ist allen Beteiligten – Studierenden, Professoren, Betrieben – seit den 70er Jahren in Fleisch und Blut übergegangen. Zur Erinnerung: Mit der Umwandlung der Ingenieurschulen in Fachhochschulen wurde dort ein sechsmonatiges Betriebspraktikum im Hauptstudium Pflicht, selbst wenn die Studierenden zuvor eine Ausbildung abgeschlossen hatten. Die befristete Abstinenz von den Lehrbüchern ist ja auch ganz sinnvoll, denn das Praktikum stellt die graue Theorie der buntschillernden Praxis in den Unternehmen gegenüber. Umgekehrt aber auch, wie Anna Schwab berichtet: »In der Uni profitiere ich von dem Wissen, das ich im Praktikum aufgebaut habe, denn ich entdecke in den Vorlesungen Dinge wieder, die ich bei Weidmüller kennen gelernt habe. «

Wenn von der darbenden »Generation Praktikum« die Rede ist, geht es freilich nicht um die Pflichtübungen in der Bachelorausbildung an Fachhochschulen. Lautstark beklagt wird vielmehr die Zunahme der freiwilligen und häufig unbezahlten Praktika nach dem Diplom, von denen sich die Hochschulabsolventen eine bessere Startposition im Rattenrennen des Arbeitsmarktes versprechen. Rund 100.000 Unterschriften begleiteten Ende 2007 zwei Schreiben an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages, in denen um eine gesetzliche Regelung von Praktika gebeten wurde. Darin soll Dauer, Vergütung und die Rechte von Praktikanten festgeschrieben werden. Der Bundestag denkt darüber nach.