Vishay sondiert die Märkte für eine neue Übernahme, die nötigen Mittel stehen zur Verfügung

Vishay will den nächsten Wachstumsschritt tun und strebt die nächste große Übernahme an. Nachdem sich das Unternehmen zuletzt vor allem im Bereich diskreter ICs verstärkt hat, schließt Dr. Gerald Paul, President und CEO von Vishay, dieses Mal auch einen großen Deal im Bereich passiver Bauelemente nicht aus. Die nötigen Mittel dazu stehen zur Verfügung. »Unser Ziel ist wieder eine große Akquisition«.

Markt&Technik: Seit April ist die Akquisition der Power-Control-Systems-Sparte von IR abgeschlossen. Hat die Übernahme Ihre hohen Erwartungen erfüllt?

Dr. Gerald Paul: Sie hat die Erwartungen insofern erfüllt, als sie vom ersten Tag an positiv zum Umsatz und Ertrag der Vishay beigetragen hat. Nach der erfolgreichen und reibungslosen Eingliederung des Geschäfts arbeiten wir derzeit daran, uns von den Halbleiterlieferungen durch International Rectifier unabhängig zu machen. Ich gehe davon aus, dass wir dafür bis zum Ende des Sommers eine Lösung gefunden haben. Die Unabhängigkeit von diesen Lieferungen wird uns ein zusätzliches Wachstumsmoment verleihen.

Sie haben sich durch diese Akquisition unter anderem mit PowerMOS-Lösungen über 200 V verstärkt und sind auch in das IGBT-Modulgeschäft eingestiegen. Werden Sie in Zukunft speziell Ihr IGBT-Business vielleicht durch weitere Akquisitionen ausbauen?

Im IGBT-Modul-Geschäft sind wir bislang wirklich nur ein Follower. Aus meiner Sicht ist das IGBT-Modul-Geschäft aber durchaus ausbaufähig. Bislang sind wir hier jedoch von IR als Chipquelle abhängig. Hier wollen wir in Zukunft freier agieren. Das heißt nicht, dass wir vollständig auf IR als Chiplieferanten verzichten wollen, aber zusätzliche Quellen würden unsere Handlungsfähigkeit auf diesem Gebiet deutlich erhöhen. Neben Investitionen in Eigenentwicklungen besteht auch die Möglichkeit, unsere Position auf diesem Gebiet durch eine Akquisition auszubauen. Unabhängig davon werden wir noch in diesem Jahr ein Fertigungs-Agreement mit einem Foundry-Partner für den Bereich Low-Voltage PowerMOSFETs eingehen.

Vishay kann inzwischen auf eine 20-jährige Akquisitions-Erfahrung zurückblicken. Sie selbst hatten zuletzt Zukäufe im Bereich diskreter IC favorisiert. Behalten Sie diese Strategie bei?

Unsere Akquisitionen waren von entscheidender Bedeutung für das durchschnittliche Wachstum des Unternehmens von jährlich 20 Prozent. Diese Akquisitionsstrategie hat uns zu einem Broadliner für die Bereiche passive Bauelemente und diskrete ICs werden lassen, der sicherlich seinesgleichen sucht. Unser Broadliner-Ansatz garantiert uns zudem eine sehr stabile Geschäftsentwicklung, da keiner unserer Kunden mehr als 7 Prozent zum Unternehmensumsatz beiträgt. Übernahmen im Bereich diskreter ICs haben uns in den letzten Jahren einfach die höheren Wachstumschancen geboten. Das PCS-Geschäft von IR ist dafür ein gutes Beispiel, es hat unseren Umsatz sofort um rund 10 Prozent erhöht und unsere Ertragskraft um wenigstens 15 Prozent gesteigert. In den letzten eineinhalb Jahren ist aber auch unser Wunsch nach einer Übernahme im Bereich passiver Bauelemente wieder deutlich gestiegen.

Sie haben seit dem Frühjahr 2007 keine größeren Akquisitionen mehr getätigt. Liegt das an mangelnden Gelegenheiten, oder sind die interessanten Kandidaten nach dem Boomjahr 2006 einfach zu teuer geworden?

Es ist sicherlich keine Frage des Geldes. Akquisitionen bis zu einem Volumen von 1 Mrd. Dollar würden uns nicht vor Probleme stellen. Ich wäre sofort bereit, für einen Hersteller passiver Bauelemente, der unser Produktspektrum bereichern und erweitern würde, 100 oder 200 Mio. Dollar auszugeben, nur leider befindet sich derzeit kein solches Unternehmen auf dem Markt. Im Bereich passiver Bauelemente könnten wir ja nur noch leistungsfähige Unternehmen mittlerer Größe übernehmen, da der Kauf eines großen japanischen Wettbewerbers durch ein ausländisches Unternehmen schlicht unmöglich ist. Aber wird arbeiten weiter daran. Unser Ziel für die Zukunft ist wieder eine große Akquisition.

Der von Ihnen angesprochene Finanzrahmen dürfte eine große Übernahme im Bereich diskreter ICs fast ausschließen. Die Preise für Unternehmen, die Ihr Portfolio stärken könnten, liegen wohl fast durch die Bank bei über 1 Mrd. Dollar.

Wenn wir, wie in der Vergangenheit, mit Ausnahme des IR-Deals, ein komplettes Unternehmen übernehmen, dann dürfte das ohne Hilfe des Finanzmarktes zugegebener Weise schwer werden. Wir streben auch keine feindlichen Übernahmen an, das steht im Gegensatz zu unserer Unternehmensphilosophie.

Damit dürfte es auf eine Übernahme im Bereich passiver Bauelemente hinauslaufen. Entspricht dieses Produktsegment nicht Ihrem auf Spezialitäten getrimmten Business-Konzept deutlich mehr als die diskreten ICs?

Naturgemäß handelt es sich bei dem Geschäft mit diskreten ICs mehr um ein Commodity-Business. Eine Spezialisierung fällt in diesem Bereich deutlich schwerer als bei passiven Bauelementen. Die passiven Bauelemente bieten da andere Möglichkeiten. Dort haben wir die Spezialisierung gezielt vorangetrieben. Wir sind nicht nur weltweit Marktführer im Bereich Widerstände und zahlreicher anderer passiver Bauelemente, wir sind vor dem Hintergrund unserer umfassenden Expertise Partner unserer Kunden und nicht nur Lieferant. Ein gutes Beispiel für unsere Spezialisierung ist der Bereich Alu-Elkos. Bezogen auf die Standardprodukte, sind wir dort weltweit ein Zwerg. Betrachtet man aber den Bereich der hochzuverlässigen Alu-Elkos, etwa für den Bereich der erneuerbaren Energien, dann ist es uns gelungen, mit unseren ESTA-Produkten inzwischen ein Umsatzvolumen von 120 Mio. Dollar zu generieren.

Wären Sie auch bereit, sich neben diskreten ICs und passiven Bauelementen auch in einem für Vishay ganz neuen Produktbereich zu etablieren?

Die Option besteht. Nachhaltig wäre ein solcher Schritt aber nur, wenn er mit einer entsprechend großen Akquisition verbunden wäre. Auf diese Weise würden wir sichergehen, auch über die nötigen Vertriebskanäle zu verfügen, die der Einstieg in ein neues Segment erfordert. Derzeit haben solche Pläne zwar keine Priorität, es ist aber auf jeden Fall eine mögliche Option.

Dank des starken Euro hat sich Ihr Europaumsatz im letzten Jahr auf 38 Prozent erhöht und liegt nun gleichauf mit Asien. Mit welcher Entwicklung rechnen Sie für den weiteren Verlauf des Jahres 2008?

Nachdem 2007 nach dem Boomjahr 2006 mit einem Umsatzwachstum von 10 Prozent etwas gedämpft verlief, begann auch das Jahr 2008 verhalten. Seit März hat das Auftragsvolumen jedoch wieder deutlich angezogen. Unsere aktuelle Bock-to-Bill-Rate liegt bei 1,05. Wir verzeichnen bislang ein Auftragsplus von 7 Prozent gegenüber dem 4. Quartal des Vorjahres. Besonders wichtig erscheint mir dabei, dass es zu keinem überproportionalen Aufbau von Lagerbeständen in der Distribution kommt. Genau das war Anfang 2004 das Problem, das zu spät wahrgenommen wurde.

Sie haben wie andere Hersteller passiver Bauelemente im letzten Jahr die Preise für eine Reihe von Produkten angehoben. Die Rohmaterialpreise sind weiterhin hoch. Müssen sich die Anwender weiterhin an preisstabile passive Bauelemente gewöhnen?

Ich sehe da vor dem genannten Hintergrund keine großen Alternativen. Wenn die Rohmaterialpreise weiterhin auf diesem Niveau bleiben, wird der durchschnittliche Preisverfall für unsere Produkte auch in diesem Jahr wohl bei 2 Prozent liegen. Ich gebe zu: Das ist im Vergleich zu den Jahren davor ein sehr niedriger Wert. Dafür arbeiten wir andererseits intensiv daran, die Lieferzeiten für unsere Kunden trotz einer konstant steigenden Nachfrage weiter zu reduzieren.

Das Interview führte Engelbert Hopf