»Purer Lobbyismus ohne den nötigen Zeitgeist bringt nichts«

Infineon war zuletzt durch die Qimonda-Pleite, hohe Verluste und den Absturz der eigenen Aktie in den Schlagzeilen. Vorstandsmitglied Prof. Dr. Hermann Eul über die Zukunft Infineons und den Stand der europäischen Halbleiterindustrie.

Herr Prof. Eul, erst einmal Glückwunsch zum Gewinn des deutschen Innovationspreises mit Ihrem Handy- Chip X-Gold 101, den Sie bis heute mehr als 100 Millionen Mal verkauft haben. Auf welchen Märkten sind denn Ihre Kunden wie Nokia oder LG besonders erfolgreich?

Prof. Dr. Hermann Eul: Mit diesen Geräten sind die Kunden insbesondere in den so genannten Emerging Markets erfolgreich, in denen die Leute erstmals überhaupt ein Telefon kaufen, etwa in China oder in Indien. Aber auch in Nebenmärkten, wenn Leute ein einfaches Telefon ohne Schnickschnack haben wollen, mit dem sie telefonieren und SMS verschicken können.

Werden Sie Ihre Strategie, Massenmärkte mit Billigprodukten zu bedienen, fortsetzen?

Nischenmärkte sind was für Startups, ein Konzern unserer Größenordnung muss immer Massenmärkte bedienen. Das müssen aber nicht unbedingt Billigprodukte sein. Vielmehr ist es wichtig, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Wir haben uns entschlossen, für untere Preissegmente etwas zu bauen, was wirklich ein Meilenstein ist, und das ist uns mit den Ein-Chip-Lösungen für Ultra-Low-Cost-Handys gelungen. Wir sind aber auch mit unserer WCDMA/HSPA-Lösung, die bei vier Kunden erfolgreich im Einsatz ist, im High-End-Smartphone-Bereich vertreten. Die Finanzkrise hilft uns: Entweder geht es in die Richtung ganz billig oder in Richtung edel, es gibt ja noch Geld in der Welt. 

Zur Zeit ist Ihr Umsatz im Wireless- Bereich ungefähr doppelt so hoch wie im Wireline-Bereich. Werden Sie Wireline zu Gunsten von Wireless zurückfahren?

Nein. Wireless ist natürlich größeren Schwankungen unterworfen, ist auf der anderen Seite aber ein großer Volumenmarkt. Unser Marktanteil war 2008 ca. ein Achtel stückzahlenmäßig, im HF-Bereich sicher größer. Der Wireline-Bereich ist durch Breitband-Zugänge geprägt. Auch er ist unsere Kernkompetenz, wir haben uns am Markt wunderbar durchgesetzt. Es ist ein Markt, der sehr schön an der Penetration hängt, jeder braucht seine Fritz-Box, sonst nimmt er am Markt nicht teil.

Wie hoch sind eigentlich ihre F&E-Ausgaben im Kommunikationsbereich?

So weit brechen wir das nicht runter, aber gehen Sie davon aus, dass sie zwischen 20 und 25 Prozent unseres Umsatzes liegen. Bei weniger können Sie kaum erfolgreich sein. Wir investieren so viel wie unsere Wettbewerber, die – anders als wir – ausschließlich in diesem Business tätig sind, und bei denen liegen die Zahlen ja auf dem Tisch.

Um Geld zu sparen, teilen Sie ja schon in der IBM-Allianz Ihre Kosten für die Vorentwicklungen mit anderen Herstellern. Im Oktober habe ich mit dem ehemaligen NXP-CEO, Frans van Houten, gesprochen. Er bat mich, bei Ihnen mal wegen eines Fab- Sharing-Modells nachzufragen …

Eul: (lacht) Fab-Sharing ist ja fast so was wie ein Foundry-Betrieb, es gibt jedoch einen Unterschied: Bei der Foundry kaufen alle gleich ein, während es beim Fab-Sharing sicher ein zumindest mentales Problem gibt: Es gibt immer einen, dem die Fab gehört, und einen, der Gast ist. Dadurch können Spannungen hinsichtlich der Frage entstehen, ob man gleich gut bedient wird oder ob Produkte ausspioniert werden. Wenn man dieses mentale Problem aber mal überwunden hat, ist Fab-Sharing ökonomisch genauso sinnvoll wie die Nutzung einer Foundry. Dass es Bedenken gibt, kann man am Beispiel Samsung sehen: Die Logiksparte kommt im Vergleich zur Speichersparte nicht richtig voran, weil die Kunden vielleicht Angst haben, ihr IP sei nicht sicher genug.

Zur Politik: Sie haben z.B. mit Ihrer CoolMOS-Technologie Lösungen in der Schublade, die die Megaziele der Politik wie Klimaschutz unterstützen. Trotzdem dürfen noch PCs mit Netzteil-Wirkungsgraden unter 90 Prozent und Kühlschränke ohne drehzahlgeregelte Motoren verkauft werden. Haben Infineon und die europäische Halbleiterindustrie im Punkte Lobbyismus versagt?

Wir hatten in Europa eine Periode, da hielt man die Mikroelektronik für nicht wichtig. Man verkannte, dass die Basis jedes technischen Fortschritts die Halbleitertechnik ist. Wenn der Zeitgeist so ist, laufen Sie als einzelner nicht gegen ihn an. Ich bin aber davon überzeugt, dass sich der Zeitgeist dreht. Immerhin hat es die Bundeskanzlerin nach drei Jahren IT-Gipfeln durchgesetzt, nach Maßnahmen zur Reduktion von CO2-Belastungen jetzt auch das Thema Breitband-Zugänge für alle anzugehen. Sicher können Sie sagen, das hätte doch schon alles fünf Jahre früher kommen können, aber jetzt sind wir froh, dass es soweit ist.

Was wir nicht machen, ist, salopp gesagt, jemanden auf die Nerven zu gehen, mit dem was wir zu sagen haben. Wir sind in den Arbeitskreisen wie ZVEI oder Bitcom vertreten, da bringen wir uns qualifiziert ein. Ich denke, purer Lobbyismus ohne den nötigen Zeitgeist führt zu nichts.

In Brüssel sitzen insgesamt 15 000 hauptamtliche Lobbyisten, die an den Gesetzen mitschreiben, hunderte alleine jeweils aus der Pharma- und der Bauindustrie. Diese setzen die Interessen ihrer Industrien ja sehr aggressiv und erfolgreich um. Infineon hat genau einen Lobbyisten in Brüssel, der soll Ihrer Meinung nach irgendetwas ausrichten können? Davon abgesehen waren ZVEI und Co. in der Vergangenheit ja auch nur bedingt erfolgreich. Sie sagen, wir wollen keinem auf die Nerven gehen. Wäre es nicht vielleicht sinnvoll, Ihre Strategie zu ändern, denn die erfolgreichen Lobbyisten sind ja gerade die, die den Politikern täglich in den Ohren liegen?

Eul: Sicher gibt es extreme Einsparpotentiale speziell im Leistungselektronik-Bereich, die heute auf politischer Ebene noch nicht erkannt wurden, schauen Sie sich doch nur an, wie oft elektrische Energie umgewandelt wird, bis sie im letzten Transistor ankommt. Sie kommt in den ersten Wandler, der macht 48 V daraus. Im Rack, in jeder Baugruppe sitzt mindestens ein Wandler, dort entstehen 12, 5 oder 1 V. Je nach Architektur wird bis zu fünfmal mit DC/DC-Umsetzern gewandelt, und ob man jedes Mal einen Wirkungsgrad von 90 oder nur 85 Prozent erzielt – das ist schon ein riesiger Unterschied.  Hier sehen wir noch enorme Potentiale.

Aber es sind auch schon einige Themen bewegt worden, denken Sie an Code of Conduct, an CO2-Vorgaben oder an das Ausphasen der alten Glühbirne zugunsten energiesparenderer Technik.