EDA-Spezialist trotzt unruhigen Zeiten Mentor Graphics: Von Point-Tools zu Plattformen

Jean-Marie Saint-Paul, Mentor Graphics: »Wir haben Plattformen, die bis auf eine kleine Lücke den gesamten IC-Flow abdecken.«
Jean-Marie Saint-Paul, Mentor Graphics: »Wir haben Plattformen, die bis auf eine kleine Lücke den gesamten IC-Flow abdecken.«

Mit bemerkenswerter Ruhe hat der EDA-Spezialist Mentor Graphics sämtliche Übernahmebemühungen abgewehrt und sich nebenbei entgegen aller Unkenrufe vom Point-Tool-Spezialisten zum Plattformanbieter gemausert.

Um den EDA-Spezialisten Mentor Graphics war es in den letzten Jahren alles andere als ruhig. Erst der Versuch einer feindlichen Übernahme durch Cadence, dann die Offerte des Multimilliardärs Carl Icahn sein Aktienanteil deutlich zu erhöhen, um mehr Einfluss ausüben zu können. Und letztendlich der Vorwurf technischer Analysten, dass Mentors Produktpalette lückenhaft und deshalb für die Anforderungen der Zukunft nur bedingt geeignet sei. Komplette integrierte Flows gehöre die Zukunft so der Tenor.

Für Jean-Marie Saint-Paul, Technical Director Europe von Mentor Graphics, ist speziell letzteres an den Haaren herbeigezogen. Über die Übernahmeversuche möchte er nicht viel sagen, das Cadence-Thema hat sich erledigt und Mentors Aktionäre haben Carl Icahn bislang eine kalte Schulter gezeigt. Was ihn jedoch durchaus ärgert, ist die Kritik am Produktportfolio. »Im IC-Design-Bereich fehlt uns die Synthese, das ist richtig. Aber sonst haben wir im Front- und Backend ein komplettes Angebot«, so Saint-Paul. Tatsächlich hat sich Mentor Graphics in den letzten Jahren vom sog. Point-Tool-Anbieter zum Plattformlieferanten gemausert, das einzige was fehlt ist die Synthese. Daran wird sich laut Saint-Paul mittelfristig auch nichts ändern, denn es stellt sich die Frage, ob es sinnvoll und notwendig ist, ein Synthese-Tool anzubieten. In der Vergangenheit gab es viele Unternehmen, die versuchten den Platzhirsch Synopsys die Führungsposition streitig zu machen. Allesamt scheiterten sie grandios. Synopsys Design-Compiler ist der De-facto-Standard in der Industrie und Mentors Toolpalette lässt sich nahtlos anflanschen.

Der Einstieg in den Synthese-Markt würde auch nicht unbedingt zu Mentors Strategie passen. Die wohl wichtigste lautet »Detect Discontinuities«, was auf Deutsch etwa soviel bedeutet, wie Lücken im Design-Flow entdecken, für die noch keine oder unzureichende Werkzeuge zur Verfügung stehen. Diese Lücke gilt es zu besetzen und dann zur Nummer 1 in diesem Bereich aufzusteigen. Dafür stehen zweierlei Wege zur Verfügung, entweder wird selber entwickelt, oder eine viel versprechende Technologie bzw. Firma gekauft wie beispielsweise bei Valor oder CodeSourcery geschehen.

Anschließend sich den Nummer 1 Status erarbeiten, ist nicht immer leicht, dass es aber geht, hat Mentor Graphics in der Vergangenheit bereits mehrmals bewiesen, beispielsweise bei der ESL-Synthese, der formalen Verifikation oder der Mixed-Signal-Analyse - vom PCB-Design-Sektor ganz zu schweigen. In Europa hat der EDA-Spezialist im Leiterplatten-Design-Tool-Bereich einen Marktanteil von knapp über 60 Prozent, weltweit sind es knapp unter 50 Prozent. Lücken im Flow können Mentor Graphics hier nicht nachgesagt werden. Im Gegenteil, die enge Verzahnung der Werkzeuge für das PCB-Design, die Herstellungsoptimierung und letztendlich die Herstellung selbst wurde in den letzten Jahren permanent vorangetrieben und von den Kunden honoriert, wie die Marktanteile zeigen.

Insgesamt sieht deshalb Jean-Marie Saint-Paul Mentor Graphics gut aufgestellt: »Wir haben Plattformen, die bis auf eine kleine Lücke den gesamten IC-Flow abdecken und im PCB-Sektor haben wir einen bemerkenswerten Marktanteil.« Es gibt schlechtere Ausgangspositionen.