Cadence kommt langsam wieder in die Spur

Die Schonfrist ist vorbei, gut 100 Tage ist Lip-Bu Tan nun President und CEO von Cadence. Seine Aufgabe: den EDA-Spezialisten wieder zu alter Stärke zurückführen. Zurzeit legt er die Grundsteine dafür.

»Gehe zuerst, werde gesund und dann renne«, lautet eine der Weisheiten, nach der Tan Cadence wieder flott machen will. Tatsächlich hat er einiges zu korrigieren und zu justieren, denn unter seinem Vorgänger Mike Fister wurde intern aber auch extern viel Porzellan zerschlagen. Höhepunkt dabei war die letztendlich gescheiterte feindliche Übernahme des Rivalen Mentor Graphics gepaart mit Verlusten – Schnee von gestern.

In seinen ersten 100 Tagen ist Tan viel gegangen, hauptsächlich zu Kunden. »Ich habe mit allen Schlüsselkunden gesprochen und war überrascht über die positive Resonanz: Die Elektronikindustrie will ein starkes Cadence«, so Tan. Eigentlich kein Wunder, denn die EDA-Industrie ist bei weitem nicht mehr so fragmentiert wie früher. Vier Firmen, darunter zwei Komplettanbieter (Cadence und Synopsys), dominieren den Markt. Gerät ein Komplettanbieter in Schwierigkeiten, droht langfristig ein Quasi-Monopol. Das kann nicht im Sinne der Kunden sein.

Soweit, so gut, doch wie will Tan diese Aufgabe bewältigen? Gegenwärtig ist die Gesundung angesagt. Finanziell sind die Weichen bereits gestellt. »Wir haben 515 Millionen Dollar Barreserven, die Kostenstrukturen wurden überarbeitet und wir haben die sogenannte 90:10-Regel eingeführt«, so Tan.

Bei letzterer werden bei Abschluss eines Geschäfts mit mehrjähriger Laufzeit nur 10 Prozent der gesamten Vertragssumme im Monat des Vertragsabschlusses eingebucht und die restlichen 90 Prozent über die Laufzeit. Vorher hieß die Regel 50:50, was den Umsatz verzerrte und kurz vor Quartalsende zu manchem »Notverkauf« führte, um die von den Investoren erwarteten Zahlen zu liefern.

Das Ergebnis aller Bemühungen: »Wir haben beim Cashflow schon jetzt den Breakeven erreicht«, berichtet Tan und verschweigt dabei nicht, dass auch das Topmanagement seinen Beitrag dazu geleistet hat, indem es sich eine 20-prozentige Gehaltskürzung gönnte. Tan ist zuversichtlich, dass die eingeleiteten Maßnahmen greifen und deshalb 2012 die Gewinnmarge wieder bei 25 Prozent liegen wird.

Doch nicht nur die finanzielle Gesundung schreitet mit großen Schritten voran, auch die Teamkultur scheint wieder ins Gleichgewicht zu kommen, nachdem mit Fister einige seiner engsten Mitstreiter gehen mussten und die Hierarchie-Strukturen bereinigt wurden. »Wir haben jetzt wieder eine wesentlich flachere Struktur und unser Geschäft in 13 Business Units aufgeteilt«, berichtet Tan. Noch seien nicht alle Positionen besetzt, aber das sei nur eine Frage der Zeit. »Wir haben intern sehr gute Leute und meine Aufgabe ist es, diese Mitarbeiter an die richtigen Positionen zu bringen«, erläutert Tan.

Mit Tan, so scheint es, kehrt Cadence wieder zu seinen Wurzeln zurück. Passend dazu lauten weitere Weisheiten Tans: »Get back to the basics« und »Konzentration auf das Wesentliche«. In seinem »Beraterstab« schlägt sich dieser Trend ebenfalls nieder: »Ich unterhalte mich sehr viel mit Leuten wie Joe Costello und Penny Hersher,« zwei Cadence-Veteranen aus der »guten, alten Zeit«.