Biochips: »Unsere Forschungsbürokratie hat auf die falschen Player gesetzt«

Verliert Deutschland den jungen Boom-Markt der biomedizinischen Sensorik an Asien? Prof. Bernhard Wolf warnt jedenfalls davor. Er fordert deshalb mehr Grundlagenforschung und langfristige Förderstrukturen.

Welchen Effekt haben die aktuell auftretenden Epidemien wie die sogenannte Schweinegrippe auf die Nachfrage nach Biochips bzw. welche Impulse gehen von diesen Erkrankungen für den R&D-Bereich aus?

Prof. Bernhard Wolf: Keine, die zugrundeliegende Analytik ist bereits entwickelt.

Mit welchen Zeitfenstern sind heute Biochip-Lösungen realisierbar, die sich etwa zur Diagnose neu auftretender Krankheiten eignen?

Je nach Komplexität der Fragestellung zwischen einer Woche und drei Monaten.

Spielt die diagnostische Medizin heute bei Biochips überhaupt noch eine dominierende Rolle oder haben Anwendungen im Bereich der Biosensorik, Drogentests oder der Einsatz in der Lebensmittelindustrie das Einssatzspektrum deutlich erweitert?

Hängt von der Fragestellung ab. Prinzipiell wächst der Markt und es kommen täglich neue Applikationen hinzu, nahezu alle im professionellen Bereich. Die Biosensorik stagniert, da im wirtschaftlich interessanten Bereich Glucose keine nennenswerten Fortschritte gemacht werden. Wir haben allerdings einen schönen Durchbruch im Bereich der transkutanen unblutigen Glucosemessung erzielt. Hier zeichnen sich interessante Aspekte ab. Gegenwärtig suchen wir nach Investoren, da wir das Thema nicht über Anträge finanzieren wollen.

Biosensoren werden heute auf Silizium, Glas aber auch Polymerträgern realisiert. Welches dieser Materialien hat Ihrer Einschätzung nach das größte Potenzial für die Zukunft?

Eindeutig Polymer, auch hier haben wir erste Erfolge. Polymere IS- und Zell-FETS.

Welche Möglichkeiten sehen Sie aus heutiger Sicht für den Einsatz von Biochip-Lösungen in Form von Implantaten? Worin sehen Sie dabei die größten Probleme?

Auch hier sind die wichtigsten Probleme gelöst. Wir sind auch hier in guter Position und haben funktionierende Produkte, die bereits mit Zulassung vertrieben werden. Das Thema Stromversorgung bleibt virulent. Es zeichnen sich Lösungen ab. Auf der Basis unserer Technologie und in Verbindung mit unserer Ausgründung sensinside sehen wir keine ernsthaften Probleme mehr. Zur Realisierung der speziellen Implantate werden die üblichen Vorlaufkosten benötigt. Ein großes Thema ist die Langzeitstabilität der verwendeten Werkstoffe. Zu deren Testung verfügen wir über spezielle Techniken und Wissen.

Wie hat sich der von Ihnen initierte Biochip-Verbund inzwischen entwickelt? Auf welchen Lösungen liegt aktuell der Schwerpunkt und worauf wollen Sie sich in Zukunft fokussieren?

Alles hat sich prächtig entwickelt, zwar etwas langsamer als gedacht aber mit gutem Erfolg und nachhaltigem Beschäftigungspotenzial. Schwerpunkt bei uns liegt gegenwärtig in der Miniaturisierung der Auslesegeräte und Automatisierung der großen Systeme. Der Verbund läuft gut und fertigt selbst komplizierte sensorgestützte Mikrosysteme.

Auf welche Projekte im Bereich der Biosensorik konzentriert sich derzeit die Forschung an der TU München im Rahmen der Heinz-Nixdorf-Stiftung?

Polymere Sensorik und selbstkalibierende biokompatible Systeme für Implantate und markerfreie Analytik.

Es gibt ein wachsendes Interesse speziell an telemedizinischen Konzepten sowie an der Thematik Medizinelektronik insgesamt. Gibt es da bereits konkrete Projekte oder Initiativen?

Ja, allerdings läuft die Produktion überwiegend in Fernost.

MEMS finden sich heute in zahlreichen Consumer-Applikationen. Wären in zehn Jahren Biochips als Standardfeatures etwa eines Handys oder eines iPods denkbar?

Mit Sicherheit, allerdings haben wir in Deutschland hier keine Chance mehr. Die Produktlinien sind bereits fest in der Hand asiatischer Länder. Selbst wenn in der Forschung Durchbrüche an einzelnen Stellen gelingen sollten, wird es nicht zu nennenswerten Beschäftigungseffekten kommen. Hier hat unsere Forschungsbürokratie geschlafen und auf die falschen Player gesetzt.

Wir haben in letzter Zeit verstärkt feststellen müssen, dass ganze Patentfelder schon besetzt sind und wenig Spielräume für neue Ansätze bestehen. Wie in der Unterhaltungselektronik werden die Produkte zunehmend in sehr guter Qualität aus Fernost kommen.

Hat man die Bedeutung der Biosensorik für die Medizintechnik in Deutschland falsch eingeschätzt oder wurden auf diesem Gebiet nur die falschen Schwerpunkte gesetzt?

In Deutschland ist nicht verstanden worden, dass Sensorik eine Schlüsselindustrie ist und die Entwicklung biomedizinischer Sensorik wegen ihrer Komplexität einen langen Atem und langfristig ausgelegte Förderstrukturen benötigt. Eine bessere Ausstattung der Grundlagenforschung wäre hier zielführender gewesen, als opportunistische Beutegemeinschaften anzufüttern. Wenn Professoren über die Hälfte ihrer Arbeitszeit am Schreibtisch und nicht im Labor verbringen, können unter den gegenwärtigen Bedingungen keine Durchbrüche und Fortschritte erzielt werden.

Eine überbürokratisierte Forschungspolitik wird im Einklang mit wissenschaftlich überforderten Projektträgern und einseitig sich orientierenden Verbandsmanagern jede Kreativität noch zum erliegen bringen. Wie im Sport gilt, nur ein gut geführter Breitensport sichert den Nachwuchs für Hochleistungssportler, gegenwärtig fördern wir, um im Bild zu bleiben, »Spitzensport« und der Rest der Bevölkerung verfettet und sklerotisiert mental.

Sehen Sie trotzdem noch die Möglichkeit gegenzusteuern oder wird die Biosensorik zu den Bereichen zählen, in denen Deutschland das Marktpotenzial einer technischen Innovation ein weiteres Mal falsch eingeschätzt hat?

Erst verlieren wir die Halbleiterindustrie, dann droht der Verlust der Automobilindustrie, die Pharmaindustrie degeneriert zur Bedeutungslosigkeit in Deutschland und die Hochschulen erodieren unter den politisch initiierten Effizienzdiktaten. Das Ganze bei einer Staatsverschuldung, die zukünftig keinerlei Finanzierungsspielräume mehr erlaubt. Wir sollten wenigstens die Landwirtschaft stärken, um zukünftig unseren Hunger stillen zu können.