Bauelemente: Lieferengpässe in Sicht

»Vorsicht Verknappung!« Mit diesem Ruf warnen derzeit die Bauelementehersteller die Automobilindustrie. Die temporär auftretenden Engpässe in der Automotive-Lieferkette lassen jedoch noch keine nachhaltige Trendumkehr erkennen.

»Wir sind die letzten in der Lieferkette, haben aber eine Durchlaufzeit von zirka drei Monaten«, erklärt Jürgen Weyer, Global Sales & Marketing, Vice President Automotive Sales & Marketing EMEA von Freescale Halbleiter Deutschland. »Momentan können wir mit unseren noch gelagerten Wafer-Beständen kurzfristig auf Nachfragen reagieren. Aber auch das hat ein Ende. Was also nicht in den nächsten vier Wochen bestellt wird, kann dieses Jahr nicht mehr ausgeliefert werden.«

Ähnlich sieht es Jochen Hanebeck, President der Automotive Division bei Infineon Technologies: »Die gesamte Industrie – OEMs, Tier Ones und Halbleiterhersteller – hat ihre Bestände extrem reduziert. Aus der Sicht der Halbleiterhersteller kann das zu kräftigen Lieferengpässen führen. Bereits jetzt herrscht in einigen Bereichen Knappheit.« Und auch Peter Klevers, Sales Manager Europe in der Automotive Business Unit bei Renesas Technology Europe, sagt: »Die gesamte Logistikkette ist fast leer. Das bestätigen auch mehrere große Tier Ones. Denn aufgrund des nach wie vor extremen Kostendrucks sind alle gezwungen, die Lagerbestände niedrig zu halten.«

Gilt diese Einschätzung für die Elektronikindustrie im Allgemeinen? »Auch wir teilen die Befürchtungen, bei zukünftigen Bedarfserhöhungen mit Allokation rechnen zu müssen«, sagt Johann Weber, Vorstandsvorsitzender der Zollner Elektronik AG. »Die Gefahr sehen wir vor allem am Halbleitermarkt, weil viele Hersteller ihre Produktionen teilweise um mehr als 60 Prozent heruntergefahren oder sogar ganze Fertigungsstandorte geschlossen haben. Weil die Lagerbestände in der gesamten Supply Chain reduziert wurden, werden sich Schwankungen direkt und unmittelbar auf den Markt auswirken.

Die Lage für spezielle Bauteilen wie Mikrocontroller schätze ich besonders kritisch ein. Der Markt ist für uns zur Zeit nur sehr schwierig einzuschätzen, eine Unternehmensplanung für die komplette Supply Chain kann nur sehr schwer getroffen werden, keiner will und kann zur Zeit Risiken eingehen.«

Christian Meier, Vertriebsvorstand von Comsit, kann derzeit keine Verknappung erkennen, vom Automobilbereich einmal abgesehen, wo insbesondere die passiven Bauelemente teilweise betroffen seien. Im Rest des Marktes sei aber von Allokation weit und breit nichts zu sehen. Allerdings ist er sich sicher, dass eine Verknappung kommen wird, sobald die Weltwirtschaft wieder anspringt. Aber wann das sein wird, kann eben niemand vorhersehen. Ähnlich vorsichtig ist Harald Heutink, Vorstand der ce Global Sourcing: Spezielle Produkte seien teilweise schwierig zu bekommen, aber für die A-Produkte gebe es keinerlei Engpässe. Dass es gerade im Automobilbereich teilweise Verknappungen gebe, führt er auf das sehr kurzfristige Bestellverhalten der Kunden zurück, einen Trend will er daraus nicht ableiten.

Nur die großen Panels sind gefragt

Kann der Blick auf den Display-Markt weitere Hinweise geben? Im Consumerbereich haben Lieferzeiten und Preise seit Mai angezogen. Bei den Desktop-Displays und den großflächigen TV-Panels müssen inzwischen wieder Wartezeiten zwischen acht und zehn Wochen einkalkuliert werden, die Preise sind um zirka 15 Prozent gestiegen, und ein Ende der Preisspirale nach oben ist noch nicht abzusehen.