Bauelemente: Fälschungen nehmen zu

In jüngster Zeit mehren sich in der Elektronikbranche die Klagen über gefälschte Bauelemente. Werner Röck, Gründer und Eigentümer des Distributions- und Testhauses Semitron, kann das bestätigen. In seinem Testhaus steigt gerade in letzter Zeit die Anzahl der entdeckten Fälschungen.

Markt&Technik: Herr Röck, wie hoch ist der Anteil der gefälschten Bauelemente, die Ihnen beim Testen unterkommen?
Werner Röck: In Prozenten lässt sich das nicht ausdrücken. Fakt ist aber, dass gerade in den letzten sechs, sieben Monaten eine deutlich steigende Tendenz zu beobachten ist. Teilweise sind ganz dreiste Fälle darunter.

Beispielsweise bekommen wir ab und an nur leere Gehäuse geschickt. Andere Fälscher geben sich wiederum mehr Mühe und drucken falsche Herstellerangaben auf die Verpackungen und die Chips. So wird aus einem Standardbauteil schnell ein Mil-spezifiziertes Bauelement mit einem erweiterten Temperaturbereich etc. Kürzlich hatten wir den Fall, wo anstelle eines MOSFETs nur ein Widerstandsnetzwerk im Bausteingehäuse untergebracht war.

Gibt es aus Ihrer Sicht einen triftigen Grund, warum in letzter Zeit vermehrt Fälschungen auf den Markt kommen?
Eine plausible Erklärung dafür habe ich auch nicht. Zurzeit herrscht keine Allocation. Die Liefersituation ist bis auf wenige Ausnahmen im normalen Bereich. Es scheint aber, dass kriminelle Banden die Elektronikbranche als einen lukrativen Markt für sich entdeckt haben.

Welche Bauteile werden hauptsächlich gefälscht bzw. nachgebaut? Gibt es hier einen eindeutigen Trend?
Nein, die Fälschungen ziehen sich durch das gesamte Bauelemente-Angebot. Es sind sowohl aktive als auch passive Bauteile davon betroffen.

Wo kommen die Fälschungen hauptsächlich her?
Vorsichtig ausgedrückt: von den grauen Märkten aus Fernost. Ware, die wir direkt aus Europa oder den USA bekommen, ist meist nicht betroffen. Auch Bauelemente, die direkt von den renommierten asiatischen Herstellern und Händlern kommen, sind durch die Bank in Ordnung.

Welche Möglichkeiten haben die Originalhersteller aus Ihrer Sicht, um den Fälschern das Leben zu erschweren bzw. das Fälschen unmöglich zu machen?
Das ist eine schwierige Frage. Ich habe kein Patentrezept, um dieses Problem zu lösen. Es wurde ja bereits über ein Codesystem nachgedacht, aber auch das ist aus meiner Sicht nicht praktikabel. Ein geheimes Codesystem nützt uns als Testhaus nicht viel, wenn wir keinen Zugang zur Entcodierung haben. Außerdem: Wenn jemand etwas fälschen will, dann wird er es trotz Codesystem tun.

Wenn schon die Hersteller nicht viel tun können: Worauf sollten dann wenigstens die Kunden beim Wareneinkauf achten, damit sie keine Fälschungen erhalten?
Im Prinzip sollten sie nur eine einfache Regel beachten: nicht direkt bei dubiosen Quellen im In- und Ausland kaufen, sondern direkt bei den Herstellern und Lieferanten, die man jahrelang kennt und die über eine entsprechende Reputation verfügen. Alles andere schützt aus meiner Sicht nicht.

Was geschieht mit den gefälschten Bauteilen, die Sie beim Testen entdecken?
Die Bauteile werden nach Absprache mit dem Kunden so behandelt, wie er es will. Also entweder zurückgeschickt oder verschrottet. Wir mischen uns hier in die Kundenentscheidung nicht ein. Unsere Aufgabe ist vergleichbar mit der eines Arztes oder Rechtsanwaltes, es gilt die Schweigepflicht.