Fachkräftemangel in Shanghai

China ist kein Billiglohnland mehr – zumindest nicht an der Ostküste. 92 Prozent der Unternehmen dort haben außerdem Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden und zu halten – das treibt die Gehaltsspirale zusätzlich nach oben.

Experten prognostizieren das Wirtschaftswachstum Chinas in diesem Jahr auf 9,5 Prozent. Die Personalkosten steigen seit dem Boom beachtlich und trotz der jährlich 400.000 bis 500.000 Ingenieure, die die chinesischen Unis jedes Jahr ausspucken, haben ausländische Unternehmen Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden – vor allem in den großen Städten an der Ostküste. Denn die Lehre an den Universitäten ist sehr theorielastig und mit der deutschen nicht zu vergleichen. Üblich sind daher Kooperationen, etwa zwischen Hochschulen und Unternehmen, um Ingenieure nach westlichem Vorbild auszubilden und die Ausbildung allgemein zu verbessern.

Dieser Mangel – manche sprechen von einer regelrechten »Hetzjagd « auf gute Kandidaten – treibt die Personalkosten noch zusätzlich hoch, denn chinesische Top-Kräfte wissen, dass sie hohe Gehälter verlangen können. Im Raum Shanghai divergieren die Bezüge oft um 60 bis 100 Prozent. Den Firmen bleibt nichts anderes übrig, als im Gehaltspoker mitzuziehen, denn die Fluktuations-Quote ist mit bis zu 30 Prozent bei den hochqualifizierten Beschäftigten sehr hoch, im Schnitt haben 14 Prozent der beschäftigten Chinesen ihr Unternehmen im Jahr 2005 verlassen.

Hewitt Associates hat in Zusammenarbeit mit den VDI-Nachrichten eine repräsentative Studie über die Gehaltsentwicklung in Chinas Osten aufgelegt. Ergebnis: 92 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, große Schwierigkeiten bei der Rekrutierung geeigneter Mitarbeiter zu haben, selbst bei den – von Hewitt so definierten – »Spitzen-Unternehmen« waren es immer noch 70 Prozent. Angelernte oder ungelernte Mitarbeiter findet man leicht, doch gut ausgebildete Fachkräfte – vor allem für das Management und den technischen Bereich – sind schwer zu bekommen und zu halten. Boni und freiwillige Leistungen sind daher das Mittel der Wahl, um Mitarbeiter zu binden.

Die Lohnnebenkosten übertreffen das Gehalt oft um 100 Prozent. Sie werden auf ein vergleichsweise niedriges Grundgehalt aufgeschlagen. Zuzahlungen an die Sozialversicherung, die vom Arbeitgeber getragen werden, betragen bis zu 40 Prozent des Grundgehalts. Der Arbeitnehmer muss 18 bis 20 Prozent abführen. Allerdings deckt die Krankenversicherung nur Krankenhausaufenthalte ab – Arztkosten werden vom Unternehmen übernommen. »Zum festen Grundgehalt kommen oft sowohl feste und freiwillige Prämien als auch weitere individuell vereinbarte Zusatzleistungen hinzu«, weiß der Studienverantwortliche Holger Jahn, »Total Rewards« – Berater bei Hewitt Associates in Deutschland. Das können Fahrtkostenzuschüsse sein, Kindergeld, Kindergartengeld, Wohngeld, im Winter Kältegeld, im Sommer Ice-Cream-fee, Zuschüsse für Miete, Essen oder Kleidung. Zusätzlich bieten immer mehr Unternehmen Betriebsrenten für ihre Mitarbeiter an. Gängig ist zudem ein fester Jahresbonus (ein Monatsgehalt) und ein zusätzlich variabler Bonus (ein bis zwei Monatsgehälter). »Deshalb ist es wichtig, dass Unternehmen gerade bei den Fach- und Führungskräften den Überblick über die sehr komplexen Vergütungsstrukturen bewahren«, ergänzt Jahn.

Im Rahmen der Studie wurden aus 2200 erfassten Unternehmen 218 Unternehmen mit einem hohenIngenieuranteil ausgewählt. Insgesamt wurden (Grund-)Gehaltsangaben von mehr als 20.000 Positionen ermittelt und ausgewertet. Ein Manager Prozesstechnik in der Automobilindustrie verdient im Durchschnitt mit 26.000 Euro (246.338 RMB) das beste Gehalt in seiner Branche. In der chemischen Industrie erhält der Manager Engineering durchschnittlich 29.000 Euro (274.280 RMB). Die Grundgehälter in China sind in allen Bereichen in den vergangenen sechs Jahren um durchschnittlich acht Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum stieg das chinesische Bruttoinlandsprodukt um durchschnittlich 8,6 Prozent. Im Jahr 2006 wird eine Gehaltssteigerung von sieben bis acht Prozent prognostiziert.