Sysgo nach der Übernahme Zuviel Risiko für deutsche Investoren

Knut Degen war 1991 einer von drei Mitgründern der Sysgo. 2007 wandelte er die Firma in eine AG um und holte einen Investor ins Boot. Jetzt hat er Sysgo an Thales verkauft.
Knut Degen war 1991 einer von drei Mitgründern der Sysgo. 2007 wandelte er die Firma in eine AG um und holte einen Investor ins Boot. Jetzt hat er Sysgo an Thales verkauft.

Sysgo ist ein mittelständisches Software-Unternehmen mit einem Produkt, das etwas kann, was weltweit nur eine Handvoll Anbieter können: Mehrere sicherheitskritische Funktionen auf einem Computer ablaufen lassen, ohne dass diese sich gegenseitig in die Quere kommen können. Im November wurde Sysgo vom französischen Rüstungskonzern Thales gekauft. Warum gab es für Sysgo in Deutschland keine Zukunft?

Lange Jahre hat Sysgo im Stil eines Ingenieurbüros Entwicklungsaufträge für Kunden bearbeitet. Ein erster Boom begann mit dem Einsatz von Linux in industriellen Anwendungen. Weil man die vielen Kundenanfragen nicht alle einzeln beantworten konnte, gab man den Kunden etwas, womit sie sich zunächst selbst beschäftigen konnten: die Embedded-Linux-Distribution ELinOS. Die Idee: ein Basisprodukt schaffen, das Kunden selbst an ihre Bedürfnisse anpassen konnten oder von Sysgo anpassen lassen können.

Das zweite Projekt, „PikeOS“, etwa vor zehn Jahren gestartet, war weit anspruchsvoller: Ein Betriebssystem, das sicherheitskritische und -unkritische Funktionen auf einem Computer so sicher ausführt wie auf physikalisch getrennten Geräten.

Als von Virtualisierung noch keine Rede war, wollte man damit der Luftfahrtbranche eine Möglichkeit geben, Gewicht und Platz zu sparen. Sysgo war seiner Zeit damit weit voraus. Erst jetzt geht das Geschäft richtig los. Und so wuchs der Bedarf nach Wachstumsfinanzierung bei Sysgo und das Interesse von Investoren. Schade nur, dass sich niemand aus Deutschland fand. Knut Degen, einer der Gründer von Sysgo und bis zum Verkauf maßgeblicher Miteigentümer, sprach mit Elektronik-Redakteur Joachim Kroll über die Hintergründe des Verkaufs.

Elektronik: Herr Degen, Sie haben Sysgo seit der Gründung durch teils turbulente Zeiten gesteuert. Dabei war die Finanzierung des Unternehmens immer wieder Thema. Können Sie der Zukunft jetzt entspannter entgegensehen?

Knut Degen: War ich bisher so unentspannt? - Aber mal ernsthaft: Es stimmt schon, 2007 stand es mal Spitze auf Knopf. Wir waren mit unserer Technologie dem Markt um viele Jahre voraus. Als wir PikeOS 2004 zum ersten Mal Journalisten vorstellten, sagten einige, dass der Embedded-Markt so etwas nie bräuchte. Aber schon damals wurden die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen auf uns aufmerksam und seit 2007 läuft das Geschäft stabil und profitabel.

Seit 2011 stellen wir fest, dass wir nicht nur auf dem Radar von Forschungsabteilungen sind, sondern auch von den Einkäufern für Serienprodukte. Es gibt weltweit drei Anbieter, die eine zertifizierte Lösung haben, Software unterschiedlicher Kritikalität auf einer gemeinsamen Hardware auszuführen. Das sind Wind River, Green Hills und wir. Nehmen wir an, Samsung interessiert sich für so etwas, was meinen sie, wen werden die wohl anrufen? - Große Firmen werden sich immer zuerst an die Großen der Branche wenden. Bei Sysgo wussten die noch nichtmal, wo sie anrufen sollen. Wir hatten ja auch gar keinen Vertrieb in Korea. Das können wir uns überhaupt nicht leisten, weil das eine Vorausinvestition erfordert, die wir nicht stemmen können. Deshalb ist es für uns von enormem Nutzen, wenn wir auch zu einem „Großen“ gehören.

Elektronik: Spielt die Firmengröße nicht auch insofern eine Rolle, als große Kunden eine kleine Firma wie Sysgo für unsicher halten, weil man ja nicht weiß, ob es Sysgo in fünf Jahren noch gibt?

Degen: Diese Zweifel kann man durch technische Exzellenz, Argumente wie „Made in Germany“ und durch Dinge wie ein TÜV-Zertifikat schon noch entkräften. So hat das auch bei Samsung geklappt. Aber was ich eben nicht entkräften kann, ist, dass ich nur sechs Leute für den Vertrieb habe. Weltweit. Das sind so viele wie Wind River vermutlich für Bayern hat. Wenn bei uns mal 20 Interessenten an einem Tag anrufen, dann sind unsere Leute so überlastet, dass manche Kunden drei Tage erstmal nichts von uns hören. Mal einen richtigen Sprung zu machen auf 50 Millionen Euro Umsatz ist unter solchen Randbedingungen völlig unmöglich.

Elektronik: Aber wenn das Geschäft so gut läuft, wie Sie sagen, zahlt sich so eine Investition doch auch wieder aus?

Degen: Jetzt sage ich Ihnen mal was, und das können Sie auch ruhig so schreiben: Wir haben das ganze Projekt PikeOS mit einem externen Investment von drei Millionen Euro von einem Finanzinvestor und einer Kreditlinie von 100.000 Euro von der Sparkasse Mainz auf die Beine gestellt. Ein Green Hills oder Wind River haben dafür Dutzende von Millionen in die Hand genommen. Aber bei drei Millionen überlegen Sie sich genau, ob Sie noch einen Vertriebsmann mehr einstellen, der im ersten Jahr nur Geld kostet.

Elektronik: Hätten Sie auch an jemand anderes als an Thales verkaufen können?

Degen: Doch, schon. Der Markt war auf einmal da, und plötzlich bekamen wir Anrufe von einer amerikanischen Investmentbank. Und von Maklern, die für asiatische Investoren Firmen in Europa suchen. Ernsthafte Angebote, die Firma zu übernehmen, hatten wir in diesem Jahr aus Amerika und aus Asien, aber nur ein einziges ernsthaftes Angebot aus Deutschland. Und diesem Investor war es schließlich immer noch zu „riskant“. Und dann kam Thales. Ich glaube, da steht auch eine bewusste politische Entscheidung der Franzosen dahinter, diese Technik in Europa zu halten. Schließlich war Thales schon unser größter Kunde in Frankreich.

Elektronik: Demnach ist Deutschland für eine Software-Firma nicht das richtige Land?

Degen: Was soll ich jetzt dazu sagen... aber da haben Sie natürlich irgendwo recht. Es gibt zwar eine SAP und es gibt Hasso Plattner Ventures, aber wenn es darum geht zu investieren, dann investieren die alle lieber in das schnelle Geld und damit in irgendwelche Social-Network-Firmen. Für einen Investor ist ein Engagement im Embedded-Bereich zwar nicht so risikoreich wie bei einer Internet-Firma, dafür sind die Chancen auch begrenzt. Eine Embedded-Firma kann eben nicht in zwei Jahren zu einer Art Facebook werden.