Interview Wie geht's weiter mit Kontron?

Joachim Kroll, Elektronik, Marcel van Helten und Daniel Piper, Kontron, und Manne Kreuzer, Markt&Technik, im Gespräch auf der SPS IPC Drives Ende November 2013 in Nürnberg.
Joachim Kroll, Elektronik, Marcel van Helten und Daniel Piper, Kontron, und Manne Kreuzer, Markt&Technik, im Gespräch auf der SPS IPC Drives Ende November 2013 in Nürnberg.

Mit einer riskanten Umstrukturierung soll Kontron wieder auf Wachstum getrimmt werden. Aber muss dazu gleich das ganze Unternehmen umziehen? Ein Gespräch mit Marcel van Helten, Geschäftsbereichsleiter »Industrial«.

Nach einer rasanten Wachstumsdekade mit vielen Akquisitionen ist aus Kontron ein Konglomerat aus vielen verschiedenen Standorten und Geschäftsgebieten geworden. Schon Anfang 2013 hatte der neue, von Fujitsu Augsburg kommende CEO Rolf Schwirz angekündigt, dass er eine Restrukturierung einleiten wolle. Damals sprach er aber zunächst noch von der Vereinheitlichung der EDV- und Warenwirtschaftssysteme und von einer durchgehenden Betreuung internationaler Kunden über Ländergrenzen hinweg, die mit der gegenwärtigen Logistik nicht möglich sei. Doch mittlerweile hat sich herausgestellt, dass es mit der Installation neuer Software und ein paar Anpassungen in der Verwaltung nicht getan ist. Nach bewährten Sanierungsmustern hat Schwirz die Schlüsselstellen im Unternehmen mit seinen Gefolgsleuten besetzt und nimmt nun den nächsten Schritt in Angriff: die Konzentration des Unternehmens in einer neuen Zentrale in Augsburg. Dem fallen die gegenwärtigen Standorte in Kaufbeuren, Eching, Roding und Ulm zum Opfer, die aufgegeben werden. Deggendorf, wo Computermodule und -Boards entwickelt werden, bleibt bestehen. Zusammen mit Manne Kreuzer von Markt&Technik sprach Joachim Kroll, Elektronik, mit Marcel van Helten, dem neuen Leiter des Geschäftsbereich »Industrials«, über die Zukunft des Unternehmens.

Elektronik: Herr van Helten, seit wann sind Sie bei Kontron und wie kamen Sie zum Unternehmen?

Marcel van Helten: Seit 1.September 2013. Vorher war ich 15 Jahre bei GE, die letzten zwei Jahre davon als Leiter des Embedded-Business in Augsburg. Rolf Schwirz hat mich gefragt, ob ich beim Umbau von Kontron mit dabei sein möchte. Ich finde das einen sehr interessanten Job, weil ich glaube, dass die Möglichkeiten von Kontron unglaublich sind und dass wir Embedded-Computertechnik als kritische Technologie in Europa behalten müssen. In jeder Maschine und fast jedem Gerät ist Embedded-Technologie verbaut. Wenn wir das den Asiaten überlassen, dann haben wir keine Kontrolle mehr darüber, was wir in unsere Maschinen einbauen.

Elektronik: Ist es nicht gefährlich, angesichts des Fachkräftemangels den Standort zu verlagern?

Marcel van Helten: Es ist ein großes Risiko. Andererseits müssen wir unseren Mitarbeitern interessante Aufgaben bieten und wir müssen die Firma voranbringen. Allerdings werden einige Leute nicht mitgehen.

Elektronik: Wollen oder sollen die nicht mitgehen?

Marcel van Helten: Jeder derzeitige Mitarbeiter bekommt in Augsburg eine Stelle. Aber wegen der Entfernung möchten oder können einige nicht pendeln oder umziehen. Aber wir hoffen, dass wir in Augsburg auch einige neue Mitarbeiter dazu bekommen. Und wir tun alles, um die bestehenden Mitarbeiter mit nach Augsburg zu nehmen.

Elektronik: Wie wird die Aufgabenteilung zwischen Augsburg und Deggendorf sein?

Marcel van Helten: Das steht noch nicht ganz fest. In Deggendorf wird unsere Basistechnologie entwickelt, also COM Express, SMARC usw. Eine Fertigung haben wir in Deggendorf nicht. In Augsburg hatten wir dagegen immer eher Systemgeschäft, ebenso wie in Eching und Kaufbeuren. Außerdem haben wir in Augsburg die beste Produktionsanlage und den meisten Platz. Aber auch in Roding ist Systemgeschäft und diese Ingenieure werden zum größten Teil nach Deggendorf wechseln, so dass wir wahrscheinlich auch dort einen gewissen Teil des Systemgeschäfts abwickeln werden.

Elektronik: Was ist mit den Kontron-Standorten in Osteuropa? Sie wollen ja Kosten sparen und Ingenieure sind in Osteuropa gut ausgebildet, kosten aber viel weniger als bei uns.

Marcel van Helten: Wir haben zwei größere Standorte in Osteuropa, einen in Polen und einen bei RTsoft in Moskau, an denen wir eine Beteiligung haben. Artisoft vertreibt Kontron-Produkte in Russland, entwickelt aber auch Software für uns. Die ganze ARM-Software haben wir zum Beispiel dort entwickeln lassen – das ist dort wesentlich günstiger. In Polen machen wir vor allem Geschäft mit Verkehrstechnik. Darüber hinaus gibt es noch einen Standort in Toulon, weil wir dort Thales Computers gekauft haben. Auch das versuchen wir zu vereinheitlichen. Aber das dauert.

Elektronik: Kontron wirbt mit »German Engineering«. Wie verträgt sich das mit den internationalen Standorten?

Marcel van Helten:Wir sagen »German Engineering Practice«. Das bedeutet, dass wir unsere Denkweise und unsere Qualitätskriterien auf alle Standorte übertragen. Wenn ein Board in Penang in Malaysia entwickelt wird, dann hat es den gleichen Qualitätsstandard wie ein in Deutschland entwickeltes Board.