Identitäts-Armband Tschüss Passwort, hallo Nymi

Finger drauf: Der Kontakt an zwei Körperstellen - Finger des einen und Handgelenk des anderen Arms - führt zu einem geschlossenen Stromkreis. Das daraus abgeleitete EKG ist einmalig wie ein Fingerabdruck und soll den Träger eindeutig identifizieren.

Zugang per Herzfrequenzmessung: Das Eintippen von PINs und Zugangscodes könnte mit »Nymi« bald der Vergangenheit angehören. Und auch der Autoschlüssel hat dank des Armbands womöglich bald ausgedient.

Apple hat der Passwortflut mit seinem Fingerabdruck-Sensor im neuen iPhone den Kampf angesagt. Die Idee hinter dem Armband Nymi ist ähnlich, jedoch viel weitreichender – und dazu noch sicherer.

Das Gummiband, welches sich kaum von Fitness-Trackern wie dem Jawbone Up oder dem Fitbit Flex unterscheidet, ermittelt die Identität des Trägers durch dessen Elektrokardiogramm (EKG), also die spezifische elektrische Aktivität des Herzens. Diese hängt von der Größe, der Position sowie der Physiologie des Herzens ab und ist bei jedem Menschen einzigartig. Im Gegensatz zu Passwörtern oder Fingerabdrücken kann sie zudem unmöglich nachgeahmt werden.

Ist das Nymi einmal angelegt, sorgt die Sensorik für eine Authentifizierung gegenüber sämtlichen kompatiblen Geräten. Neben der Herzaktivität wird auch ein gekoppeltes Mobilgerät, also ein Smartphone oder Tablet, benötigt, um eine erfolgreiche Identifizierung zuzulassen.

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Nymi: Ein Armband zur Identifizierung

Nymi: Ein Armband zur Identifizierung

Eins für alles

Theoretisch lassen sich mit dem Nymi sämtliche geschützte Gegenstände und Accounts öffnen. Über Bluetooth Low Energy kommuniziert das Armband mit anderen elektronischen Geräten. Weil die biometrischen Sensoren noch durch Bewegungs- und Näherungssensoren ergänzt werden, sind unzählige Anwendungsmöglichkeiten vorstellbar (siehe Bilderstrecke). Auch die persönlich präferierten Einstellungen, etwa für die HiFi-Anlage oder den Fahrersitz im Auto, könnten darauf gespeichert werden. Damit so ein weitreichender Einsatz allerdings Realität werden kann, muss das System zunächst etabliert werden.

Hergestellt wird das Nymi vom kanadischen Startup Bionym. Um all die Anwendungsfelder zu erschließen, wirbt Bionym aktuell um Entwickler. Diese sollen attraktive Hard- und Software herstellen, welche die neue Technologie integriert. Mit den großen Smartphone-Produzenten sei man bereits im Gespräch, wie der Unternehmensgründer Dr. Karl Martin dem Technikportal The Verge mitteilte. Er erklärte zudem, dass die Technologie nicht nur in einem Armband denkbar sei: »Es könnte ein Ring sein, eine Halskette, ein Gürtel, irgendetwas. Das Armband ist nur die erste Idee. Wir werden sehen, was die Menschen damit anstellen wollen«. Nur ein funktionierender Verschluss sei nötig, um sicherzustellen, dass das Gerät im Moment getragen wird.

Die »erste Idee« namens Nymi kann online für 79 Dollar (58 Euro) vorbestellt werden. Das Armband soll Anfang 2014 international ausgeliefert werden, der Versand nach Deutschland beträgt rund 7 Euro. Mit der ersten Version soll man nahezu alle smarten Geräte entsperren können. Bionyms Nymi-App wird die Authentifizierung als auch personalisierte Benachrichtigungen unterstützen. Ähnlich wie bei Smartwatches kann man sich durch Vibrationsalarme z.B. auf neue Mails hinweisen lassen. Die App wird für iOS, Android, Mac und PCs erhältlich sein.

Werbung nach Maß?

Ein Armband, das anderen elektronischen Geräten vermittelt, wer und wo wir sind, dürfte auf den ein oder anderen auch erschreckend wirken. Auch wenn die Daten lokal abgelegt werden und jegliche Kommunikation über Opt-In-Verfahren laufen soll: Die Werbebranche hätte womöglich die Chance, ihre Angebote noch viel präziser zu gestalten als es im Onlinezeitalter ohnehin schon der Fall ist. Die Frage ist, ob der erlangte Nutzen diese Risiken rechtfertigt. Bei Internet-Suchmaschinen oder sozialen Netzwerken hat die Mehrheit der Bevölkerung diese Frage klar mit Ja beantwortet.

Eine komfortable Vision

Der Reiz des Nymi liegt in der Vielfalt der praktischen Anwendungsmöglichkeiten. Angenommen, so ein System setzt sich tatsächlich massenhaft durch: Stellen Sie sich vor, Sie nehmen einfach am heimischen Rechner Platz und müssen kein einziges Passwort eingeben. Und können doch sicher sein, dass ihre Programme und Benutzerkonten absolut sicher sind, sobald sie den Schreibtisch verlassen. Die Suche nach dem Autoschlüssel oder das Im-Geldbeutel-nach-Kleingeld-Wühlen wären überflüssig. Problematisch dürfte es nur werden, wenn man das Allzweck-Armband einmal vergisst. Dann würde man sich wohl den guten alten Zweitschlüssel zurückwünschen.