Wann rentiert es sich, in Deutschland zu fertigen?

»Auch in Deutschland lässt sich wirtschaftlich fertigen«, meint Dr. Werner Witte, Geschäftsführer der EMS-Firma BuS Elektronik. Denn den Preis der Baugruppe bestimmt hauptsächlich das Material. EMS wird Standort-unabhängiger.

Betriebe fangen meist dann an, über Outsourcing nachzudenken, wenn sie feststellen, dass Baugruppen aus eigener Produktion teurer sind als die am Markt zugekauften. Vor allen Auslagerungs-Bestrebungen sollte daher eine umfassende Gesamtkostenbetrachtung stehen. Ob die Fertigung ausgelagert wird oder nicht, entscheidet am Ende nicht das EMS-Unternehmen, »vielmehr muss der auslagernde Betrieb sehr genau wissen, was er tut und worauf bzw. auf wen er sich einlässt«, gibt Witte zu bedenken.

»Beim EMS fertigen zu lassen, ist im Allgemeinen günstiger, als selbst zu produzieren«, sagt Witte. Das liegt zum einen daran, dass EMS traditionell ein margenschwaches Geschäft ist. Aber auch die technologischen Aspekte spielen bei dieser Rechnung eine maßgebliche Rolle: Die Aufbau- und Verbindungstechnik der Baugruppe muss einen hohen Automatisierungsgrad erlauben. Denn ist der Anteil der Wertschöpfung – sprich der Arbeitsaufwand – an der einzelnen Baugruppe niedrig, dann ist der Einfluss der Lohnkosten relativ gering und eine wirtschaftliche Produktion am Standort Deutschland möglich.

Witte beziffert den anzustrebenden Wertschöpfungsanteil auf etwa 20 Prozent des Verkaufspreises der Baugruppe. Damit dieser Wert eingehalten werden kann, müssen beide Seiten an einem Strang ziehen: »Wir arbeiten gemeinsam mit unseren Kunden kontinuierlich daran, diesen Anteil an der Baugruppe zu reduzieren«, so Witte. Damit das gelingt, sind allerdings sehr gut aus- und weitergebildete Mitarbeiter und moderne Gerätschaften erforderlich. »Eine EMS-Firma muss investitionswillig und -fähig sein, um die Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Produktion in Deutschland zu schaffen bzw. zu erhalten.« Sie muss nach Ansicht von Witte ein hochleistungsfähiges Equipment für die Realisierung einer modernen Aufbau- und Verbindungstechnik bieten, sonst ist sie nicht konkurrenzfähig.

Welche Bedeutung hat der Standort?

Ostdeutschland, aber auch entlegene Gebiete in den »alten« Bundesländern sind Hochburgen der EMS-Industrie, weil die Standortkosten wie Grundstückspreise, Gewerbesteuer und Lohnkosten dort insgesamt niedriger sind als in den Ballungszentren. Sind also die Lohnkosten bei der Fertigung der alles entscheidende Faktor? »Allein sicher nicht«, meint Witte. »Unbestritten gibt es außerhalb der Ballungszentren aber ein moderateres Lohn- und Gehaltsniveau und damit eine gute Plattform für die Elektronikproduktion – das gilt übrigens auch für unseren Standort Riesa in Sachsen. Entscheidend ist jedoch immer ein stimmiges Gesamtkostenkonzept«.

Einfluss der Materialkosten

Je niedriger die Wertschöpfung, umso höher ist die Bedeutung der Materialkosten.  Der Vorteil: Das Material ist weltweit - zumindest prinzipiell - vergleichbar teuer. »Die steigende Bedeutung der Materialkosten ist daher ein wichtiger Schritt zur Standortunabhängigkeit«, meint Witte. Gleichzeitig wächst jedoch auch die Bedeutung der Kapitaldecke eines EMS-Dienstleisters. Jeder EMS kennt das Dilemma: Bevor er überhaupt Geld mit der Baugruppe verdient, muss er umfassend in Vorleistung gehen. Kostet eine Baugruppe im Verkauf 100 Euro, muss das EMS-Unternehmen 70 bis 80 Euro vorauslegen. Hochgerechnet auf mittlere Stückzahlen, kommt schnell eine sechs- oder siebenstellige Summe zusammen.

Für den Kunden dagegen liegen die Vorteile aus Sicht von Witte auf der Hand: »Er verlagert die finanzielle Belastung des Materialmanagements auf den EMS-Dienstleister und gewinnt eigenen finanziellen Freiraum.« Auch die oft besseren Einkaufskonditionen durch Volumensteigerung in Folge von Materialbündelung sieht Witte als Pluspunkt für das Outsourcing.

»Weiche« Faktoren

Neben den »harten Faktoren« wie technische Ausstattung, technologische Expertise bzw. Problemlösungsfähigkeit des EMS nehmen die »Softskills« eine wichtige Rolle ein. Und das aus gutem Grund, wie Witte weiß: »Verständlicherweise stoßen die Outsourcing-Bestrebungen eines Unternehmens nicht auf Zuspruch bei den Beschäftigten. Die Angst um den Arbeitsplatz oder der Know-how-Verlust der Firma sind viel zitierte Ressentiments.« Wenn es eine offene und vertrauensvolle Gesprächskultur zwischen den Partnern gibt und der Fertigungskunde im eigenen Unternehmen seinen Entschluss nachvollziehbar kommuniziert hat, sieht Witte dagegen keine Fallstricke.