Wachstum braucht Chancen: »TTIP zu verpassen, wäre verhängnisvoll«

KurtzErsa hatte 2015 wieder ein fulminantes Jahr mit einem neuen Umsatzrekord. Das Geschäftsfeld Electronis Production Equipment trug dazu fast die Hälfte bei. Ein Gespräch mit Rainer Kurtz, Vorsitzender der Geschäftsführung, KurtzErsa über Chancen, Herausforderungen, Industrie 4.0 und das Freihandelsabkommen TTIP.

Bildquelle: © KurtzErsa

Rainer Kurtz, KurtzErsa: „Roboter setzt man immer ein, um die Effizienz zu steigern. Wenn man Effizienz steigern kann und das nicht tut, hat man verloren.“

Markt&Technik: Welchen Beitrag hat das Segment Electronics Production Equipment, also die Marke „Ersa“ [1], zum deutlichen Umsatzwachstum des KurtzErsa Konzerns 2015 geleistet?
Rainer Kurtz: Wir konnten unseren Konzern-Umsatz für unsere drei Geschäftsbereiche bereits mehrmals in Folge deutlich steigern. Im vergangenen Jahr ist uns das mit einem Umsatz-Ergebnis von 235 Millionen Euro erfreulicherweise erneut auf Rekordniveau gelungen. Unser Business-Segment Electronics Production Equipment, das wir unter dem Namen „Ersa“ vermarkten, ist mit etwa 110 Millionen Euro – das entspricht etwa einer Steigerung von 20 Prozent – unser stärkster Bereich.

Das klingt ja sehr erfreulich – welche Regionen, Produkte und Anwendungsfelder treiben bei Ersa die Nachfrage?
Die EU ist das stärkste Feld für Ersa und macht etwa 45 Prozent aus. Es folgt Asien mit 30 Prozent und die Region „Americas“ mit 20 Prozent. Auf die restlichen Regionen entfallen etwa 5 Prozent. Die Nachfrage kommt aus all unseren Produktbereichen Tools, Rework, Schablonendrucker, Reflow, Wellenlöten und Selektivlöten.

Einer der entscheidenden Treiber sind Fahrzeuge – und dabei nicht (nur) die Elektromobilität, sondern das ganz klassische Auto, das immer mehr von der Elektronik durchdrungen wird. Bedenken Sie zum Beispiel, wie viele Motoren sich inzwischen in einem Mittelklasse-PKW befinden, für deren Ansteuerung Elektronik benötigt wird; oder die zahlreichen Assistenzsystemen, die ins Fahrzeug Einzug halten. Auch Nutzfahrzeuge wie sie in der Agrarindustrie zum Einsatz kommen oder Baufahrzeuge tragen zur hohen Nachfrage aus dem Automotive-Umfeld bei.

Ein weiterer Nachfrage-Trigger ist die zunehmende Vernetzung, also die Netzwerktechnik und Datenkommunikation. Die Industrierechner selber werden immer intelligenter, es entstehen Datenautobahnen in der Fabrik und über die Fabrik hinaus. Das alles erfordert eine fortschrittliche Infrastruktur. Darüber hinaus sind auch Luft- und Raumfahrt und die Consumer-Elektronik sind starke Treiber für uns.

China war – so zumindest mein Kenntnisstand – der stärkste Wachstumsmarkt für Ersa – welche Auswirkungen haben die wirtschaftlichen Turbulenzen in China aktuell auf Ihr Geschäft?
In China waren wir 2014 nicht ganz so zufrieden. 2015 lief es aber wieder sehr gut. Wir konnten 50 Prozent zulegen und haben dort auch unsere Produktion ausgebaut. Das letzte Jahr war in China für uns trotzdem herausfordernd und glich einer Achterbahnfahrt: Nach einem starken Jahresanfang ging das Geschäft ab Juli/August zurück – im Oktober hat sich schließlich alles wieder aufgelöst und ist sauber bis Jahresende durchgelaufen. In unserem Geschäft in China ist ein stark wachsender Binnenmarkt zu verzeichnen. Und auch wenn in China nicht mehr zweistellige oder hoch einstellige Wachstumszahlen zu erwarten sind – China wächst dennoch. Wenn man hier dabei sein kann, hat man Chancen, die man woanders nicht hat. Und wir sind dabei!

Aber was uns und eben auch China stark beeinflusst, ist die Weltwirtschaft. Wenn die Weltwirtschaft ein Problem hat, spürt China das auch oder sogar verstärkt, weil sehr viel exportiert wird. Und das wiederum betrifft dann auch Unternehmen wie uns.

Haben europäische Firmen also in China weiterhin große Chancen?
Nicht uneingeschränkt. Bestimmte Güter, wie etwa Low-Cost-Equipment, können Sie nicht mehr dort verkaufen. Das wird inzwischen von chinesischen Firmen selbst produziert. Aber hohe Qualität mit hoher Flexibilität gepaart ist immer noch ein Absatz-Argument für deutsche Produkte.

Kurtz-Ersa produziert seit längerem auch in China. Wie hoch ist der Anteil Ihrer Fertigung in China mittlerweile, v. a. bezogen auf Ersa?
In unserem Geschäftsfeld Electronics Production Equipment sind das derzeit etwa 10 Prozent, Tendenz steigend. Begonnen haben wir aus dem Ansatz „Local-for-Local“ heraus , also Produkte für den dortigen Markt. Aber inzwischen gehen die dort gefertigten Maschinen auch in andere preissensitiven Länder, z. B. nach Südamerika.

Das heißt, Sie fertigen dort ein eigens auf den preissensitiven Markt zugeschnittenes Portfolio?
Ja, wir fahren eine Hybridstrategie, indem wir eigene Modellreihen für die preissensitiveren Märkte anbieten, die in China gefertigt werden. Die prozessbestimmenden Teile basieren aber weiterhin auf deutscher Technik, beinhalten aber nicht alle Features, weil der Kunde in diesen Regionen für seine Produktion oft nicht alles braucht, was wir bieten können.

Haben Sie im Zuge ihrer China-Fertigung Arbeitsplätze am Stammsitz abgebaut?
Nein, im Gegenteil, wir haben sogar etwa 50 bis 60 Arbeitsplätze aufgebaut.

„Wer technisch die Nase vorne hat, braucht auch die Konkurrenz aus Asien nicht zu fürchten“, so sagten Sie in unserem Interview von 2014. Würden Sie das heute weiterhin uneingeschränkt so stehen lassen oder hat die Konkurrenz aus Asien zugenommen?
Angst ist nie ein guter Begleiter im Geschäft. Man braucht seine eigene Strategie und die muss man auch konsequent verfolgen. Ich würde sagen, das ist sogar noch wichtiger geworden. Es sind nicht nur die Produkte, die man mit der Konkurrenz vergleichen muss, sondern es geht um die Gesamt-Performance einer Firma. Hierzu gehört auch die Logistik und die Wartungsfreundlichkeit der Maschinen. An diesen Kriterien muss man sich messen lassen.