Deutsche EMS-Unternehmen Steht ein Massensterben bevor?

Der EMS-Markt unter der Lupe.
Der EMS-Markt unter der Lupe.

Dem Niedergang der Leiterplattenindustrie in Deutschland könnte bald auch ein Niedergang der Elektronik-Auftragsfertiger folgen. Anzeichen dafür sieht Dr. Dimitrij Saldanha vom Beratungsunternehmen FaMAS, das die deutsche EMS-Branche in den letzten drei Jahren genauer betrachtet hat.

Als spezialisiertes Beratungshaus für die Elektronik- und EMS-Industrie in Deutschland haben Mitarbeiter der FaMAS GmbH in den vergangenen drei Jahren mit Entscheidern, meist Geschäftsführern oder Gesellschaftern, in über 1200 Firmen in der Elektronik-Industrie Gespräche über Einkauf, Vertrieb und allgemeine strategische Trends geführt. In Summe repräsentieren diese Firmen ein Einkaufsvolumen von ca. 50 Mrd. Euro – verteilt über alle Warengruppen.

Als Exzerpt aus den zahlreichen Gesprächen lassen sich wichtige Themenstellungen und auch Trends ableiten. Es gibt etwa 300 EMS-Unternehmen mit jeweils mehr als 5 Mio. Umsatz in Deutschland, die im Großen und Ganzen um die gleichen Kunden konkurrieren. Allein 70 dieser Firmen bewegen sich umsatzmäßig in der Größenklasse 20 bis 100 Mio. Euro, die mit nahezu austauschbarem Dienstleistungsprofil agieren. Zu den erwähnten deutschen EMS-Anbietern gesellen sich zudem ausländische Anbieter, die vor allem mit Sitz in Osteuropa, USA und China denselben Kundenkreis adressieren wie die deutschen Wettbewerber, sodass FaMAS die Gesamtzahl der in Deutschland aktiven EMS-Unternehmen mit mehr als 350 veranschlagt.

Höchste Zeit für eine ­Konsolidierung der Branche

Während der vielen Gespräche der FaMAS-Mitarbeiter mit den Vertretern der Elektronik- und EMS-Unternehmen wurde deutlich, dass das Stärken/Schwächen-Verständnis der deutschen Auftragsfertiger sehr gering ausgeprägt ist. Auf die Frage „Welche Kunden-Strategie verfolgen Sie am Markt“ kam als häufigste Antwort von Seiten der EMS-Firmen: „Wir sind Dienstleister und Problemlöser für unsere Kunden und bieten das gesamte Spektrum an“. Allerdings versteht jeder etwas anderes unter „gesamtes Spektrum“. Die kleinen Auftragsfertiger zum Beispiel versuchen oft im Rahmen eines Netzwerks, Dienstleistungen wie Entwicklung anzubieten, und sehen sich dadurch als „Full Service Provider“. Größere Firmen verstehen ihr Alleskönnen oft im Erbringen kundenspezifischer Dienstleitungen – von der Entwicklung bis zum Reparaturservice und Rückbau, beginnend bei Kleinserien bis hin zu Großserien. Klar dürfte ferner sein, dass nicht jeder alles gleich gut kann. Das Verständnis dafür war in den Gesprächen grundsätzlich erkennbar, doch hören möchte das niemand. Aus den Gesprächen ging zudem hervor, dass ausländische Anbieter sich mit ihrer Strategie in Deutschland einen deutlichen Vorteil erarbeitet haben: Sie agieren oft mit einem klaren Fokus auf eine bestimme Art von Kunden bzw. Branche mit regionaler Ausprägung. So ist es zum Beispiel nicht verwunderlich, dass EMS-Unternehmen aus den USA oft jene deutschen Kunden gewinnen, welche auch Geschäftbeziehungen in Nordamerika betreiben. Deutsche EMS-Unternehmen sind den amerikanischen Wettbewerbern meist unterlegen, weil 99 Prozent der deutschen Auftragsfertiger eben keinen Standort in den USA haben. Wozu auch?

Der EMS-Markt ist stark umkämpft und deutsche Auftragsfertiger, die den Weg über den Atlantik gegangen sind, haben oft große Anfangsverluste gemacht. Nach der Anfangsphase können sich diese aber gut gegen die US-Konkurrenz behaupten. Nordamerikanische EMS-Unternehmen in Deutschland wiederum haben gegen alle anderen – ohne einen Standort in Nordamerika – ein relativ leichtes Spiel. Bei diesem Konkurrenzkampf geht es weniger um die unmittelbaren Stückkosten als um andere Aspekte wie Flexibilität, Kundennähe und Entwicklungskompetenzen.