Industrie 4.0 und Personalmanagement »Dann fliegen uns die Betriebsgemeinschaften auseinander«

Industrie 4.0, mal ehrlich: Der wirklich große Wurf war bisher noch nicht dabei. Ist das ein Hinweis für die Entwicklung in kleinen Schritten oder wissen die Anwender einfach selbst nicht so genau wie ihnen zu helfen ist?
Dr. Mathias Döbele ist Senior Manager bei Dr. Wieselhuber & Partner und referiert auf dem 2. Markt&Technik Summit Industrie 4.0 zum Thema "Veränderte Markt- und Wettbewerbsstrukturen durch Industrie 4.0: Anforderungen an die organisatorischen Neuaufstellung von Unternehmen".

Industrie 4.0 und der Trend zur Digitalisierung wird Unternehmen organisatorisch und kulturell umwälzen, davon gehen Experten aus. Kritiker warnen schon vor zu viel Euphorie. Wie stellen sich Führungskräfte auf Industrie 4.0 ein?

Werkverträge, Auslagerung an Dienstleister, selbstständige Projektarbeiter, nun auch Digitalisierung und Industrie 4.0: Was bedeutet all das für herkömmliche Unternehmen in kultureller und organisatorischer Hinsicht?

Während Unternehmer vor allem die Effizienzsteigerung im Fokus sehen und die Angst vor Jobverlust negieren bzw. kleinreden, graut Gewerkschaftsvertreter vor einem zügellosen Ausbau:

„Die Digitalisierungsideen- und möglichkeiten von Unternehmen, entlang der direkten und indirekten Wertschöpfungskette, lässt nicht nur noch schnellere Reorganisationsprozesse zu, sondern sie birgt noch ein viel größeres Risiko: Alle Prozesse werden völlig transparent und auch jede Entwicklungs- und Kreativleistung wird damit aus der Black Box geholt. Die Frage nach Rationalisierung, Automatisierung oder Fremdvergabe steht unablässig im Raum. Meine große Befürchtung ist, dass uns damit die Betriebsgemeinschaften, wie wir sie heute kennen, auseinanderfliegen und wir es langfristig mit digital gesteuerten und verwalteten Projekthäusern zu tun haben, die jegliche Zeit- und Raumgrenzen sprengen aber sich auch jeder soziale Verantwortung entledigen!“ sagt zum Beispiel Dr. Sandra Siebenhüter von der IG Metall, die sich auf den Einsatz von Werkverträge spezialisiert und schon mehrere wissenschaftliche Arbeiten dazu publiziert hat.

In der Tat erwartet eine Mehrheit im Zuge von Industrie 4.0 den beschleunigten Wegfall von Hierarchiestufen, Top-Down-Prozessen und mittleren Führungsebenen. Stattdessen sollen einzelne Zellen in der Organisation deutlich selbstständiger und agiler werden, sich über Unternehmensgrenzen hinweg flexibel für Kundenaufträge zusammenschließen, Unternehmen immer häufiger auf Externe zugreifen.

"Fluide Unternehmen" nennt Zukunftsforscher Gabor Janszky in seinem neuen Buch "Das Recruiting-Dilemma" kommerzielle Unternehmensnetzwerke, die versuchen werden, ihre gesamten Prozesse und Strukturen zu virtualisieren. Und dabei weitestgehend auf fest angestellte Mitarbeiter verzichten und stattdessen kleinere, auslagerbare Arbeitspakete schaffen würden.

Projektarbeiter aus aller Welt sollen stattdessen in sogenannten "Talent-Clouds" virtuell zusammenarbeiten. Routinetätigkeiten erledigen Computer, nicht nur im Niedriglohnbereich. Davon sind Callcenter, Banken, Versicherungen, Anwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und weitere qualifizierte Berufe betroffen, sagt er voraus. Sogar HR-Abteilungen würden künftig abgeschafft, ihre Aufgaben auf die übrigen Einheiten des Unternehmens verteilt.

Zu radikal? Nun ja, Janszky ist Zukunftsforscher, seine Prognose soll ungefähr ab dem Jahr 2025 stattfinden. Ob sie genau so eintreffen wird, bleibt abzuwarten.

Betrachtet man die bisherige Kommunikation zu Industrie 4.0, scheint Janszkys Vorhersage aber nicht allzu abwegig. Warum das so ist, beschreibt Dr.-Ing. Mathias Döbele von Wieselhuber&Partner nüchtern im Unternehmensberater-Deutsch: Es gehe um Effizienzsteigerung als langfristiges volkswirtschaftliches Ziel. Und die Inanspruchnahme des Marktes, die immer kostengünstiger werde, was eine effizientere Zuteilung der Arbeit, extrem schlanke Prozesse, eine höhere Agilität der einzelnen Spieler beschleunige. "Diese Prozesse zu beherrschen und sie schlank, durchgängig und konsistent zu halten, wird künftig die Hauptaufgabe produzierender Unternehmen sein.", sagt er.

Wenn die Vernetzung Mensch-Maschine zu einer effizienteren Zuteilung der Arbeit und zu einer größeren Arbeitsteilung über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg führen soll – ist da schon absehbar, was das für Auswirkungen hat auf Jobprofile und Personalmanagement in der Industrie?

Da zeigt sich Döbele zurückhaltend: "Es existiert die ein oder andere Aussage, etwa der Trend zu höherwertigen Tätigkeiten wie die Planung eines Produktionsprozesses." Doch hält Döbele solche Vorhersagen für "problematisch", "wir werden nicht nur noch Planer statt Werker beschäftigen können". Ganz abgesehen davon, dass nicht jeder Mitarbeiter auf solche "höherwertigen" Tätigkeiten qualifiziert werden könne, nicht alle Werker als Planer benötigt würden.

Also Wegfall von Jobs? "Ich bin überzeugt, dass die durch Industrie 4.0 erreichte Produktivitätssteigerung unterm Strich positiv für die Beschäftigungsentwicklung in Deutschland ist, da sie für mehr Wohlstand sorgt, wodurch wiederum der Konsum angeheizt wird.", sagt der Unternehmensberater. "Meiner Meinung nach wird es eine Verschiebung der Job-Profile geben, aber über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte", wie genau, das vermag auch Döbele nicht zu prognostizieren.

Über den kulturell notwendigen Wandel aber schweigt Döbele sich nicht aus: "Wir müssen lernen noch viel mehr zu kooperieren. Industrie 4.0 bietet eine Menge Potenzial für Kooperationen, nach dem Motto: "1+1=3" - das heißt der Output der Kooperation ist mehr als ein einzelner Partner allein hätte erzielen können. Das bedeutet aber eine Abkehr von unserer heute üblichen Praxis, nach der jedes Unternehmen mehr oder weniger sein eigenes Süppchen kocht. Wir müssen hin zu Geschäftsmodellen, die von vorn herein auf Kooperationen ausgelegt sind. Das ist meiner Meinung nach der größte Hebel für den kommerziellen Erfolg von Industrie 4.0, aber auch die größte Herausforderung."