Chinesische Verhältnisse erwünscht

Während sich die europäische Industrie noch mit den bürokratischen Auswirkungen der RoHS- und WEEE-Direktiven herumschlägt, machen uns die Chinesen vor, wie man mit Umweltdirektiven umgeht.

Der Umgang mit den Umweltdirektiven der EU und den dazu gehörigen nationalen Gesetzen wird nicht leichter, sondern eher komplizierter. Neue Direktiven kommen hinzu, genauso wie zusätzliche Ausführungsbestimmungen, allerdings in jedem Land andere. Für viele Industrieunternehmen droht ein bürokratisches Monster. Der betriebs- und volkwirtschaftliche Nutzen ist fraglich. Die Chinesen können es besser.

Noch schlägt sich die Industrie mit den Auswirkungen der RoHS- und WEEE-Direktiven herum, schon droht Neues aus Brüssel: EuP, Batterie-Direktive, REACH (Chemikalienverordnung), eine Neufassung der EMV, eine Überarbeitung sowohl von RoHS als auch WEEE. Hinzu kommen Verordnungen und Gesetze in anderen Ländern (Japan, China, Korea und viele andere), die dem Geiste des Umweltschutzes verpflichtet sind und sich sehr oft in ihrer Gestaltung und Ausführung komplett von den europäischen Pendants unterscheiden. Ergänzt wird die Gesetzesflut von firmeneigenen Standards vieler Großunternehmen, die dem ganzen noch eins draufsetzen.

All diese Direktiven, Verordnungen und Standards, in welchen Formen auch immer sie in die Tat umgesetzt werden, haben unmittelbare Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der Industrie. Besonders die europäische Industrie beschäftigt sich gezwungenermaßen nur noch damit und bringt Heere von Rechtsanwälten und Beratern in Lohn und Brot, um mit den Folgen in rechtlicher, logistischer und datentechnischer Form fertig zu werden.

War das wirklich so gewollt? Nichts gegen Umweltschutz - jedes verantwortungsvolle Unternehmen wird unterschreiben, dass man mit Material, Energie, gefährlichen Stoffen und Recycling vernünftig und umweltbewusst umgehen muss. Nur - die Kakophonie in den Gesetzen und Handlungsanleitungen zerstört mittlerweile jeden Nutzen einer noch so gut gemeinten Direktive. Über die Folgen der Direktiven in der Praxis wurde nicht ausreichend nachgedacht.  Beispiel WEEE: Es gibt mehr lokale Umsetzungen als Länder, und kaum eine deckt sich mit der anderen. Wem nützt das noch?

Man muss aber nicht nur bei den Gesetzesmachern suchen, die Industrie hat sich zu einem gehörigen Teil selbst in die Lage gebracht. Interessenpolitik sticht Pragmatismus, könnte man das nennen. Wenn man bedenkt, dass unser aller Ziel eine realitätsnahe Umsetzung der im Geiste zweifellos richtigen Direktiven war, dann hat die Selbstverantwortung der Industrie und ihrer Verbände hier nicht ihr bestes Spiel gemacht.

Wo ist die Lösung? Vielleicht sollten wir innehalten und von China lernen, wie man mit Umweltdirektiven umgeht: Eindeutigkeit in den Definitionen betroffener Produkte, keine auf Einzelinteressen basierenden Ausnahmeregelungen, klare Regeln bezüglich Test und Dokumentation - und dies alles sicher nicht zum Schaden der chinesischen Industrie.

Georg Steinberger, Vorsitzender des Fachverband Bauelemente Distribution FBDi e. V.