Interview mit Bernhard Erdl, Puls Wird China Technologietreiber?

Bernhard Erdl, Puls: »Der Wirkungsgrad eines Netzteils ist ein Werkzeug, um eine möglichst hohe Zuverlässigkeit und Lebensdauer zu erreichen. Entscheidend ist jedoch das thermische Design. Wer dort falsche Kompromisse eingeht, dem hilft auch kein hoher Wirkungsgrad mehr.«
Bernhard Erdl, Geschäftsführer Puls: »Den Chinesen ist bewusst, dass sie Wohlstand nur über geistige Leistung erreichen können.«

Puls brachte im letzten Jahr eine speziell für China entwickelte Netzgeräteserie auf den Markt. Elektronik-Redakteurin Andrea Gillhuber sprach mit Inhaber Bernhard Erdl über asiatische und westliche Marktbedürfnisse, weltweite Technologietreiber und den Stellenwert von Ingenieurskunst.

Herr Erdl, Puls hat für China und gemeinsam mit einem Component Engineering in China die Stromversorgungs-Reihe Piano für den Midrange-Markt entwickelt. Was war die Intention dahinter?

Bernhard Erdl: Schwellenländer haben andere Bedürfnisse als unsere Industrie hier, weil sie in der Regel überhaupt erst einmal eine Lösung brauchen, Volumen brauchen. Der Grad der Automatisierung ist dort sehr niedrig. Beispiel China: eine riesige Fertigungsindustrie, aber kaum einen Automatisierungsgrad. Vor Kurzem wurden die Roboterzahlen veröffentlicht: China hat ein Zehntel der Roboterdichte, wie sie im Westen üblich ist. Da ist es erstmal wichtig, überhaupt Automatisierungstechnik zu implementieren. Im Westen, einschließlich Japan, geht es jedoch darum, den Grad der Automatisierung auf die Spitze zu treiben. Wir reden hier vom Internet of Things, Industrie 4.0 – die Schwellenländer müssen das erst mal in Gang bringen!

In China regiert der Gedanke: Lieber überhaupt eine Stromversorgung als die weltbeste Stromversorgung. Das heißt, hier muss man sich auf die Grundfunktionen konzentrieren. Eine zuverlässige Stromversorgung wollen auch Anwender in China, allerdings darf sie vielleicht etwas größer sein, ein bisschen weniger Features haben und mehr reduziert auf das Wesentliche sein.

Kein Must-have, sondern ein Nice-to-have sozusagen.

Erdl: Genau! Und das, denke ich, unterscheidet dort die Anwendungen! Wobei mir auffällt, dass die Leute in China sogar viel sensibler sind, was Qualitätsthemen angeht.

Woher kommt das?

Erdl: Ich denke, das erklärt sich daraus, dass wir im Westen einen bestimmten Qualitätsstandard für gegeben halten. Ein Unternehmen, das im Markt überleben möchte, muss einen gewissen Mindeststandard erfüllen.

In China gibt es natürlich ein breiteres Spektrum an Anbietern, die Bandbreite zwischen ganz gut und ganz schlecht ist dadurch größer. Dadurch passen die Anwender mehr auf. Chinesen sind viel mehr an technischen Details, an Vergleichstests interessiert. Wir haben einen chinesischen Kunden, der eines unserer Dauerbrenner-Produkte wie kein anderer genau hinterfragt, analysiert und detailliert gemessen hat, obwohl es schon seit zehn Jahren am Markt ist. Das war für mich sehr interessant.

Haben Sie aufgrund des hohen Detailinteresses nicht Angst, dass dann ein ähnliches Produkt von der Firma auf den Markt kommt?

Erdl: Nein. Er ist in einem anderen Bereich tätig, versteht aber etwas von Leistungselektronik und weiß, wo er hinsehen muss. Wenn er es mit Gewalt wollte, könnte er es nachahmen. Allerdings beschäftigt er sich mit anderen Anwendungen, da ist das Produkt von uns zu kaufen die ökonomischere Variante als selbst zu entwickeln und herzustellen.

Auch unser chinesisches Team geht viel mehr in technische Produktvergleiche rein. Das Interesse an den technischen Details ist in China und auch in den anderen asiatischen Staaten wie Korea oder Japan viel ausgeprägter als bei uns. Bei uns hat in den letzten Jahren häufig der Einkauf ein größeres Gewicht bekommen; es fehlt uns im Westen manchmal aufgrund mangelnder schlechter Erfahrung die Sensibilität für diese Themen!

Hier zählt der Preis mehr als Qualität. Weil man eben glaubt, mit asiatischen Anbietern konkurrieren zu müssen. Dann wird versucht, den Preis zu drücken, und das ist gefährlich: Möchte man China auf der Preisschiene überholen, hat man von vornherein keine Chance.

Wieso war eigentlich die Entwicklung der Piano-Reihe geheim?

Erdl: Durch unsere Spezialisierung haben wir eine herausgehobene Stellung in diesem speziellen Markt. Was wir tun, wird sehr genau beobachtet. Und wir haben auf vielen Ebenen Industriestandards gesetzt. Das ist einerseits schmeichelhaft, anderseits versuchen wir ständig, zumindest einen zeitlichen Vorsprung zu haben. Es ist auch immer wieder die Frage, wie schafft man es, trotz Nachahmern erfolgreich zu sein? Es ist einfach die Schnelligkeit. Der Nachahmer ist per Prinzip immer eine Generation hinten dran.

Interessanterweise verstehen das die Chinesen und sie versuchen auch aus dieser Nachahmer-Situation herauszukommen. Sie bemühen sich sehr wohl um eigene Innovationen – das wird auch von der Regierung gefördert. Ihnen ist bewusst, dass sie Wohlstand nur über geistige Leistung erreichen können. Die Nachahmung ist nur ein notwendiger Zwischenschritt. Ein Kind lernt auch durch Nachahmen. Bin ich im Rückstand, ist es der einfachste Weg, sich weiter zu entwickeln. Das finde ich auch moralisch nicht verwerflich, es ist für mich logisch. Aber dabei kann es nicht bleiben und dann gelten wieder die gleichen Spielregeln für alle.