Kosten oft höher als Einsparung »Smart Metering« unter Beschuss

Die aufkommenden »intelligenten« Elektrizitätszähler sind ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Viele Kunden der Energieversorger sind verärgert, weil sie damit nicht wie erwartet weniger, sondern mehr für elektrische Energie bezahlen müssen. Die detaillierten Daten, die »smart meter« aufnehmen, lassen außerdem die Datenschützer Alarm schlagen. In vielen Staaten der Welt regt sich Widerstand in Form von Internetforen und Bürgerinitiativen.

Man suche im Internet nach „smart meter shock“. Da kommen ein paar tausend Seiten. Viele davon berichten, dass Menschen wegen fehlerhafter Installation einen elektrischen Schlag bekommen hätten oder dass der nagelneue Zähler in Flammen aufgegangen sei. Bei den meisten war der Schock aber psychisch - nachdem sie ihre Rechnungen von den Energieversorgern erhalten hatten. Sie fühlen sich von der Stromversorgern mit der neuen Technik massiv über den Tisch gezogen. Wem also nutzen die neuen Zähler tatsächlich?

„Intelligente“ Zähler oder neudeutsch „smart meters“ sind mittlerweile weltweit in vielen verschiedenen Versionen entwickelt worden, etwa in Schweden, Kanada, den USA, der Türkei, Australien, Neuseeland und den Niederlanden. Teils sind sie schon im Einsatz, teils in der Vorbereitungsphase. Nicht nur für elektrische Energie, in entsprechender Ausführung auch für Wasser, Gas, Fernwärme.

Auf den ersten Blick ein wesentlicher technischer Fortschritt. Die althergebrachte Ableserei entfällt; sie war im Zeitalter des Computers langsam zum Anachronismus geworden. An die Stelle der rotierenden Scheibe tritt eine elektronische Schaltung mit Mikrocomputer (Bild 1), die nicht nur die Energieaufnahme registriert, sondern auch gleich die Daten verschlüsselt an den Energieversorger sendet.

Das kann per Powerline-Übertragung über das Netz selbst gehen, über DSL auf der Telefonleitung oder auch per Funk. Im letzteren Fall durchlaufen die Daten ein Maschennetz; sie springen von einem Knoten zum nächsten, bis sie in der Sammelstelle ankommen - weit wirtschaftlicher als ein sternförmig aufgebautes Netz. Das Hauptargument für die Einführung ist also Personal- und Kosteneinsparung bei den Energieversorgungsunternehmen (EVU).

Ein weiterer Grund: Die Kosten der Energieerzeugung und -verteilung sind nur zu einem kleinen Anteil proportional zur Energiemenge. Ein ganz wesentlicher Anteil ist (ungefähr) proportional zur bereitgestellten Leistung. Deren Maximum wird im Laufe eines Tages von der Summe der Verbraucher nur kurzzeitig abgerufen - morgens u.a. für Millionen von Kaffeemaschinen und Toastern, mittags und am frühen Abend zum Kochen, später für die Fernsehgeräte. In den restlichen Zeitspannen, insbesondere nachts zwischen 0 und 5 Uhr, sind Kraftwerke und Verteilnetze unterfordert (Bild 2).

Für die EVUs sehr viel wirtschaftlicher wäre eine möglichst hohe Ausnutzung der zur Verfügung stehenden Leistung, also ein zeitlicher Ausgleich durch Abkappen der Spitzen (tagsüber) und Auffüllen der Täler (nachts). Das nutzt die vorhandenen Kraftwerkskapazitäten besser aus und erspart Neuinvestitionen in Kraftwerke und Infrastruktur.

Leistungsausgleich durch Nachtstromtarif

Um die Kunden zu motivieren, ihre Großverbraucher nachts einzuschalten, wurde schon vor Jahrzehnten der verbilligte Nachttarif eingeführt. Dies hat aber nichts mit Energiesparen zu tun. Die Waschmaschine um Mitternacht laufen zu lassen, erzeugt kein bisschen weniger CO2 als tagsüber. Die Verlagerung nützt allein den Kraftwerksbetreibern. Wer wirklich Energie einsparen will, der kann das nur mit wirkungsgradstärkeren Geräten und durch selteneres Einschalten der Geräte.

Wenn auch der Nachttarif die Lastkurve etwas geglättet hat, so kann dennoch von gleichmäßiger Stromabnahme bis heute keine Rede sein. Die Tag/Nacht-Schwankungen sind nach wie vor beträchtlich. Um den Kunden noch mehr Anreiz zur Lastverschiebung zu geben, haben die Energieversorger die neuen Elektrizitätszähler mit wesentlich erweiterten Funktionen ausgestattet. Während die alten die gesamte Energieaufnahme einfach bloß aufsummierten und nur einmal im Jahr abgelesen wurden, können die neuen „smart meter“ die Daten in praktisch beliebig kurzen Intervallen messen und übertragen. Sie analysieren die Energieaufnahme eines Haushalts jetzt haarklein, d.h., es ist minutenweise zu erkennen, zu welchen Zeiten wieviel Strom geflossen ist.

Die EU hat in der Richtlinie 2006/32/EG [1] zur Endenergieeffizienz und zu Energiedienstleistungen beschlossen, dass in allen Mitgliedsstaaten - soweit technisch machbar, finanziell vertretbar und im Vergleich zu den potentiellen Energieeinsparungen angemessen - alle Endkunden in den Bereichen Elektrizität, Erdgas, Fernheizung und/oder -kühlung und Warmbrauchwasser individuelle Zähler zu wettbewerbsorientierten Preisen erhalten sollen, welche die tatsächliche Energieaufnahme und die tatsächliche Nutzungszeit widerspiegeln [2].

In Deutschland sind „smart meter“ seit Jahresbeginn Pflicht für Neubauten und Totalsanierungen, bis 2022 für sämtliche Haushalte. Einzelne Pilotprojekte sind angelaufen, z.B. bei EnBW, Vattenfall [3], RWE [4] und Yello Strom; diese befinden sich noch weitgehend in der Testphase. Die bundesweit erste Einführung erfolgte in Hassfurt mit 10.000 Zählern und war Ende 2010 fertig gestellt [5].