Neue Strategie bei Tektronix Kürzere Innovationszyklen durch Kundennähe

Tektronix will weg von der reinen Messtechnik-Herstellung und hin zum Lösungsanbieter. Was sich dadurch ändert, erklärt Geschäftsführer Patrick Byrne.

Herr Byrne, was hat sich seit dem Strategiewechsel im Unternehmen und in den Produkten geändert?

Patrick Byrne: Wir befinden uns momentan mitten im Transformationsprozess. Unser Ziel ist es, zu einem anwendungsorientierten Technologieanbieter zu werden. Dafür setzen wir auf die Werkzeuge und Prozesse des Fortive Business Systems (FBS). FBS orientiert sich am – vielleicht bekannteren – Lean-Management. Teil davon ist eine Methode, um Feedback vom Kunden systematisch zu erfassen und für die Produktentwicklung zu berücksichtigen. Mit diesem System entwickeln wir neue Lösungen für unsere Kunden und eine eigene Technologieplattform für bestimmte Zielmärkte.

Damit wir nicht am Kunden vorbei entwickeln, müssen wir deren Anwendungsfälle besser als bisher verstehen. Diese Ausrichtung ist eine große Änderung, die durch den Strategiewandel in Gang gesetzt wurde.

Die Technologieplattform wurde für unsere global agierenden Kunden entwickelt und ist eine wirkliche Innovation. Alles, Hardware, Software, Schnittstellen usw., wurde komplett neu entworfen. Durch die intensiveren Kundengespräche haben wir viel neues Wissen erhalten, das in die Produktentwicklung einfließt und uns neue Möglichkeiten zur Differenzierung gibt. Die ersten Produkte auf dieser Basis ha­ben wir im vergangenen Jahr in Form unse­rer Tektronix-MSO5-Oszilloskope mit Touch-Bedienung auf den Markt gebracht. Weitere Produktneuheiten sind geplant, die unser Sortiment noch verbreitern werden.

Ihr Kollege Dave Farrell, VP Sales and Commercial Operations für EMEA, sprach damals bei der Vorstellung der neuen Strategie von sechs Eckpunkten. Zwei davon waren Geschwindigkeit und Kollaboration. Was genau hat es damit auf sich?

Patrick Byrne: Diese Aspekte betreffen die Art und Weise, wie wir unsere Produkte entwickeln. Geschwindigkeit bedeutet, dass wir unsere Innovationszyklen weiter verkürzen wollen, damit auch unsere Kunden dem Wettbewerb immer einen Schritt voraus bleiben. Dieser Aspekt muss zwangsläufig mit einer vereinfachten Handhabung unserer Produkte einhergehen. Kollabora­­­tion bedeutet, dass wir viel enger mit un­seren Kunden zusammenarbeiten als vorher. Wir können so bei technischen oder anwendungsbezogenen Problemen schneller und präziser Unterstützung geben.

Die Produkte selbst verändern sich natürlich auch. Hier benötigen unsere Kunden viel schneller aussagekräftige Messergebnisse für einen bestimmten Anwendungsfall als früher. Das wollen wir über höhere Messgenauigkeiten und -geschwindigkeiten sowie eine benutzerfreudlichere Bedienung erreichen. Die neu eingeführte Touch-Bedienung war schon ein Schritt in diese Richtung.

Wie setzen sie diese beiden Aspekte in der Produktentwicklung und im technischen Support um?

Patrick Byrne: Unsere Entwicklungsingenieure besuchen regelmäßig unsere Kunden aus Deutschland, um deren Feedback für die Produktentwicklung zu berücksichtigen. Dazu gehört auch die Auslieferung von Prototypen an unsere Kunden, deren Anregungen wir für die Finalisierung des Serienprodukts berücksichtigen. Unser Tastkopf mit IsuVo-Technik zur messtechnischen Untersuchung von Stromrichtern wurde beispielsweise in enger Zusammenarbeit mit unseren Kunden entwickelt.

Außerdem bemühen wir uns verstärkt um eine aktive Mitarbeit in verschiedenen regionalen Kompetenz-Netzwerken. Wir sind beispielsweise Mitglied im deutschen Netzwerk für optische Technologien OptecBB, in dem sich Forschungseinrichtungen und Hightech-Firmen vornehmlich aus Berlin und Brandenburg zusammenschließen. Dadurch konnten wir uns an einigen Projekten beteiligen, die die vorderste Front der Forschung bei der optischen Datenübertragung darstellen. Auch in der Quantenkryptografie sind wir in einigen deutschen Forschungsprojekten involviert. So erhalten wir Wissen, das unsere eigenen Innovationszyklen beschleunigt.

Einer der großen Trends ist 5G. Was können sie als Lösungsanbieter einem 5G-Produktentwickler bieten, was der nicht bereits mit seinem aktuellen Messtechnikbestand hat?

Patrick Byrne: Für die Umsetzung von 5G wird verstärkt auf MIMO-Techniken zurückgegriffen. Daraus ergibt sich ein erhöhter Bedarf an Messtechnik für ausgeweitete Mehrkanalanalysen. Der Entwickler wird sich hier in erster Linie nach Geräten zum Testen auf der Ebene der Bitübertragungsschicht umsehen.

5G-Backhauls werden Daten über optische Schnittstellen übertragen, die ebenfalls auf der physikalischen Ebene getestet werden müssen. Das wird nötig sein, um die Bitfehlerrate des Backhauls auch dann gering zu halten, wenn mit höheren Modulationsfrequenzen ge­arbeitet wird, wie etwa PAM 4. Dafür benötigen die Oszilloskope optische Kanäle und Echtzeitfähigkeit.

Elektronikprodukte werden immer komplexer, Innovationszyklen immer kürzer. Was bedeutet das für ein Messtechnik-Unternehmen?

Patrick Byrne: Für uns bedeuten die immer kürzeren Innovationszyklen bei der Elektronik-Produktentwicklung, dass wir es unseren Kunden ermöglichen müssen, mit der Messtechnik noch schneller präzisere Einblicke in die zu untersuchenden Systeme zu erhalten. Wenn uns eine Innovation in der Messtechnik gelingt, schaffen wir damit meist auch eine bessere Ausgangslage zur Umsetzung neuer Produktideen bei unseren Kunden.

Patrick Byrne
ist seit Juli 2014 Geschäftsführer von Tektronix und war zuvor technischer Direktor für den Bereich Messen und Testen des Tektronix-Mutterkonzerns Danaher und (von 2007 bis 2012) Geschäftsführer vom Barcodehersteller Intermec. Er studierte Elektrotechnik an der Universität von Kalifornien, Berkeley (B.Sc.) und der Stanford-Universität (M.Sc.).