Neue EMV-Richtlinie Die Zeit drängt

Neue europäische Richtlinie und ihre Änderungen.
Neue europäische Richtlinie und ihre Änderungen.

Die im März 2014 veröffentlichte Neufassung der europäischen EMV-Richtlinie soll zum 20. April 2016 in Kraft treten – Zeit, einen näheren Blick in die Richtlinie zu werfen, um zu sehen, was sich ändert. Wie müssen Hersteller und andere Betroffene darauf reagieren?

Die gute Nachricht zuerst: Die beiden wesentlichen Anforderungen im Bereich der elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV) haben sich in der neuen europäischen EMV-Richtlinie [1] gegenüber ihren Vorgängern nicht geändert:

hinreichende Begrenzung der elektromagnetischen Störaussendung auf der einen Seite, um Störungen der Funktion von anderen Geräten, Systemen, Anlagen, Diensten usw. zu vermeiden, und Sicherstellung einer ausreichenden Störfestigkeit gegen elektromagnetische Störgrößen auf der anderen Seite, damit das Gerät, System, die Anlage, der Dienst usw. in der vorgesehenen Umgebung zufriedenstellend funktioniert.

Auch das mit der Veröffentlichung der EMV-Richtlinie verbundene Anliegen, die Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten auf dem Sektor der EMV zu vereinheitlichen und damit einen Beitrag zum Zusammenwachsen der Europäischen Union auf technisch-wirtschaftlichem Gebiet zu leisten, gilt weiterhin. Schließlich wurden auch die bisherigen Möglichkeiten für Hersteller oder Inverkehrbringer beibehalten, die Konformität ihrer Produkte, die in den Geltungsbereich der EMV-Richtlinie fallen, mit den wesentlichen Anforderungen der Richtlinie zu erklären. Diese Optionen werden nun Module genannt, womit die EMV-Richtlinie auch die diesbezüglichen Vorgaben des Beschlusses 768/2008/EU [2] implementiert.

Hierbei basiert das Modul A im Anhang II der EMV-Richtlinie auf der internen Fertigungskontrolle und umfasst die Möglichkeit für den Hersteller, in eigener Verantwortung die Übereinstimmung seines Produkts mit den zutreffenden Anforderungen der Richtlinie zu erklären. Hierzu muss der Hersteller die notwendigen technischen Unterlagen erstellen und bereithalten. Den Unterlagen können eine Beschreibung des betreffenden Produkts und die Ergebnisse der Bewertung in Bezug auf die Einhaltung der wesentlichen Anforderungen der EMV-Richtlinie entnommen werden. Besonders herauszustellen ist die Rolle der Normung. Bei Anwendung von harmonisierten europäischen Normen wird davon ausgegangen, dass das betreffende Produkt die wesentlichen Anforderungen der EMV-Richtlinie erfüllt. Die Fundstellen dieser Normen werden regelmäßig im Europäischen Amtsblatt genannt. Wenn keine harmonisierten Normen oder nur teilweise appliziert werden, müssen die technischen Unterlagen eine Beschreibung enthalten, aus der hervorgeht, auf welche (andere) Weise den wesentlichen Anforderungen der EMV-Richtlinie entsprochen wird.

Die zweite Möglichkeit der Konformitätsbewertung wird durch das Modul B im Anhang III der EMV-Richtlinie bereitgestellt, das das Verfahren der EU-Baumusterprüfung beinhaltet. Zu diesem Zweck muss eine benannte Stelle (notified body) mit der Durchführung beauftragt werden, die die vom Antragsteller (zum Beispiel dem Hersteller) einzureichenden technischen Unterlagen im Hinblick auf die Einhaltung von wesentlichen Anforderungen begutachtet. Bei positivem Prüfergebnis stellt sie dem Hersteller eine sogenannte EU-Baumusterprüfbescheinigung aus, die er dann im Rahmen seiner Konformitätserklärung nutzen kann. Das Vorlegen eines Baumusters bzw. Entwurfs des Geräts ist allerdings nicht erforderlich. Im Rahmen seines Antrags legt der Antragsteller fest, welche Aspekte begutachtet werden sollen, das heißt seitens der benannten Stelle findet nicht notwendigerweise eine vollständige Bewertung sämtlicher Anforderungen der EMV-Richtlinie statt. Die Vorgehensweise wird ergänzt durch das Modul C, das eine Bestätigung des Herstellers vorsieht, dass die in Verkehr gebrachten Geräte dem Baumuster entsprechen und die zutreffenden Anforderungen der EMV-Richtlinie einhalten.

Die Entscheidung, welche der Möglichkeiten der Konformitätsbewertung für ein Produkt genutzt werden soll, obliegt also dem Hersteller bzw. dem Inverkehrbringer. In der Neufassung der EMV-Richtlinie wird zum Ausdruck gebracht, dass der Hersteller für die richtige EMV-technische Ausgestaltung seines Produkts verantwortlich ist. In Bezug auf die Durchführung des Konformitätsbewertungsverfahrens wird die wichtige Rolle hervorgehoben, die er hierbei einnimmt: »Weil der Hersteller den Entwurfs- und Fertigungsprozess in allen Einzelheiten kennt, ist er am besten für die Durchführung der Konformitätsbewertungsverfahren geeignet. Das Konformitätsbewertungsverfahren sollte daher auch weiterhin die ausschließliche Pflicht des Herstellers bleiben.« [3]

Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass in der Neufassung der EMV-Richtlinie die Kriterien, denen benannte Stellen unterliegen, ebenfalls sehr viel detaillierter festgelegt werden. Dadurch wird ein Beitrag für eine unabhängige, unparteiische und kompetente Begutachtungspraxis geleistet, damit die Situation auf dem Gebiet der EMV stabil, der Wettbewerb fair und das Vertrauen der Anwender in die EMV-Qualität der von ihnen betriebenen elektrischen und elektronischen Geräte, Systeme und Anlagen erhalten bleibt.

Harmonisierte Normen

Aus Sicht einer Normungsorganisation ist zu begrüßen, dass in der Richtlinie Normen als geeignete Werkzeuge anerkannt werden: „… Um die Bewertung der Konformität mit diesen Anforderungen zu erleichtern, ist vorzusehen, dass eine Vermutung der Konformität für jene Betriebsmittel gilt, die die harmonisierten Normen erfüllen, welche nach Maßgabe der Verordnung (EU) Nr. 1025/2012 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25. Oktober 2012 [4] zur europäischen Normung zu dem Zweck angenommen wurden, ausführliche technische Spezifikationen für diese Anforderungen zu formulieren. Harmonisierte Normen spiegeln den allgemein anerkannten Stand der Technik in Bezug auf die elektromagnetische Verträglichkeit in der Union wider.“ [5]

Normen, die anerkannte Regeln der Technik darstellen, bieten nicht nur diesen mit ihrem Status verbundenen Vorteil. Sie sind wichtige Instrumente, da mit ihrer Hilfe die allgemein formulierten Anforderungen der EMV-Richtlinie in technische Spezifikationen übersetzt werden. Durch die EMV-Fachgrundnormen aus der Reihe EN 61000-6 (die deutschen Fassungen wurden als Reihe DIN EN 61000-6 (VDE 0839-6) veröffentlicht) wurden allgemeingültige EMV-Anforderungen geschaffen, die die wesentlichen Anforderungen der EMV-Richtlinie detaillieren. Die in den europäischen Normen festgelegten Grenzwerte sowie die zugehörigen Mess- und Prüfverfahren geben allen Beteiligten einen Orientierungsrahmen, den sie beim Design eines Produktes sowie der erforderlichen Entstör- oder Störfestigkeitsmaßnahmen nutzen können. Durch deren Applikation können sie einen Anhaltspunkt gewinnen, ob das Produkt beim späteren Betrieb EMV-Probleme verursachen oder erleiden könnte. Das System der Umsetzung der wesentlichen Anforderungen der EMV-Richtlinie steht im Einklang mit dem Angebot, Behörden bei ihrer Arbeit zu entlasten, wie es beispielsweise in der Roadmap der DKE an die staatlichen Stellen übermittelt wird.

Da die meisten der unter dem Dach der EMV-Richtlinie harmonisierten europäischen Normen zudem entsprechende internationale Normen übernehmen, stellt ihre Anwendung auch eine Möglichkeit dar, die reibungslose Vermarktung von Produkten auf dem Weltmarkt zu erleichtern. Im Rahmen ihrer Pflege werden die Normen ferner regelmäßig überprüft und an neue Bedingungen angepasst, um technisch aktuell zu bleiben und ihren Zweck zu erfüllen. In diesem Zusammenhang sei aber angemerkt, dass die Anwendung der entsprechenden Norm(en) den Hersteller nicht von seiner Produkthaftpflicht entbindet. Weiterhin sei darauf aufmerksam gemacht, dass in der neuen EMV-Richtlinie eine EMV-Risikoanalyse eingeführt wurde.

Ein Ziel der Überarbeitung der EMV-Richtlinie bestand darin, ihre Struktur wie auch die Struktur anderer technischer europäischer Richtlinien an ein gemeinsames Muster (new legislative framework) anzupassen. Dadurch wird für Betroffene, deren Produkte unterschiedlichen, nach dem neuen Konzept (global approach) gestalteten Richtlinien unterliegen, das Zurechtfinden in den Richtlinien erleichtert. Die Niederspannungsrichtlinie (LVD) und die als Nachfolger der bisherigen R&TTE-Richtlinie herausgegebene Funkgeräte-Richtlinie (RED [6]) stellen weitere Beispiele dar, auf die das neue Gestaltungsprinzip angewendet wurde. Können sich die Hersteller und Inverkehrbringer, die Regulierungs- und Marktüberwachungsbehörden, die Testhäuser und benannten Stellen und andere von den Regelungen der EMV-Richtlinie Betroffene nun also zurücklehnen, weil sich im Großen und Ganzen durch die neue Richtlinie für die Praxis nichts ändert? Oder wäre es vielleicht doch angeraten, die neue Richtlinie etwas gründlicher zu studieren, um hinterher keine Überraschungen zu erleben? Wer sich für Letzteres entscheidet, sollte bald mit dem Studium beginnen, denn als Zeitpunkt, zu dem die bisherige Richtlinie 2004/108/EU außer Kraft tritt, wurde der 19. April 2016 festgelegt. Erfahrungsgemäß benötigen betriebsinterne Umstellungen zur Erfüllung der Regelungen der neuen Ausgabe einer Richtlinie ihre Zeit. Drei Punkte mögen hierzu Denkanstöße liefern.