Interview Das Ende der Box- und Tester-Racks

Rahman Jamal, Technical and Marketing Director Europe bei National Instruments: „PXI-Systembus-Chassis lösen das Box-basierte Mess- und Testtechnik-Rack ab.“
Rahman Jamal, Technical and Marketing Director Europe bei National Instruments: „PXI-Systembus-Chassis lösen das Box-basierte Mess- und Testtechnik-Rack ab.“

Flexibel kombinierbare Mess-, Regel-, Automatisierungs-, I/O-, Computer- und Kommunikationsmodule - in standardisierten Systembus-Chassis mechanisch und elektrisch zusammengefasst - lösen zunehmend die herkömmlichen Messtechnik-/Tester-Racks ab. Das klassische Box-Messgerät, eingebaut in einen 19-Zoll-Einschub und per Bus verdrahtet zu einem Systemaufbau kombiniert, verliert damit an Bedeutung.

Seit längerem schon zeichnen sich zwei Haupttrends in der Messtechnik ab, und sie gewinnen momentan noch an Bedeutung: Erstens werden immer mehr Software und Computer-Power in das klassische Labor-Messgerät implementiert, so dass das „Embedded Computing“ sich nicht nur in Kommunikations- oder Automatisierungssystemen und in allen Geräten der Consumer-Industrie findet.

Den Ingenieur an seinem Entwickler-Arbeitsplatz freut’s, denn vor allem die Diagnose- und Auswerte-Routinen profitieren von zunehmender Rechen- und Visualisierungs-Leistung. Das Arbeiten am Entwickler-Labortisch wird schneller und präziser. Die Oszilloskope sind hierfür ein deutliches Beispiel. 

Zweitens verändern sich die traditionellen und in der Versuchs-Messtechnik, der Prüfstands-Technik und der Bauelemente- und Baugruppen-Testtechnik eingesetzten Kombinationen aus 19-Zoll-montierten Einzel-Mess- und I/O-Geräten hin zu modularen Systembus-Architekturen in einem einzigen und wesentlich kleineren Kompakt-Chassis. Das Ganze unter Steuerung eines schnellen Controllers und ausgerüstet mit mittlerweile beliebig vielen Sensorik/Aktorik-, I/O- und Kommunikations-Kanälen aller Art. Beispiel hierfür sind die PXI-Systeme.

Dass diese Trends deutlicher an Kontur gewinnen, zeigt nicht zuletzt das im vorigen Jahr bekanntgegebene PXI-Engagement eines großen und in der klassischen Messtechnik stabil etablierten Anbieters: Agilent Technologies.

Das Unternehmen setzt - beispielsweise mit seinen Labor-Messgeräten, darunter ganz wesentlich die Oszilloskope - einerseits auf das zweifellos auch weiterhin wichtige Labor-Arbeitsplatz-Instrument für den Entwickler. Das aber mit immer mehr intelligenten Auswertefunktionen, wie es der Anwender heute auch nicht anders erwartet. Andererseits stellte das Unternehmen fast 50 PXI-Moduleinschübe vor. Das Spektrum reicht vom ausgefeilten PXI-Grund-Chassis über PC-Adapter, 26-GHz-Down-Konverter, GHz-Verstärker, 1- bzw 4-GHz-Digitizer und Scopes über Arbiträrgeneratoren, HF-Synthesizer, BERT-Tester, Communication Analyzer und Pattern-Generatoren bis hin zu Multimetern, Quellen, Matrix-Schaltern und Multiplexern.

Letztlich könnte man aus den beiden eben genannten Trends den Schluss ziehen, dass das Tester- oder Mess-Rack in seiner 19-Zoll-Größe bald von der Bildfläche verschwinden wird. Wir sprachen hierüber mit Rahman Jamal, Technical and Marketing Director Europe bei National Instruments. 

Herr Jamal, sehen Sie durch das Engagement von Agilent im PXI-Sektor einen weiteren Schub nach vorne für die modulare Systembus-Instrumentierung im Allgemeinen und für PXI im Speziellen?

Rahman Jamal: Umfragen zufolge sind die Hauptargumente, die für modulare Instrumente sprechen, die Kosten, die Größe und Vorteile, die mit der Modularität einhergehen. So ist die wachsende Popularität dieser Instrumente nicht überraschend. Das merken auch immer mehr Hersteller klassischer Messgeräte.

Welch besseren Beleg für die Wichtigkeit der modularen Plattform PXI könnte es geben, als wenn ein Hauptverfechter des herkömmlichen Messgerätes überraschenderweise diese Plattform und damit die Philosophie der PXI-basierten modularen Instrumente unterstützt? Dass diese Philosophie nun von Agilent mitgetragen wird, ist umso erfreulicher, weil Agilent lange die „Rack-and-Stack“-Instrumente als die Ideallösung für automatisiertes Testen positionierte.

Es bedarf keiner prophetischen Fähigkeiten, um zu erahnen, dass durch den Einstieg eines Marktriesen wie Agilent traditionelle Messgeräte wahrscheinlich noch rasanter durch PXI-basierte modulare Instrumente ersetzt werden als es bisher der Fall war. Diese Entwicklung wird zunächst der Rack-and-Stack-Sektor spüren. Man kann sagen, dass jetzt dann die bekannten Rack-Aufbauten durch die wesentlich kompakteren PXI-Chassis abgelöst werden.   

Welche Signalwirkung hat das für den Messtechnik-Markt?

Jamal: Man kann es fast schon als eine Revolution bezeichnen oder mit dem oft überstrapazierten Begriff „Paradigmenwechsel“ umschreiben. Einerseits sind viele klassische Messgerätehersteller durch diesen Schritt wachgerüttelt worden. Andererseits wird die NI-Vision nach 14 Jahren durch ein Messtechnik-Schwergewicht wie Agilent endlich bestätigt. Damit wird der Weg für die offene modulare PXI-Plattform weiter geebnet.   

Das bedeutet aber, dass die Software eine immer noch dominantere Rolle in der Messtechnik allgemein spielen wird, oder?

Jamal: Software bedeutet für viele Messgerätehersteller ein Stückchen Treiber, das mit ihrem Messgerät mitgeliefert wird. Bei der PXI-Plattform dagegen spielt die Software die Schlüsselrolle, so wie bei einem iPhone die Apps. Messgeräte auf einen PXI-Formfaktor zu bringen und dieses Modul dann mit einem Treiber auszustatten, macht noch lange keine Plattform-unterstützung aus. Ein solcher Trei- ber ist für das Modul die Minimal-Anforderung.

Ein PXI-System, wofür auch immer es verwendet wird, besteht allerdings aus vielen solcher einzelnen Module sowie Chassis mit Backplane und Controllern mit den neuesten Prozessortechnologien. Die Stärke solch einer Plattform spielt sich erst im Verbund dieser Komponenten aus, wo die Software die Gesamtfunktion der Plattform festlegt - erst recht, wenn sie rekonfigurierbare Architekturen wie FPGAs beherbergt.