Kommentar ST-Ericsson: Europa beerdigt den ­Mobilgerätemarkt

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Jetzt ist es amtlich: Bis auf einige Geschäftsbereiche, die in die Muttergesellschaften ST Microelectronics und Ericsson zurückgeführt werden, gehen bei dem Joint-Venture die Lichter aus. Neben den Mitarbeitern, die ihren Job verlieren, ist dies auch tragisch für die europäische Chip-Industrie.

ST-Ericsson blickte spätestens seit dem Zeitpunkt in eine trostlose Zukunft, als sein Miteigentümer STMicroelectronics angekündigt hatte, nicht weiter die Verluste des Joint Venture tragen zu wollen. Derzeit gibt man für je zwei eingenommene Euro drei aus; seit der Gründung im Februar 2009 gab es nicht ein profitables Quartal, dafür in Summe Verluste in Höhe von 2,79 Mrd. Dollar. Schon die Startbedingungen waren mies: ST-Ericsson ist eine Ansammlung der ehemals verlustträchtigen Geschäftsbereiche von Ericsson, Nokia, NXP und ST. Ursprünglich hoffte man, Design Wins in Symbian-Smartphones von Nokia erzielen zu können, doch seit dem Strategiewechsel zu Windows Phone ist dies Geschichte.
War schon die Entscheidung, sich nur noch auf Mittelklasse-Smart­phones zu fokussieren und die lukrativen High-End- und in China schnell wachsenden Low-End-Märkte außen vor zu lassen, fragwürdig, gipfelten die zweifelhaften Management-Entscheidungen darin, die Prozessor-Entwickler wieder bei ST unterzubringen – ein buchhalterischer Trick, der steuerlichen Nutzen gebracht haben mag, ST-Ericsson aber weiter geschwächt hat.

Bis Mitte 2013 hätte ST-Ericssson nach ursprünglichen Plänen Zeit gehabt, sich nach neuen Geldgebern umzusehen. Jetzt wurde die Entscheidung vorgezogen, das Joint-Venture dichtzumachen. Die Erfolgsaussichten waren allerdings auch denkbar schlecht. Hätten irgendwelche signifikanten Design Wins bei Nokia oder einem anderen großen Hersteller in der Pipeline gestanden, wäre ST an Bord geblieben. Wenn aber schon ST denkt, dass es nichts mehr zu holen gibt, wie will man dann erst einen neuen Investor überzeugen? CEO Didier Lamouche hatte jedenfalls genug gesehen: Er trat zurück.

Ein Verkauf des Unternehmens war schwierig und wäre nur sinnvoll gewesen, wenn der neue Eigentümer massive Entlassungen hätte vornehmen können, was dank europäischem Arbeitsrecht schwierig ist. ST-Ericsson konnte freilich auch wenig Verkaufsmasse anbieten: WiFi- und GPS-Technologie sind veraltet und die restliche IP ist von Drittfirmen lizensiert. Es bleiben 3G-Basisband und LTE; das hat aber mittlerweile jeder Anbieter. Lediglich die TD-SCDMA-Technologie hätte für Firmen wie Intel oder Broadcom interessant sein können. Jetzt übernimmt Ericsson den Geschäftsbereich mit LTE-Multimode-Modems inklusive 1.800 Mitarbeitern, primär in Schweden, Deutschland, Indien und China. ST wird 950 ehemalige Mitarbeiter in Italien und Frankreich weiterbeschäftigen, die sich um die Weiterführung des heutigen ST-Ericsson-Geschäftes kümmern werden. Desweiteren übernimmt ST auch einige Test- und Fertigungsstätten.

Wenn im September bei ST-Ericsson die Lichter ausgehen, bedeutet dies, dass sich Europas Elektronikindustrie  nach dem Verkauf von Infineons Basisband-Geschäft an Intel endgültig von einem der größten Wachstumsmärkte verabschiedet – den Smartphones und Tablets. Das ist für mich neben dem Jobverlust für vermutlich 2.250 Mitarbeiter die eigentlich bitterste Erkenntnis dieses Niedergangs.