Samsungs Galaxy-Note-7-Desaster Nur die Spitze des Eisbergs?

Gerhard Stelzer
Chefredakteur Elektronik
Gerhard Stelzer Chefredakteur Elektronik

"It's not a bug it's a feature." Vielleicht hätte Samsung sein Galaxy Note 7 mit einmalig nutzbarer Kochplatte anpreisen sollen? Spaß beiseite. Für Samsung ist das ein Desaster in doppelter Hinsicht, eines das Milliarden kostet und auch das Image beschädigt.

Als ich das letzte Mal zu einem Mikroelektronik-Symposium nach Berlin geflogen bin, dachte ich, ich höre nicht richtig. Über die Kabinen-Lautsprecher kam vom Purser: „Samsung-Note-7-Mobiltelefone dürfen an Bord aus Sicherheitsgründen nicht genutzt werden und müssen über den gesamten Flug ausgeschaltet bleiben.“ Eine bessere Negativ-Werbung gibt es nicht.

In einer Auto-Nation wie Deutschland kennt man das. Komplexe Produkte wie die elektronisch aufgerüsteten Fahrzeuge weisen in aller Regel Fehler auf. Die Kunst besteht darin, die Fehler vor der Auslieferung an den Kunden zu finden, sonst kommt es zu lästigen Rückrufaktionen. Solange niemand zu Schaden kommt, ist dies noch verschmerzbar, wird allerdings teuer.

Was war passiert? Anfang September musste Samsung einräumen, dass sich das neue Flaggschiff-Smartphone Galaxy Note 7 überhitzen und sogar Feuer fangen kann. Allein in den USA soll es um rund eine Million Geräte gehen, die nach den Vorgaben der US-Behörden ausgetauscht werden müssen. Das Handelsblatt berichtete von 92 Zwischenfällen mit Überhitzung und weltweit rund 2,5 Millionen Geräten, die auszutauschen sind. Samsung forderte sogar die Kunden auf, ihr Gerät überhaupt nicht mehr zu nutzen. Der Wiederherstellung des Vertrauens gar nicht zuträglich ist ein weiterer Vorfall Anfang Oktober, wo sich ein bereits ausgetauschtes Gerät in einem US-Linien-Flugzeug wieder entzündete. Nur gut, dass dies noch am Boden während des Einstiegs geschah.

Freilich kann so ein Fehler auch dem südkoreanischen Vorzeigekonzern Samsung unterlaufen. Jahrzehntelang befand sich das Unternehmen auf der Gewinnerstraße und verwies vor allem die einst als uneinholbar geltenden japanischen Elektronik-Unternehmen auf ihre Plätze. Mit dem Smartphone-Desaster scheint nun ein Wendepunkt gekommen. Laut einem Bericht des Spiegel befindet sich der Samsung-Konzern in Schockstarre. Das südkoreanische Unternehmen müsse sich neu erfinden und mit ihm ein ganzes Land.

Was im Spiegel ein wenig reißerisch daher kommt, hat durchaus Substanz. Samsung scheint sich in einer ernsten Krise zu befinden. Der mittlerweile 74-jährige Firmenpatriarch Lee Kun Hee liegt dem Bericht zufolge derzeit im eigenen Samsung Medical Center in Seoul, der größten und modernsten Klinik in Südkorea, und sei seit einer Herzattacke vor über zwei Jahren nicht mehr in der Lage, sein Imperium zu führen. Offenbar wurde versäumt, die Führung des Unternehmens krisenfest umzubauen. Der für sein Krisenmanagement viel gerühmte Patriarch, der Samsung mit fester Hand führte, fehlt. Sein Sohn Lee Jay Yong, Vice Chairman von Samsung Electronics, 48, gilt als kein adäquater Nachfolger. Dass die Rückrufaktion des Note 7 keine Lappalie ist, lässt sich daran ablesen, dass der Konzern zwischenzeitlich rund 22 Mrd. Dollar an Börsenwert verlor. Mit Samsung leidet fast ganz Südkorea unter den Folgen des taumelnden Riesen, denn das Unternehmen mit weltweit rund 500.000 Mitarbeitern entspricht gut einem Fünftel der südkoreanischen Wirtschaftsleistung.

Das Note-7-Desaster scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein.

 

Gerhard Stelzer
Chefredakteur


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