Kommentar Nokias List - was bedeuten die “tollen vorläufigen Verkaufszahlen” wirklich?

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Zwei Wochen vor der offiziellen Bekanntgabe der Quartalsergebnisse ging der Handy-Hersteller bereits mit “vorläufigen Verkaufszahlen” an die Öffentlichkeit – und erfreute damit die Börse. Tatsächlich konnten die Finnen damit eine traurige Gewissheit kaschieren, nämlich den Verlust weiterer Marktanteile im Smartphone-Markt.

Am 24.1. wird Nokia die Bilanz des 4. Quartals 2012 vorstellen. Bereits am 10.1. ging der finnische Handy-Hersteller mit folgenden, auf den ersten Blick sehr erfreulichen, Verkaufszahlen an die Öffentlichkeit: 6,6 Mio. verkaufte Smartphones, davon 4,4 Mio. Lumias, eine deutliche Steigerung gegenüber den 2,9 Mio. Geräten im 3. Quartal 2012. Der durchschnittliche Verkaufspreis für die Lumias stieg um 23 % auf 197 Euro. Auch die Gesamtzahl an Smartphones ist von 6,3 Mio. auf 6,6 Mio. leicht gestiegen.

Der hohe Durchschnittspreis ist wahrscheinlich einem hohen Anteil von rund 2 Millionen Lumia 920 zu verdanken, rund 700.000 Stück des billigeren Modells 820 wurden verkauft, der Rest von 1,7 Mio. entfällt auf die älteren Modelle mit Windows Phone 7.5.

Kaum waren die Zahlen kommuniziert, reagierte nicht nur die Börse, sondern wie erhofft die gesamte Publikumspresse: Die BILD-Zeitung schrieb sogar vom “finnischen Wunder” und einem “Gewinn-Comeback für Nokia”.

Um den Erfolg von Nokia jedoch einordnen zu können, muss man den Gesamtmarkt betrachten. Üblicherweise liegen die Verkaufszahlen in einem 4. Quartal geprägt u.a. durch das Weihnachtsgeschäft um mindestens 30% über denen des dritten Quartals. Der Gesamtmarkt für Smartphones beträgt daher über 220 Mio. Stück, gegenüber 171 Millionen im 3. Quartal. Damit kommt Nokia nur noch auf einen Marktanteil von knapp 3 %, was gegenüber den schon geringen 3,7 % in Q3 2012 und 6,7% in Q2 2012 einen weiteren Rückgang bedeutet. In Q4 2011 konnte man sogar noch 12,4 % verbuchen. Nokia wird damit auch im Ranking der Hersteller weiter zurückfallen und Platz 10 an das chinesischen Unternehmen Yulong (Marke Coolpad) abgeben müssen.

Damit ist das lange befürchtete und als undenkbar erachtete Szenario eingetreten: Der einstige unangefochtene Marktführer bei Smartphones fällt aus den Top-10 der Smartphone-Hersteller.

Einige Marktforscher erwarten sogar 240 Millionen verkaufte Smartphones für das 4. Quartal, in diesem Fall würden Nokias 6,6 Mio. Geräte sogar nur noch einen Marktanteil von 2,8 % repräsentieren.

Im Jahr 2012 hat Nokia somit 35,3 Millionen Smartphones ausgeliefert, was einen Marktanteil von etwa 5 % bedeutet – aber eben mit absteigender Tendenz. Davon lief auf 18,5 Mio. Geräten das abgekündigte Betriebssystem Symbian, mehr als auf 16,8 Mio. Smartphones mit Nokias “All-In-Strategie” Windows Phone. Im Jahr 2011 konnte Nokia noch 77,4 Mio. Smartphones absetzen.

Auch Nokias Verkaufszahlen an sich müssen in einen Gesamtkontext eingeordnet werden: So verkaufte Samsung in nur zwei Monaten alleine 5 Mio. Galaxy Note 2 und Apple 5 Mio. iPhone 5 in ganzen drei Tagen.

 QuartalVerkaufte Nokia-Smartphones in Mio.
Marktanteil
Q4 2010
28,829
Q1 201124,224
Q2 201116,715
Q3 201116,814
Q4 201119,612
Q1 201211,98
Q2 201210,27
Q3 20126,34
Q4 2012
6,6
3*
Der Marktanteil von Nokia im Smartphone-Geschäft ging seit 2010 immer weiter zurück. *: Schätzung auf Basis von diversen Analystenprognosen.

Nach Nokias CEO Stephen Elops Ideen sollte ja insbesondere Microsofts Betriebssystem Windows Phone als “Katalysator” für Nokia wirken – dieses “großartige Betriebssystem” (O-Ton von Microsofts CEO Steve Ballmer), das derzeit zu rund 75 % auf Nokia-Geräten läuft, kam in Q4 2012 auf 5,9 Mio. Installationen, was einem Marktanteil von 2,5 % entspricht nach 1,9 % in Q3 2012 und 3,0 % in Q2 2012. Mit anderen Worten: Windows Phone tritt auf der Stelle und kann seine die ihm von Elop zugedachte Rolle als “Verkaufspusher” für Nokia nicht wahrnehmen.

Wenn es für Nokia Anlaß zur Hoffnung auf bessere Zeiten gibt, dann durch einen Deal, den man mit dem weltgrößten Mobilfunkprovider, der chinesischen Firma China Mobile, abschließen konnte. In China steht ja das Neujahrsfest erst noch bevor, hierfür werden traditionell die meisten Geschenke gekauft.

Allerdings hat Nokia den chinesischen Markt ja nicht für sich alleine: Alleine auf der CES 2013, die letzte Woche in Las Vegas stattfand, wurden mehr als zehn High-End-Smartphones von asiatischen Herstellern präsentiert.

Und dann ist da noch Apple: Bei seinem kürzlichen Besuch in China traf sich CEO Tim Cook auch mit China-Mobile-Chairman Xi Guohua, um mögliche Kooperationen auszuloten. Dadurch steigen die Hoffnungen, dass Chinas größter Mobilfunk-Carrier bald das iPhone offiziell in seinem Programm aufnehmen wird. Bislang vermarktet Apple sein iPhone vor allem über die beiden Provider China Unicom und China Telecom.

China Mobile bestätigte inzwischen das Treffen mit Cook am Hauptsitz in Beijing. Es ist insgesamt Cooks zweiter Besuch in China binnen eines Jahres. Neben der Kooperation mit China Unicom und China Telecom hat Apple zuletzt sein Einzelhandelsnetz in China kräftig aufgestockt. Inzwischen betreibt Apple elf Apple Stores in der Greater China Region. Gleichzeitig plant Apple eine weitere Expansion im chinesischen Einzelhandel. Die Zahl der Apple Stores soll in der Region auf über 25 steigen.

In Summe aller Pros und Contras sollte Nokia im 1. Quartal 2013 mehr Lumia-Smartphones verkaufen als im abgelaufenen Quartal. Ob dies den weiteren Rückgang an Marktanteilen verhindern kann, bleibt jedoch ebenso abzuwarten wie die Frage, ob damit der weitere zu erwartende Rückgang der Symbian-basierten Verkäufe (über-)kompensiert werden kann.

Auf jeden Fall hatte man eine gute Idee, die Verkaufszahlen herauszugeben, bevor dies die Konkurrenz tun wird – z.B. Apple am 23.1., einen Tag bevor Nokia die Quartalszahlen offenlegen muß. Mit dieser List konnten die Finnen verhindern, dass der weitere Rückgang an Marktanteilen auch amtlich dokumentiert wird – dies wird nun erst Ende Januar der Fall sein, lassen wir uns überraschen, wie die Börse darauf reagieren wird.