Nokia Mit Steve Ballmer und Windows frontal gegen die Wand

In den letzten vier Wochen gab es einmal mehr schlechte Nachrichten von Nokia: Mitte Juni gab es eine Gewinnwarnung verbunden mit der Ankündigung, weitere 10.000 Mitarbeiter zu entlassen, worauf der Aktienkurs an einem Tag von einem ohnehin schon niedrigen Niveau um weitere 18 % abstürzte. Jetzt gerade wurden innerhalb eines Quartals 1,41 Mrd. Euro neue Verluste gemacht und nochmals weniger Smartphones verkauft. Neben CEO Stephen Elop beteiligt sich jetzt auch noch Microsoft-Chef Steve Ballmer an Nokias Begräbnis.

Die Hoffnung auf ein zumindest etwas besseres Quartalsergebnis haben sich am 19.Juli zerschlagen: Im 2. Quartal ging Nokias Umsatz gegenüber Q2 2011 um weitere 19 % zurück, es wurden nach knapp 1 Mrd. Euro Verlust in Q1 jetzt sogar 1,41 Mrd. Euro neue Verluste generiert und bei den Smartphones sieht es düster aus: Nur noch 10,2 Mrd. Geräte konnten in Q2 verkauft werden (- 39 % gegenüber Q2 2011), der Hoffnungsträger Lumia kam angesichts der gigantischen Marketingkampagne auf fast lächerliche 4 Mio. Einheiten. Zum Vergleich: Alleine Apples iPhone wanderte im 2. Quartal 2012 mehr als 35 Mio. mal über den Ladentisch. Alleine bei den Billighandys konnte Nokia eine leichte Steigerung der Zahl der verkauften Geräte um 2 % auf 73,5 Mio. Geräte verzeichnen, dies allerdings auf Kosten eines erodierenden Durchschnittsverkaufspreises von nur noch 48 Euro - nach 62 Euro in Q2 2011. Der Umsatz ist daher auch gesunken und zwar um 11 % gegenüber Q2 2011. Verwunderlich ist dies nicht, denn in den Regionen, wo potentielle Käufer mit Geld sitzen und teure iPhones und Android-Smartphones kaufen, geht es wie im Fahrstuhl bergab: In Nordamerika verkaufte man nur noch 600.000 Einheiten (-60 % gegenüber Q2 2011), in Europa, ehemals Nokias Top-Markt überhaupt, nur noch 15,3 Mio. Einheiten (-19 %). Und als ob das nicht schon reichen würde, setzte man im Wachstumsmarkt China gleich 30 % weniger Geräte als im Vorjahr.

Es ist daher dringend an der Zeit, eine Trendwende einzuleiten. Wer allerdings derzeit die Strategie von Finnlands ehemaligem Vorzeigeunternehmen verstehen will, muss schon fast seherische Fähigkeiten haben: Das äußerst erfolgreiche Projekt mit dem Smartphone N9 und Betriebssystem MeeGo wurde gestoppt (es ist in zahlreichen Ländern schon nicht mehr erhältlich), das preisgekrönte Smartphone 808 PureView wird aus welchen Gründen auch immer nirgendwo verkauft und CEO Stephen Elops Lösung des Verkaufsproblems besteht darin, die Vertriebsaufwände - statt sie folgerichtig zu erhöhen - zu reduzieren: Statt eines weltweiten Verkaufs will man sich nur noch auf bestimmte »Schlüsselmärkte« konzentrieren. Das ist nebenbei bemerkt genau die Strategie, auf die Siemens, Motorola und Palm setzten, bevor sie ihr Handy-Geschäft an die Wand fuhren.

Als ob dieser weitere Fehler von Elop nicht reichen würde, kam dann auch noch Steve Ballmer: Der Microsoft-Chef verkündete, dass es von Windows Phone 7 kein Upgrade auf Windows 8 geben wird – der Nokia-Aktienkurs verlor weitere 11 %. Nachdem sich Elop entschlossen hatte, ausschließlich auf die Windows-betriebenen Lumia-Geräte zu setzen und diese mit Millionen Marketing-Geldern in den Markt eingeführt hatte, machte Ballmer mit dieser Ankündigung nicht nur die Marke »Lumia«, sondern auch noch die wenigen verbliebenen Beziehungen Nokias zu den Telekom-Providern kaputt: Als erster hat T-Mobile bereits angekündigt, das schon beworbene (!) Lumia 900 nicht in Deutschland verkaufen zu wollen – dazu später mehr.

Das Windows-Drama

Es ist schon bemerkenswert, wie es Steve Ballmer durch eigene Fehler geschafft hat, die Windows-Plattform auf Smartphones zu ruinieren. Kurz bevor das iPhone auf den Markt kam, hatte Microsoft für Windows Mobile 8 die größten 10 Handy-Hersteller als Partner: Samsung, LG, SonyEricsson, Motorola, HTC, Palm, Dell und Fujitsu. Mircosoft hielt mit Windows Mobile einen aus heutiger Sicht riesigen Marktanteil von 12 % und war damit hinter Symbian das zweitgrößte Handy-Betriebssystem überhaupt. Dann kündigte Ballmer an, dass es von Windows Mobile kein Upgrade zu Windows Phone geben werde. Die Folge war, dass sich die Partner nach und nach abwendeten und der Marktanteil von Windows Mobile auf 3 % sank. Heute sehen wir einen Marktanteil von Windows Mobile und Windows Phone 7 von 2 % - zusammengenommen.

Statt aus diesem Fehler zu lernen, setzte Ballmer jetzt noch einen drauf, indem er verkündete, dass es auch von Windows Phone 7 zu Windows 8 kein Upgrade geben werde. Nachdem die Anzahl der Partner sowieso schon auf 4 gesunken ist (Nokia, Samsung, HC und Huawei) ist es mittlerweile so, dass alle außer Nokia die Mehrzahl ihrer Geräte mit Android bestücken. Samsung hat zusätzlich mit Bada und Tizen (das Ende 2012 erhältlich sein wird und für dass es bereits vier bestätigte Partner gibt) noch zwei eigene Betriebssysteme im Haus.

Glauben Sie, dass nach diesen Erfahrungen mit Microsofts »Strategie« noch irgendein Handy-Hersteller große Lust verspürt, auf Windows Phone zu setzen, wenn er doch mit Android und Co. genug Alternativen hat? Ich bezweifele es sehr.

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