Interview mit Günther Klasche Die Mär von Mikroprozessor und Industrie 4.0 als Jobkiller

Günther Klasche ehemals Chefredakteur der Elektronik.
Günther Klasche ehemals Chefredakteur der Elektronik.

Die Entwicklung vom Transistor über integrierte Schaltungen bis zum Mikroprozessor hat unser aller Leben enorm beeinflusst. Es gibt wenige Zeitzeugen, wie unseren ehemaligen Chefredakteur Günther Klasche, die immer an vorderster Front dabei waren. Lesen Sie hier seine Perspektive.

Über 50 Jahre begleitet Günther Klasche, früherer Chefredakteur der Elektronik, nun schon die Elektronikindustrie. Zum 65. Jubiläum der Elektronik wollten wir von ihm wissen, wie sein ganz persönlicher Blick auf eine Branche und ihre Errungenschaften aussieht, die unser heutiges Leben prägen wie keine andere Industrie.

Elektronik: Herr Klasche, als Sie in den Sechzigern zur Elektronik kamen, steckte die Elektronik noch in den Kinderschuhen. Hätten Sie sich damals träumen lassen, dass Elektronik nahezu alle Lebensbereiche durchdringen wird?

Günther Klasche: Als ich im Juli 1968 zur Zeitschrift Elektronik kam, war ich vorher rund zwei Jahre als Entwicklungsingenieur tätig und befasste mich u.a. mit Ladegeräten für Blitzlampen, mit denen Neodym-Laser „gepumpt“ wurden. Während des Studiums war ich allerdings stark auf die Digitaltechnik inkl. boolesche Algebra fokussiert. Einige Monate vor dem Wechsel machte ich erstmals mit integrierten Operationsverstärkern Bekanntschaft, die damals gerade aus den USA auf den Markt kamen. Der Schritt vom Transistor zu diesem komplexen Analog-Chip war gewaltig – auch in der praktischen Anwendung. Dennoch hätte sich niemand – davon bin ich überzeugt – vorstellen können, was sich daraus einmal entwickelt. Auch der erste MOS-Digital-Chip, der von der US-Firma RCA einigen Auserwählten auf der ersten „Electronica“ 1966 in München gezeigt worden ist, hat daran nichts geändert.
Andererseits hat schon 1960 zur Hannover-Messe Deutschlands erfolgreichster Elektronik-Buchautor Otto Limann (er war auch Funkschau- und Elektronik-Chefredakteur) den Leitartikel „Der Homunkulus aus der Retorte“ geschrieben, in dem er den Molekular-Bausteinen (so nannte man damals die Halbleiterelemente) vorhersagte, dass sie einmal vollautomatisch hergestellt und in ihrer Leistungsfähigkeit organischen Vorgängen entsprechen würden. Damit würde, wie Goethe im „Faust“ formulierte, die Erzeugung des künstlichen Menschleins – des Homunkulus – fantastische Wirklichkeit werden: „Was man in der Natur Geheimnisvolles pries, das wagen wir verständig zu probieren. Und was sie sonst organisch wachsen ließ, das lassen wir kristallisieren.“

Elektronik: Als jahrzehntelanger Begleiter der Elektronik-Branche in Ihrer Funktion als Chefredakteur unserer Elektronik haben Sie sicher vieles erlebt. Was war für Sie die größte Herausforderung in Ihrer journalistischen Karriere und was für Sie persönlich Ihr größter Erfolg?

Günther Klasche: Sicherlich gab es für mich etliche Herausforderungen. Die erste bestand darin, zunächst einmal als Seiteneinsteiger in den Fachjournalismus hineinzufinden. Gott sei Dank hatte ich mit dem damaligen Chefredakteur Hans-J. Wilhelmy einen sehr guten Lehrmeister. Insgeheim dachte ich immer, dass ich nie so gute Berichte werde schreiben können wie er. Eine zweite ergab sich, als wir mit einem relativ kleinen Redaktionsteam zur Electronica 1976 ein 342 Seiten starkes Messeheft gestalten und produzieren mussten. Ein paar Jahre später hatten wir noch die Umstellung von monatlich auf 14-tägliches Erscheinen zu meistern und schließlich, im Jahr 1990 zur Electronica, überraschten wir unsere Leser mit einem völlig neu gestalteten und inhaltlich deutlich verbesserten Heft.
Als größten persönlichen Erfolg – natürlich zusammen mit dem Team – würde ich unsere ab dem Jahr 1974 erheblich verstärkten Mikroprozessor-Berichte bezeichnen. Anfang der 1970er Jahre wurde der Mikroprozessor als Jobkiller gebrandmarkt und zum Prügelknaben der Nation erkoren. Wir aber waren genau vom Gegenteil überzeugt und haben deshalb die bisher vielleicht größte Fortbildungs-Offensive in der Elektronikbranche gestartet. Der Erfolg gab uns Recht: Nicht nur unsere Elektronikindustrie hat davon stark profitiert, sondern auch unser Verlag. Denn wir brachten außerdem nicht nur noch einige sehr erfolgreiche Mikroprozessor-Sonderhefte heraus, sondern wir konnten dadurch auch unsere verkaufte Auflage um 5000 neue Abonnenten steigern. Ähnliches ist uns übrigens auch in den 1990er Jahren mit einer intensivierten Feldbus-Berichterstattung gelungen.

Ich könnte Ihnen auch mein größtes persönliches Erlebnis kurz schildern: Ich war eingeladen in ein Kohlebergwerk im Ruhrgebiet, die erste Installation einer Glasfaser zur Datenübertragung aus 1100 m Teufe an die Oberfläche zu besichtigen und darüber zu berichten. Bei normalen elektrischen Leitungen besteht die Gefahr, dass über große Höhen statische Aufladungen mit mehreren 1000 V entstehen, die bei Entladungen zu Überschlägen und somit zu Explosionen führen können. Sich in einem ein Meter dicken Kohleflöz in dieser Tiefe zu bewegen, das ist schon ein besonderes Gefühl.