Kommentar: Broadcom wird ernsthafter LTE-Spieler

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Für 164 Mio. Dollar kaufte der amerikanische fabless-Hersteller Broadcom das LTE-Geschäft von Renesas Mobile und wurde damit schlagartig vom LTE-Nachzügler zu einem der LTE-Marktführer.

Der Kauf umfasst das ehemalige Nokia-Basisband-Team, das Renesas 2011 erworbenen hatte sowie Renesas Mobile-Produkte, die den SP2532 LTE-Basisband-Chip und der MP6530-LTE-Applikations-Prozessor beinhalten. Der MP6530 soll bereits Anfang 2014 in Produktion gehen, einige Monate bevor Broadcom mit seinem LTE-Chip Einnahmen generieren kann.
Renesas setzte seine Mobil-Tochter mit der Absicht auf, ein großer Spieler in Smartphones und Tablets zu werden. War man bereits ein wichtiger Lieferant für Japans Provider DoCoMo, hoffte das Unternehmen, der Zugang zu Mobilfunk-Spitzentechnologie würde bei der globalen Expansion helfen. Das Fertigstellen des LTE-Basisband-Designs und die Zertifizierung mit Mobilfunk-Providern auf der ganzen Welt dauerte zwei Jahre und die ersten Auslieferungen wurden statt in Smartphones in niedervolumigen Dongles und Datenkarten vorgenommen. Mit den Milliarden-Verlusten in seinem Kerngeschäft konnte die Muttergesellschaft es sich nicht mehr leisten, länger auf Umsatz aus dem Mobilgeschäft zu warten und so gab man die mobile Einheit zum Verkauf frei. Der Verkaufspreis betrug weniger als die 200 Mio. Dollar, die Renesas vor 3 Jahren für die Nokia-Leute bezahlt hatte (Renesas behält den Teil des Geschäfts, das NTT DoCoMo betrifft).
Das Kronjuwel des Deals ist der MP6530-Prozessor, der einen Midrange-Applikations-Prozessor mit einem kompletten 3G/4G-Modem kombiniert. Der MP6530 vereint zwei Cortex-A15 und zwei Cortex-A7-CPUs in ARMs Big.Little-Design. Er nutzt TSMCs 28nm-HPM-Technologie, um die Taktfrequenz der Cortex-A15 auf 2.0 GHz anzuheben. Das LTE-Basisband, das 150 Mbps liefert, wird nun mit mehreren großen Providern in Nordamerika, Japan und Europa zertifiziert, so dass Broadcom den Chip sofort verkaufen kann.
Dieses Produkt erweitert Broadcoms Smartphone-Portfolio erheblich. Nach einem späten Eintritt in diesen schnell wachsenden Markt hat das Unternehmen bislang nur Low-Cost-Prozessoren mit Single- und Dual-Core-Cortex-A9 geliefert und vor kurzem angekündigt, einen Prozessor mit dem Low-End-Cortex-A7 anzubieten. Der MP6530 wird Broadcoms erster 28nm-Smartphone-Prozessor und der erste mit Cortex-A15-CPUs. Noch wichtiger ist jedoch, es wird der erste Chip mit integriertem LTE sein, was es Broadcom erstmals ermöglicht, realistisch in den Mainstream-Smartphone-Markt einzutreten.
Broadcom hatte zuvor das WiMax-Startup Beceem erworben, um einen Weg zu LTE zu finden. Obwohl Beceem begonnen hatte, sein WiMax-Design bereits vor der Aqusisition in Q4 2010 an LTE anzupassen, dauerte die Vollendung des LTE-Basebands und die Zusammenführung mit bestehenden 2G/3G-Broadcom-Technologien viel länger als geplant. Der Muster des BCM21892 kamen schließlich Anfang 2013, aber wie schon Renesas erfahren musste, haben Design-Validierung und Zertifizierung die Auslieferung verzögert, hier bis ins 2. Halbjahr 2014. Der BCM21892 war zudem ein Standalone-Modem, so würde die Integration von Applikationsprozessor und Modem mit dieser Technologie nicht vor 2015 möglich sein. Broadcom wird daher vermutlich den BCM21892 zugunsten des für die Produktion qualifizierten und zertifizierten SP2532 aufgeben.
Der Kauf von Renesas Mobile könnte zudem auch Broadcoms Applikations-Prozessor-Roadmap beschleunigen. Obwohl das Unternehmen High-End-WiFi-Konnektivität und seine leistungsstarke VideoCore-Engine besitzt, konnte es bei CPU- und Grafik-Leistung nicht Schritt halten. Mit seinen beiden Cortex-A15-CPUs passt der MP6530 viel besser zu Broadcoms Konnektivitäts-Technologie. Ich bin sicher, dass Renesas Mobile bereits an einem Quad-A15-Design mit einer GPU des Typs Imagination Rogue arbeitete. Dieses Produkt dürfte (wenn es bald auf den Markt kommt ) Broadcom sogar den High-End-Smartphone-Markt öffnen.
Während Renesas nie in der Lage war, sein mobiles Geschäft zum Laufen zu kriegen, bringt Broadcom mehr Geld (=längeres Durchhaltevermögen) sowie ein komplettes Portfolio von Basisband- und Konnektivitäts-Produkten mit, was den Erfolg wahrscheinlicher macht. Samsung, der weltweit führende Smartphone-Hersteller, ist bereits ein großer Kunde von Broadcom-Prozessoren und viele andere Smartphone-Hersteller wie auch z.B. Apple kaufen die WiFi-Chips der Amerikaner. Mit serienreifen LTE-Chips in der Hand tritt Broadcom Intel, Marvell, Nvidia und anderen bei dem Versuch bei, den LTE-Markt aus dem Würgegriff von Quasi-Monopolist Qualcomm zu befreien. Es bleibt freilich abzuwarten, ob es gelingt - zumindest waren die Chancen für Broadcom noch nie so groß wie heute.