Interview mit Freescales CEO Gregg Lowe »Wir können das Internet der Dinge in seiner Gesamtheit abdecken«

Gregg Lowe, Freescale Semiconductor: »Das gesamte Unternehmen verfolgt für die Zukunft zwei Ziele: überdurchschnittliches Wachstum und höhere Margen.«
Gregg Lowe, Freescale Semiconductor: »Das gesamte Unternehmen verfolgt für die Zukunft zwei Ziele: überdurchschnittliches Wachstum und höhere Margen.«

Als Gregg Lowe 2012 Rich Beyer als CEO bei Freescale ablöste, erbte er mehr als ein Problem: Keine klare Fokussierung, Millardenschulden und einen rennfahrenden Marketing-Chef, der das knappe Geld lieber in das Sponsoring der US-Rennserie NASCAR als in Produkte investierte. Fast zwei Jahre später traf die Elektronik Lowe erneut zum Exklusivinterview, um mit ihm eine erste Bilanz seines Strategiewechsels zu ziehen.

Elektronik: Zunächst möchte ich Ihnen im Namen aller Kolleginnen und Kollegen unser Beileid zum Verlust 20 Ihrer Mitarbeiter durch den Absturz von MH 370 ausdrücken. Wollen Sie mir verraten, was Freescale tut, um die Familien und Angehörige der Opfer zu unterstützen?

Gregg Lowe: Vielen Dank. Bitte haben Sie Verständnis dafür, daß ich dazu öffentlich keine Stellung beziehen möchte.

Kommen wir zu Ihrem Geschäft. Sie behaupten, Freescale habe „eine einzigartige Perspektive, um das Internet der Dinge zu verstehen“ – das sagt Ihre Konkurrenz auch. Was macht denn Freescale so einzigartig?

Sehen wir, mit unseren Produkten wie HF, Netzwerkprozessoren, Mikrocontrollern können wir das gesamte Spektrum des IoT abdecken, nicht nur einzelne Teile – wir verstehen, wie diese ganzen Elemente zusammenarbeiten. Das gibt uns die Pole-Position.

Als Sie 2012 CEO wurden, haben Sie mir eine Wachstums- und Profitabilitäts-Story erzählt. Ein Teil war die „Anpassung Ihrer Sales- und Marketing-Ressourcen in Regionen mit großem Wachstum“ – dies sind nach Ihrer Definition China, Korea, Taiwan und Japan. Heisst das, dass Sie Ihren Heimatmarkt USA und Europa herunterpriorisieren?

Nein, wir ziehen weder in den USA noch in Europa Ressourcen ab – wir fügen in Asien neue hinzu, z.B. 10 Vertriebsbüros alleine in China mit 100 Vertriebsleuten.

Das heisst aber, Personal-Wachstum gibt es nur noch in den genannten Regionen?

Natürlich stellen wir auch in den USA und Europa neue Leute ein auf Grund der natürlichen Fluktuation. In den genannten Ländern bauen wir zusätzliche Ressourcen auf.

Fast alle Chip-Hersteller wollen die Wertschöpfungskette hinaufsteigen, um weniger austauschbar zu sein. Was tun Sie denn in diese Richtung?

Wir wollen es für unsere Kunden einfacher machen, unsere Produkte zu nutzen. Dies sind nicht nur Software und Firmware, sondern auch z.B. ergänzende Analog-Chips. Der Grund ist, dass unsere Kunden immer noch ihre Entwicklungs-Budgets herunterfahren, also mehr Projekte mit weniger Leuten, das heisst, wenn wir Ihnen eine komplettere Lösung liefern, können Sie es schneller eindesignen.

Freescale ist also eine Art Lösungs-Anbieter geworden?

Ich würde sagen, ja. Wir werden natürlich kein Steuergerät für einen Motor bauen, das machen unsere Kunden. Aber wir liefern einen Mikrocontroller mit den richtigen Analog-Chips und Sensoren und der Software dazu, damit unsere Kunden es möglichst einfach haben.

Sie werden immer noch durch Kredite in Höhe von 6,4 Mrd. Dollar belastet. Dank Ihrer Refinanzierung sparen Sie pro Jahr 75 Mio. Dollar Zinsen, aber profitabel sind Sie immer noch nicht, wie ein Verlust in Höhe von 200 Mio. Dollar im Geschäftsjahr 2013 zeigt. Wie wollen Sie denn endlich schwarze Zahlen schreiben?

Unser Erfolgsrezept ist schneller als der Wettbewerb zu wachsen und unseren Deckungsbeitrag zu erhöhen. Die von Ihnen erwähnten minus 200 Mio. Dollar Verlust in 2013 sind das Ergebnis unserer Refinanzierungsmaßnahmen, operativ haben wir Gewinn gemacht.

Wenn man sich Ihre Schuldenaufstellung ansieht, stellt man fest, dass Sie bis 2020 alleine 3,5 Mrd. Dollar mit variablem Zinssatz finanziert haben. Derzeit haben wir ja absolute Niedrigzinsen, wartet da nicht eine Zeitbombe auf Sie?

Nein, die können wir jederzeit in einen festen Zinssatz umschreiben lassen. Das ist gar nicht so teuer.

Warum haben Sie das nicht gleich gemacht?

Das ist eine finanzielle Entscheidung Stand heute.

Von Ende 2011 bis Ende 2013 haben Sie 1.200 Mitarbeiter abgebaut – von 18.000 auf 16.800. Wie passt das denn zu Ihrer Wachstums-Story? Und planen Sie einen weiteren Stellenabbau?

Nein, wir planen keinen Stellenabbau mehr. Wie Sie wissen, fokussieren wir uns jetzt auf 5 Produktbereiche mit den besten Zukunftsaussichten, der Stellenabbau betraf ausschließlich die nicht strategischen Bereiche, die nicht Teil dieses Kerngeschäftes sind. In diesen Bereichen haben wir unsere F&E-Investitionen sogar erhöht, auf 19 % unseres Umsatzes - üblich sind in der Branche 14-15 %.

Heisst das, dass Sie in den 5 strategischen Bereichen sogar Personal aufbauen?

Richtig, wir haben unser Einstellungsprogramm von Universitäten neu aufgesetzt, letztes Jahr haben wir 400 Absolventen eingestellt – 90 % mehr als 2012.

Und die haben auch die Skills, die Ihnen helfen?

Ich muß Ihnen sagen, ich bin immer wieder überrascht, was die Abgänger heute draufhaben. Ein Grund ist das Internet. Wenn Sie heute etwas spezifisches lernen wollen, müssen Sie nicht mehr zu einer bestimmten Uni mit einem bestimmten Professor gehen, der in dieser Sache kompetent ist, sondern sie können z.B. eine virtuelle Vorlesung eines Professors der RWTH Aachen anhören! Ich stelle fest, unsere Studenten sind top ausgebildet.

Ein weiteres Ziel Ihrer Strategie besteht darin, mehr „Distributions-fertige“ Produkte anzubieten. Was unterscheidet diese denn von den anderen Freescale-Produkten, die nicht „distributions-fertig“ sind und sehen Sie schon erste Erfolge?

Sie haben zwei Eigenschaften. Sie passen für ganz viele unterschiedliche Anwendungen bei ganz vielen kleinen Kunden und ihr Mehrwert für den Kunden ist ohne große Erklärungen einfach ersichtlich. Unsere Mikrocontroller sind ein Paradebeispiel: Sie haben von allen Freescale-Produkten bei unseren Top-100-Kunden den geringsten Anteil und die Distributoren lieben sie, weil ihre Vorteile ganz klar und einfach ersichtlich sind.