Nur 100 Mio. Euro für eine 300-mm-Fab Wieso konnte Infineon so billig bei Qimonda einkaufen und ist Fab-light am Ende?

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Viele Leser stellten sich nach dem Kauf der ehemaligen 300-mm-Fab von Qimonda in Dresden die Frage, warum Infineon nur etwas über 100 Mio. Euro bezahlen musste - ist alles mit rechten Dingen zugegangen?

Der wichtigste Grund, warum selbst japanische Firmen, die besonderen Wert darauf legen, die Hand auf ihren Wafern zu haben, zunehmend ihre Produktion an Foundries auszulagern, sind die Kosten für eine neue Fab, die mit jedem Schrumpfen der Prozessgeneration explodieren. Eine 300-mm-Fab kostet je nach Strukturgrößen bis zu 3 Mrd. Dollar, bei den geplanten 450-mm-Fabs werden wohl nur noch Intel, Samsung, TSMC und Globalfoundries an Bord sein können - für alle anderen Hersteller sind die Tools schlichtweg zu teuer.

Infineon hat für rund 100 Mio. Euro nicht nur die Fab selbst, sondern auch noch Land und 281 Tools, die der Insolvenzverwalter bislang nicht verkaufen konnte, erworben. Daß dieser Preis extrem günstig ist, steht außer Frage, allerdings richtet sich der Preis ja nach der Nachfrage, und diese war nunmal extrem gering. Nach Informationen der Elektronik hatte ursprünglich auch Texas Instruments, bekanntlich ein Unterstützer der In-House-Fertigung, überlegt, zusätzliche Kapazitäten in Dresden zu erwerben, hat dann aber wieder Abstand genommen. Der Grund für TI und andere Chip-Hersteller ist dabei banal: Es ist die Lage der Fab quasi bei Infineon um die Ecke und - noch schlimmer - die Energieversorgung hängt an der Infineon-Infrastruktur.

Angenommen, man hätte sich mit Infineon darauf verständigen können, eine Wasser- und Stromlieferung vom Konkurrenten sicherzustellen, was wäre passiert, wenn Infineon TI - natürlich versehentlich - den Strom abgestellt hätte? Fest hätte nur gestanden, dass TI seine derzeit prozessierten Wafer hätte wegwerfen und seine Kunden nicht mehr hätte beliefern können. Was allerdings gar nicht sicher gewesen wäre, wäre die Haftung für den Produktionsausfall. Diese Sache wäre rechtlich gar nicht einfach zu entflechten gewesen und hätte vermutlich Heerschaaren von Anwälten ggf. über Jahre beschäftigt. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass die Chip-Industrie dankend abgewunken hat, außer natürlich Infienon selbst, dass sich nun quasi selbst versorgt und keinem Risiko durch Dritte ausgesetzt ist.

Wenn schon die Halbleiterindustrie ausfällt, wer sonst hätte Interesse an einer ehemaligen Speicher-Fab haben sollen? Tatsächlich gab es Anfragen nach alternativen Nutzungskonzepten wie ein Rechenzentrum. Das Problem ist dabei, dass der potentielle Investor natürlich nur Interesse an den Hallen, nicht aber an den Fab-Tools hatte und nicht gewillt gewesen war, einen für die Qimonda-Gläubiger einigermaßen akzeptablen Preis zu bezahlen - was alles noch in den Hallen steht, sehen Sie in der Bilderstrecke.

Als Fazit kann man daher festhalten, dass Infineon von der räumlichen Nähe seiner ehemaligen Speicher-Tochter zu den eigenen Fertigungsstätten profitierte, welche die Konkurrenz verschreckt hatte. Daher dürfte es dem Vorstand nicht schwer gefallen sein, den Insolvenzverwalter zu überzeugen, dass auch 100 Mio. Euro doch besser sind als gar nichts bzw. die Kosten, die die Gläubiger monatlich dadurch hatten, dass die Fab betriebsbereit gehalten wurde. Peter Bauer und seine Kollegen konnten in aller Ruhe warten, bis die Gläubiger weichgekocht waren und kein Geld mehr zuschießen wollten - in der Ära von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl nannte man das "Aussitzen". Der Deal ist also alles andere als anstößig, man muß einfach sagen: "Gut verhandelt, Infineon" !

Eine ganz andere Frage betrifft das "Fab-light-Modell" des Chip-Herstellers aus Neubiberg. Schon wird darüber diskutiert, ob man nach dem Drama in Japan und dessen Auswirkungen auf die Lieferkette eine neue Strategie fahren wird. Fab-light hieß bei Infineon schon immer, dass man alles unterhalb von 65 nm an Foundries auslagert, die nun erworbene Fab war allerdings für 65-nm-DRAMs ausgelegt, so dass man aus dem Kauf alleine sicherlich keinen Strategiewechsel ableiten kann. Kritischer für alle Halbleiterhersteller inklusive Infineon dürften allerdings die Fragen der Kunden sein: Nicht neu ist dabei "Können Sie die Lieferung garantieren" und "Fertigen Sie in ihrem eigenen Haus". Nach dem Erdbeben in Japan dürfte noch eine weitere Frage dazugekommen sein: "Wo steht denn Ihre Fab"? Interessant sind dabei vor allen Dingen Risiko-Studien für Taiwan, wo u.a. TSMC und UMC beheimatet sind. Wenn dort ein Ereignis wie in Japan auftreten würde, was ich niemandem wünsche, heisst es mit Sicherheit für einige Fabless-Hersteller "Gute Nacht".

 

Bilder: 16

Einblicke in die neue Infineon-Fab in Dresden

Für 100 Mio. Euro erwarb Infineon nicht nur die Fab-Gebäude, sondern auch hunderte Tools für die Wafer-Verarbeitung. Sechzehn von ihnen stellen wir Ihnen hiermit vor - lassen Sie sich überraschen, wie groß und schwer sie sind.