Kommentar Wieso Infineon plötzlich alt aussieht

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Normalerweise gehört es nicht zu meinen Aufgaben, Kollegen-Beiträge aus Wirtschaftsmagazinen zu bewerten. Einer der schlechtesten Beiträge aller Zeiten in der deutschen Wirtschaftspresse über die Chip-Industrie unter der Überschrift »Xilinx und TSMC: Diese Halbleiterperlen lassen Infineon alt aussehen« schreit jedoch geradezu nach einer Stellungnahme.

Vielleicht konnte Ex-Kommunikationschef Ralph Driever einfach sein Werk nicht vollenden. Als Driever im Oktober 2008 seine Arbeit bei Infineon aufnahm, fand der erfahrene Kommunikationsprofi eine Baustelle vor, gegen welche der neue Hauptstadtflughafen BER fast unscheinbar daherkommt: Beginnend mit der Amtszeit des egozentrischen Ex-CEO Dr. Schumacher über die Schmiergeldaffäre des ehemaligen Vorstandes Andreas von Zitzewitz, die Pleite der Speichertochter Qimonda bis hin zum ständigen öffentlichen Gezanke zwischen Vorstand und dem ehemaligen, allzu selbstverliebt in Erscheinung getretenen, Aufsichtsratschef Max-Dietrich Kley war Infineons Image vor allen Dingen bei der Wirtschaftspresse am Boden: Negative, teils zynische Kommentare in den einschlägigen Tageszeitungen und Wirtschaftmagazinen wechselten sich ab, einbrechende Aktienkurse und turbulente Hauptversammlungen taten ihr Übriges, um Infineons Image endgültig zu ruinieren.

In knapp 5 Jahren hat es Driever geschafft, die Berichterstattung zu versachlichen, ja sogar positive Nachrichten z.B. im Kontext der geglückten Refinanzierung oder gelungene Interviews mit CEO Ploss konnte der überraschte Leser regelmäßig lesen. Nur 3 Tage nach Drievers Ausscheiden muss man nun leider feststellen, dass trotz regelmäßiger Einladungen zum Oktoberfest und anderen “sozialen Veranstaltungen” zumindest das Magazin FOCUS Money die Halbleiterbranche noch nicht wirklich verstanden hat - "Fakten, Fakten, Fakten", mit denen sich der FOCUS-Verlag ja immer wieder gerne rühmt, muss man in diesem Artikel jedenfalls mit der Lupe suchen.

An Hand der Aktienkurse des amerikanischen FPGA-Herstellers Xilinx und der taiwanischen Foundry TSMC werden Infineon vermeintliche Fehler vorgehalten, insbesondere der Verkauf des Geschäftsbereiches “Wireless Solutions” an Intel, der als “schön Blöd!” kommentiert wird. Während sich der Aktienkurs von Xilinx seit 2009 verdoppelt hat, so der Bericht, konnte sich der von TSMC sogar verdreifachen. Leider verschweigt FOCUS Money, dass der IFX-Kurs seit Anfang 2009 sogar um Faktor 13 gestiegen ist.

Ausgehend von den Wachstumsmärkten Smartphone und Tablet behauptet FOCUS Money, Xilinx würde durch den Bau von WLAN-Chips, die u.a. in Xilinx' Funktion “als direkter Zulieferer” an Samsung und Apple geliefert würden, an diesen partizipieren, was natürlich objektiv falsch ist. Richtig ist, dass der FPGA-Hersteller Chips für die Basisstation-Infrastruktur liefert, dies tun allerdings andere Wettbewerber wie Texas Instruments, Altera oder Freescale auch. Selbst dem Auftragsfertiger TSMC dichtet FOCUS Money eigene WLAN-Chips an, zudem wolle man ab 2014 mit Xilinx zusammenarbeiten – was de facto schon seit Jahren der Fall ist, allerdings bei 28-nm-FPGAs des Typs Virtex und nicht bei WLAN-Chips.

Dafür bearbeitet Xilinx laut FOCUS Money “fertige Halbleiter”, was den Vorteil habe, “dass sich Xilinx ausschließlich auf die Optimierung von Schaltungen innerhalb der Halbleiter konzentrieren kann”. Verstehen Sie, was damit ausgedrückt werden soll? Ich jedenfalls nicht.

Auch bezüglich des “Chip- und Halbleiterproduzenten” TSMC gibt es interessante Erkenntnisse: Dass TSMC angeblich auf vermeintliche Deals mit Apple “schnell reagieren kann”, wird nicht mit erweiterter Produktionskapazität begründet, sondern damit, dass er “breit aufgestellt sei” und “Halbleiter aller Art” fertige. Wenn mir jemand diese Logik erklären könnte, würde ich mich sehr freuen. Auch dass die für Apple gefertigten App-Prozessoren ermöglichen, dass “Applikationen Energie sparend von Nutzern aufgerufen werden können”, hat sich mir noch nicht erschlossen.

Viel schlimmer als diese und andere sachliche Fehler, mit denen der Bericht gespickt ist, empfinde ich jedoch die falschen Vorwürfe an den deutschen Chip-Hersteller Infineon. Den folgenden Absatz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: “Doch es gibt Halbleiterproduzenten, die völlig losgelöst sind von dem weltweiten Auf und Ab. Die vieles besser machen als krisengeschüttelte Konkurrenten wie etwa der Münchner Konzern Infineon. Der Chip-Hersteller hatte im Herbst 2010 seine Mobilfunksparte „Wireless Solutions“ an Intel verkauft. Schön blöd!”.

Zum einen ist mir kein Halbleiterhersteller bekannt, der nicht vom zyklischen Geschäft der Branche betroffen wäre – Xilinx und TSMC sicherlich schon gar nicht. So wurde verschwiegen, dass Xilinx’ Aktienkurs schon Anfang 2004 höher war als derzeit – und seitdem viele lokale Maxima und Minima durchlaufen hat, genau wie der von TSMC. Letzterer hatte übrigens erst kürzlich wieder ein ausgeprägtes lokales Minimum und den Höchststand von Mai 2013 noch längst nicht wieder erreicht.

Infineon als “krisengeschüttelt” zu bezeichnen, empfinde ich Stand Juli 2013 mit Milliarden-Reserven auf den Konten angesichts der Aktienrelevanz der Berichterstattung eines führenden Wirtschaftsmagazins als fast schon kriminell. Leider hat die Kollegin nicht ausgeführt, wo genau die Krise schütteln soll – vielleicht hätte sie vor ihrer Wertung die Charts von IDC, Gartner, ICInsights und anderen Chip-Analysten lesen sollen. Warum der Verkauf des Wireless-Bereiches an Intel zu einem mehr als fairen Preis “schön blöd!” sei, wurde leider auch nicht weiter begründet. Dies wäre vermutlich auch schwierig geworden angesichts der Tatsache, dass sämliche Branchenexperten und Analysten diesen Deal sehr gelobt haben unter Berücksichtigung der schier übermächtigen Konkurrenz von Marktführer Qualcomm und Broadcom. Das europäische Wireless-Joint-Venture STEriccson wird als Kontrast zu Infineons Deal bekanntlich wegen laufender hoher Verluste dichtgemacht und Mutterkonzern ST Microelectronics darf fleissig Millionenbeträge abschreiben - ob das wirklich besser ist, als - wie Infineon es getan hat - 1,4 Mrd. Dollar in Bar zu kassieren?

Interessant erscheint auch der Vergleich zwischen Äpfel und Birnen: Ein Vergleich eines Herstellers von Mikrocontrollern, Smart-Card-Chips und Leistungselektronik (Infineon) mit einem FPGA-Hersteller (Xilinx) und vor allen Dingen einer Foundry (TSMC) ist sowieso schon unseriös – inwiefern sich “Infineon an Xilinx und TSMC ein Beispiel nehmen soll” angesichts der völlig unterschiedlichen Zielapplikationen und –Märkte, sei einmal dahingestellt. Der Vergleich hinkt derartig, als ob man etwa Volkswagen mit dem LKW-Hersteller MAN und dem Autovermieter Sixt vergleichen würde - alle drei haben irgendetwas mit Autos zu tun, aber das war es dann auch schon.

Um auf den Anfang zurückzukommen: Wenn man schon von “Halbleiterperlen” sprechen möchte, hätte man sich besser TSMC-Konkurrent Globalfoundries und den echten(!) WLAN-Chip-Hersteller Qualcomm vorgenommen. Diese haben nämlich 2012 das höchste Wachstum der Branche erzielt. Und wenn man schon einen Gegenpol gebraucht hätte, wäre statt Infineon AMD mit 17 Prozent Umsatzrückgang ein geeigneter Kandidat gewesen.

Wenn ich Ralph Drievers Nachfolger Klaus Walther einen Rat geben dürfte, welche Journalisten er zuerst “bearbeiten” könnte, wäre die Arabellastr. in München sicher nicht die falscheste Adresse – dort residiert die FOCUS-Redaktion.