Kommentar Wenn Gerüchte Milliarden vernichten

Nach der Präsentation seiner Rekord-Quartalszahlen rauschte Apples Aktienkurs um 10 Prozent in den Keller – der Abschluss einer Reihe von Meldungen, die seit September 2012 den Kurs der Apple-Aktie mehr oder weniger ruiniert haben.

Die meisten Gerüchte (Fakten wurden ja wenige geliefert) betrafen das iPhone 5, von angeblich sinkenden Nachfragen, Billig-iPhones und Produktionsproblemen war die Rede. Als “Quellen” wurden unterschiedliche anonyme Mitarbeiter von diversen asiatischen Zulieferen zitiert. Das Problem: Fakten und Zahlen fehlten, die Börse reagierte dennoch.

So zitierte das an sich angesehene Wall Street Journal am 13. Januar die japanische Wirtschaftszeitung Nikkei. Diese hatte berichtet, dass Apple die Vorbestellungen für iPhone-Displays bei seinen drei Zulieferern Japan Display, Sharp und LG halbiert habe. Das Wall Street Journal übernahm das, und machte mit der Meldung weltweit Schlagzeilen - die Apple-Aktie ging daraufhin von 520 auf 486 Dollar in die Knie.

Dabei hatte Nikkei eine Zahl genannt, die eigentlich absurd ist: Angeblich wolle Apple von ursprünglich 65 Mio. bestellten Displays nur noch etwas mehr als die Hälfte abnehmen, hatten anonyme Quellen aus der Zuliefererbranche dem Blatt gesagt – also zwischen 33 und 35 Mio. Stück. Der Witz an der Geschichte ist, daß das dem Wiehnachtsgeschäft folgende Quartal ohnehin traditionell das schwächste im Jahr ist – dass Apple hierfür ursprünglich 65 Mio. Displays bestellt haben soll, ist daher extrem unwahrscheinlich.

Bereits im November gab es noch plumpere Versuche, Apples Weihnachtsgeschäft zu ruinieren. Die chinesische Zeitung “Commercial Times” streute das eben so unsinnige Gerücht, bereits im Frühjahr komme ein Nachfolger für Apples iPhone 5 heraus. Bislang stellte Apple traditionell einmal im Jahr ein neues Model, ein neues iPhone im Frühjahr würde das iPhone 5 also schon viel früher in Kategorie Auslaufmodell befördern.

Auch diese Meldung wurde weltweit – u.a. von sogenannten “seriösen” deutschen Nachrichtenmagazinen und Wirtschaftsblättern - aufgegriffen, obwohl bereits kurz darauf die taiwanesische "China Times" widersprach: Laut eigenen Quellen hätten Zulieferer das Gerücht gestreut, die den "Markt durcheinander bringen wollen". Anfang und Ende Dezember kursierte ein ähnliches Gerücht noch einmal: Angeblich wolle Apple, so war aus Zulieferer-Kreisen zu hören, bereits im Frühjahr ein neues iPad herausbringen.

Fakt ist: Es gibt gerade in Asien genug Wettbewerber, welche ein großes Interesse daran haben dürften, Apple zu schwächen, weil sie selbst den Einstieg ins Smartphone- und vor allen Dingen Tablet-Geschäft verschlafen haben. Dies an sich ist ja noch nicht verwerflich. Die eigentliche Tragik liegt darin, dass Investoren in mehr oder minder panischen Reaktionen auf positive und vor allen Dingen negative Pressemeldungen reagieren – egal, wie belastbar oder eben nicht belastbar die kommunizierten Gerüchte auch sein mögen. Bemerkenswert ist auch, dass asiatische Hersteller wie HTC, LG, Lenovo oder Huawei offenbar weder Komponenten-Bestellungen reduzieren noch neue Geräte vorstellen - in die Presse finden diese Meldungen ihren Weg jedenfalls anders als bei Apple nicht.

Interessant ist auch die Berichterstattung bezüglich der Probleme bei Zulieferern. Wenn beim Auftragsfertiger Foxconn eine Fabrik brennt oder ein Arbeiter Selbstmord begeht, wird in diesem Kontext stets von unhaltbaren Zuständen beim "Apple-Zulieferer" berichtet. In Wahrheit lässt auch Dell in den chinesischen Werken der Taiwaner Laptops und PCs bauen, für Nokia laufen Handys von den Bändern, Sony lässt seine Playstation und Laptops dort fertigen, Nintendo die Wii. Auch Motorola, Samsung, Toshiba und Hitachi sind Kunden bei Foxconn. Einen Presseartikel über Probleme beim "Dell-Zulieferer" oder "Sony"-Zulieferer ist jedoch jedenfalls mir nicht bekannt, obwohl deren Umsatz mit Foxconn deutlich größer sein dürfte als der von Apple.

Apple selbst verlor inklusive dem gestrigen Abend - der Kurs ging innerhalb von 24 Stunden um 10,65 % runter - seit November 2012 knapp 100 Mrd. Euro seiner Marktkapitalisierung – zum Vergleich: Der Siemens-Konzern ist aktuell knapp 75 Mrd. Euro wert.