Kommentar Texas Instruments kauft National: Was bedeutet die Akquisition für den Chip-Markt?

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Der Kauf von National Semiconductor durch Texas Instruments führt zu weitreichenden Veränderungen im Halbleitermarkt, für den Analog-Markt die größten in der letzten Dekade.

Wenn eine Firma wie Texas Instruments mehr als 50 % eines Jahresumsatzes auf den Tisch legt, um einen Mitbewerber zu kaufen, dann kann man sicher sein, dass es um mehr geht als nur „Wachstum und Stärke“, wie TI-CEO Richard Templeton in seiner typisch sachlich-prägnanten Art die Übernahme kommentierte.

Und in der Tat, wenn man sich beide Unternehmen im Detail anschaut, stellt man fest, dass es sich um eine der sinnvollsten Aquisitionen in der Analog-Chip-Industrie handeln könnte.

Wichtig, aber sicher nicht am Wichtigsten ist die Tatsache, dass TI mit einem zusammengeführten Umsatz von mehr als 14 Mrd. Dollar den hinter Intel und Samsung „ewigen Dritten“ in der Umsatz-Rangliste, Toshiba Semiconductor, ablösen wird. National selbst lag nur auf Platz 37 der Rangliste, dieser gibt jedoch die Stärke im Analog-Markt überhaupt nicht wieder – mit 1,4 Mrd. Dollar ist man größer als Intersil (822 Mio. Dollar) und Linear Technology (1,2 Mrd. Dollar) und nur unwesentlich kleiner als Maxim (1,92 Mrd. Dollar), lediglich der Abstand zu Analog Devices (2,7 Mrd. Dollar), ST Microelectronics (3,7 Mrd. Dollar) und natürlich TI’s Analog-Abteilung (6,4 Mrd.) ist erheblich.

Nach der Akquise ist der Analog-Bereich von TI allerdings mit 7,8 Mrd. Dollar Umsatz größer als der der wichtigsten Konkurrenz zusammen. TI hat im Analog-Geschäft jetzt einen Marktanteil von 17 %, was mehr als doppelt soviel ist wie der von ST Microelectronics (8,2 %). Dazu ist das gemeinsame Verkaufsteam 10x größer als das von National und in Summe werden 42000 Produkte (30000 von TI und 12000 von National) angeboten.

Schon 2010 war TI mit 18 % Marktanteil größter Anbieter von Spannungsreglern. National war der Drittgrößte und zusammen wird TI mit einem Marktanteil von 26,5 % zukünftig den Spannungsregler-Markt dominieren. Bei den Komparatoren wird durch den Zusatzumsatz von National in Höhe von 364 Mio. Dollar sogar ein Marktanteil von 34,2 % erreicht.

Diese aus Sicht der Konkurrenz erschreckenden Zahlen nützen allerdings wenig, wenn sich das Produktportfolio in großen Teilen überschneidet und/oder die Fertigungen nicht zueinander passen. Aber auch hier scheint alles perfekt zu passen.

Bei den Schaltreglern z.B. findet man bei den National-Produkten höhere Eingangsspannungen bis zu 95 V mit vergleichsweise geringen Strömen bis 5 A, während die TI-Produkte für höhere Ströme (bis 25 A) dafür aber geringere Eingangspannungen (30 V) ausgelegt sind. Bei den Hochgeschwindigkeits-A/D-Wandlern finden sich bei TI Produkte mit höheren Auflösungen (14 und 16 bit), während sich National im Wesentlichen auf 8- und 10-bit-Wandler konzentriert hat.

Was die Fabs angeht, hat TI diese weltweit verteilt: Freising, Chengdu (China), Richardson (USA) und Aizu-Wakamatsu (Japan), dazu für Test und Verpackung Clark (Philippinen). National’s Fabs stehen in Greenlock (Schottland) und South Portland (USA), dazu Test und Verpackung in Melaka (Malaysia). Dies bedeutet, dass auch nach der Aquisition alle Fabs symetrisch auf dem Erdball verteilt sind, was das Risiko eines Produktionsausfalls minimiert und die Lieferwege kurz hält. Ebenso spielt die geringe Auslastung der National-Fabs TIs wachsendem Analog-Chip-Ausstoß in die Karten: Beide National-Wafer-Fabs hatten zuletzt nur rund 50 % Auslastung und bieten somit noch eine Menge Potential für zusätzliche Wafer.

Stellt sich am Ende noch die Frage nach den Mitarbeitern. Wie erst kürzlich an dieser Stelle wieder thematisiert, gibt es auf dem Markt einen großen Mangel an erfahrenen und qualifizierten Analog-Designern. Es ist daher mit Sicherheit zu erwarten, dass TI diese mit Freude in die TI-Community aufnimmt. Auch das National-Management kann basierend auf der Erfahrung zumindest teilweise damit rechnen, bei TI weiter beschäftigt zu werden, denn immerhin werden zwei der drei Analog-Abteilungen bei TI von Mitarbeitern geführt, die von gekauften Firmen gekommen sind – das gleiche gilt übrigens auch für den DSP-Bereich. Was administrative Funktionen angeht, gibt es vermutlich wie fast allen Übernahmen keinen Anlass zur Freude, weil eine Doppelung objektiv einfach keinen Sinn macht. Personelle Freisetzungen sind daher wohl auch leider in Nationals Standort in Fürstenfeldbruck zu erwarten.

Durch den Kauf von National Semiconductor wird TIs Analog-Bereich zweifelsfrei noch stärker – die vergleichsweise geringen Produkt-Überschneidungen werden durch die Ergänzungen sowie die zusätzlichen Marktanteile weit überkompensiert. Insofern handelt es sich nicht nur um eine der größten, sondern auch besten Akquisitionen in der analogen Chip-Industrie, zu der man beiden Beteiligten nach meiner Überzeugung nur gratulieren kann.