Kommentar Steht die Chip-Industrie vor einem neuen Abschwung?

Frank Riemenschneider, Elektronik
Frank Riemenschneider, Elektronik

Nachdem Microchip seine Prognose für das abgelaufene 2. Quartal des Geschäftsjahres 2014 reduziert und CEO Steve Sanghi einen Abschwung der gesamten Chip-Industrie prognostiziert hat, stellt sich die Frage: Will Sanghi von internen Problemen ablenken oder stehen für die Halbleiter-Produzenten einmal mehr schwere Zeiten bevor?

Als Steve Sanghi Microchip im Jahr 1990 als CEO übernahm, stand die Firma kurz vor der Insolvenz. Seitdem schreibt Sanghi eine beispiellose Erfolgsgeschichte mit einem profitablen Quartal nach dem anderen, die er in seinem Buch »Driving Excellence« niedergelegt hat. Nichtsdestotrotz sind auch Top-Manager, die das Wort »Top« wirklich verdienen, nicht immun gegen Fehler.

Letzte Woche musste Microchip eine Gewinnwarnung herausgeben, die besagte, dass die letzte Prognose bezüglich des Umsatzes in Q2 2014 vom 31. Juli (es war von 560 bis 575 Mio. Dollar die Rede) auf 546,2 Mio. Dollar zurückgefahren werden muss.

Als Grund gab CEO Steve Sanghi einen schwachen Markt in China, wo Microchip mit 29 % aller Verkäufe seinen größten Umsatzanteil hat (in Asien insgesamt sind es 60 %), sowie hohe Lagerbestände bei Distributoren an. Soweit, so gut, es wurde ja kein Milliardenverlust, sondern »nur« eine Reduktion der Umsatzprognose um ca. 2,5-3 % angekündigt.

Problematischer war da schon Sanghis Vorhersage, dass »another industry correction has begun and that this correction will be seen more broadly across the industry in the near future.« Microchips CEO erklärte, dass man dank mehr als 84.000 Kunden eine Art »Frühindikator« der gesamten Chip-Industrie sei.

Dieses Statement führte dazu, dass neben Microchips eigenem Aktienkurs u.a. auch der von Texas Instruments und sogar von Chip-Riese Intel in den Keller geschickt wurde.

Die Frage, ob Sanghi mit seiner pessimistischen globalen Marktbetrachtung von Microchip-internen Problemen, nämlich primär der Schwäche von Märkten, in die Microchip besonders viele Chips liefert, ablenken wollte, hat sich im Grunde genommen schon beantwortet.

Nur wenige Tage später verkündete der weltgrößte Halbleiterhersteller Intel ein Rekordquartal und auch Linear Technology konnte mit 371,1 Mio. Dollar Umsatz ein Umsatzwachstum von 9 % vermelden. Linears stärkte Marktsegmente sind Industrie (43 %) und Automotive (19 %), nur 3 % kommen aus dem stark schwankenden Konsumer-Geschäft. In den Analysten-Calls erklärten sowohl Intels CEO Brian Krzanich als auch Linears Lothar Maier, dass sie keine Anzeichen für den von Sanghi prognostzierten Abschwung sehen würden. Die Marktforscher von ICInsights glauben weiterhin an ein Wachstum von 5 % im Mikrocontroller-Markt und 7-8 % insgesamt für 2014, 2015 soll sogar ein Wachstum von 9 % möglich sein.

Dann folgten die Quartalszahlen von Wettbewerbern, die noch direkter in den Märkten agieren, in denen auch Microchip tätig ist. Die Ergebnisse: NXP gewachsen, Freescale gewachsen, Texas Instruments gewachsen.

Zusammenfassend gesagt, hat Sanghi sich und seinem Unternehmen mit seiner Aussage keinen Gefallen getan. Aufgerüttelt durch sinkende Aktienkurse haben sich Analysten und CEOs des Wettbewerbs mit der Frage beschäftigt, ob die Chip-Industrie vor einem weiteren Abschwung steht. Beantwortet haben sie die Frage einheitlich mit »Nein«, was den Fokus umso mehr auf Microchips eigene Probleme gelenkt hat. Noch viel schlimmer aus Sanghis Sicht war jedoch, dass Intel, Linear, Freescale, NXP und TI nur wenige Tage nach seiner Prognose mit realen Top-Zahlen geglänzt haben.

In den letzten 24 Jahren hat Steve Sanghi allerdings soviel Pluspunkte gesammelt, dass man gerade ihm diesen Fehler verzeihen sollte. Falls es irgendwann mal eine Biographie über Microchips CEO geben sollte, dürfte er lediglich als Randnotiz in seine sonstige Erfolgsgeschichte eingehen.