Kommentar: Industrie 4.0 und intelligente Instandhaltung Smart Maintenance als Jobmotor der Zukunft

Gerhard Stelzer ist Chefredakteur der Elektronik.
Gerhard Stelzer ist Chefredakteur der Elektronik.

Wenn man von Wartung und Instandhaltung in der Industrie spricht, dann denken die meisten an ölverschmierte Blaumänner und schmutzige Hände. Ohne geht es nicht, wenn in der Produktion mal w­ieder eine Maschine streikt. Ein erstrebenswertes Berufsziel ist das für viele junge Leute nicht mehr.

Wenn wir allerdings unsere Vision von Industrie 4.0 mit bis in die letzten Winkel vernetzten Produktionsmitteln in die Realität umsetzen wollen, dann müssen wir uns künftig von dem Bild klassischer Instandhaltung verabschieden. Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) geht sogar so weit, dass Industrie 4.0 überhaupt nicht ohne „Smart Maintenance“ auskommt, ja, dass die Vision Industrie 4.0 dann langfristig sogar zum Scheitern verurteilt wäre.

Tatsächlich findet hier ein deutlicher Perspektivenwechsel statt: Während der Hype um Industrie 4.0 in erster Linie die Umsetzbarkeit moderner Fabrikkonzepte auf Basis von cyber-physischen Systemen im Auge hatte, rückt nun der Lebenszyklus der Fabriken in den Fokus.

Eine intelligente Fabrik der Zukunft erfordert auch eine ihrer Komplexität entsprechende Instandhaltungsstrategie und daraus abgeleitete Maßnahmen. Die Instandhaltung der Zukunft „ist verantwortlich für Planung, Organisation, Durchführung und Überwachung sämtlicher technischer und administrativer Abläufe zur Inspektion, Wartung, Instandsetzung und Verbesserung von Maschinen und Anlagen. Sie gewährleistet damit die Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit der Maschinen, welche die Leistungsfähigkeit der Industrieproduktion bestimmen“, stellt das acatech-Positionspapier fest.

Es beziffert das instandzuhaltende Maschinen- und Anlagenvolumen allein in Deutschland mit 2,2 Billionen Euro. Das ist keine vernachlässigbare Größenordnung. Acatech unterscheidet dabei direkte Instandhaltung, wie sie bei akuten Ausfällen stattfinden muss, und präventive Instandhaltung, welche die drei- bis fünfmal höheren Kosten einer Störung vermeidet. Allein die präventive Instandhaltung umgerechnet in Anlagenverfügbarkeiten und Produktivitätswerte bringt nach acatech-Schätzungen rund 1 Billion Euro jährlich. Durch die Vernetzung und Zusammenfassung von Materialien, Produkten und Anlagen sowie ihre Ausrüstung mit Sensorik und Aktorik zu cyber-physischen Systemen legt die intelligente Fabrik gleichzeitig die Grundlage für die intelligente Instandhaltung. Stetig verfügbare und frühzeitige Informationen machen die Instandhaltung vorhersehbarer und planbarer.

Diese Entwicklung hat neben der technischen auch eine gesellschaftliche Komponente. Mit zunehmender Automatisierung werden zwangsläufig klassische Arbeitsplätze in der Produktion wegrationalisiert. Hier sieht acatech eine Riesenchance für den Standort Deutschland: „Smart Maintenance wird der Jobmotor der Zukunft sein.“ Statt körperlicher Arbeit gewinnen IT-basierte und planende Tätigkeiten an Bedeutung. Zur Maschine „made in Germany“ muss auch noch der neue Exportschlager „Maintained in Germany“ kommen, fordert acatech. Der Blaumann hat zwar noch nicht ganz ausgedient, rückt aber deutlich in den Hintergrund.